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Sturmflut in Hamburg 1962 Schock mit Langzeitwirkung

Die Sturmflut von 1962 kostete 340 Menschen das Leben. Vor allem im Elbegebiet mit seinen Nebenflüssen richtete sie verheerende Schäden an. Bis heute halten die Hamburger Sturmfluten für die größte Gefahr, die ihnen drohen könnte – und unterschätzen dabei neue Klimaphänomene.

15.02.2012 16:44
Professor Beate Ratter.

Professor Beate Ratter ist Sozialwissenschaftlerin und arbeitet seit drei Jahren an einem Forschungsprojekt, das die Auswirkungen der Sturmflut auf das Bewusstsein der Menschen untersucht.

Frau Professor Ratter, Sie haben herausgefunden, dass die Sturmflut in den Köpfen vieler Hamburger bis heute nachwirkt. Woran liegt das?
Die Sturmflut war für die Hamburger ein traumatisches Ereignis. Man muss sich das vorstellen: Die Menschen hatten den Krieg hinter sich, die Bundesrepublik erlebte ihre Speckjahre. Seit 1825 hatte die Stadt keine schlimme Sturmflut mehr erlebt. Man rechnete einfach nicht damit, dass so eine Naturkatastrophe passieren könnte.

Das klingt, als hätte Leichtsinn die Katastrophe ausgelöst.
Es kamen viele ungünstige Faktoren zusammen. Es herrschte in jener Nacht extrem hoher Seegang und ein starker Wind, aber auch die Dämme waren nicht in Schuss, auf manchen Deichkronen wuchsen sogar Bäume. Das führte zu Dutzenden Deichbrüchen. Außerdem kamen die Un-wetterwarnungen zu spät. Die Menschen sahen, dass die moderne Gesellschaft angreifbar war. Das war ein Schock mit Langzeitwirkung.

Bis heute halten 81 Prozent der Hamburger Sturmfluten für die größte Gefahr. Und das, obwohl die Stadt 140 Kilometer vom Meer entfernt ist.
Diese Zahl stammt aus der Studie des Helmholtz-Zentrums Geesthacht, für die Bürger zu ihrer Wahrnehmung des Klimawandels und seiner möglichen Folgen befragt wurden. 44 Prozent der Befragten waren 2011 der Meinung, dass der Klimawandel eine große oder sehr große Bedrohung für ihre Stadt darstellt. Dass sie eine Sturmflut, die 1962 ja nicht durch den Klimawandel ausgelöst wurde, nach wie vor für sehr gefährlich halten, ist ein Phänomen, zumal die Innenstadt von Hamburg heute bis zu einem Pegelstand von acht Meter über Normal Null gesichert ist. Außerdem ist seit 1976 – von Überschwemmungen im Hafengebiet oder auf dem berühmten Fischmarkt abgesehen – nichts Ernsthaftes mehr passiert. Die Hamburger setzen häufig Klimawandel mit Bedrohungen durch Wasser gleich, anders als die Bremer zum Beispiel, die bei der Sturmflut von 1962 keinen größeren Schaden hatten. Das hat eben mit den historischen Ereignissen zu tun.

Werden durch diese Fokussierung andere Gefahren, die der Klimawandel birgt, übersehen?
Sie werden zumindest unterschätzt. Nur neun Prozent der befragten Hamburger halten Stürme für die Naturkatastrophe mit den potenziell schwersten Folgen für die Stadt, fünf Prozent nennen Starkregen und vier Prozent Hitzewellen. Dabei machen zum Beispiel heftige Regenfälle, verbunden mit Hagelschlägen der Hansestadt immer öfter zu schaffen. Man darf den Klimawandel nicht auf Sturmfluten reduzieren.
Sind eigentlich die Älteren, die die schrecklichen Ereignisse von 1962 noch selbst erlebt haben, die Argloseren hinsichtlich der neuen Klimaphänomene?
Wir haben für die Studie danach gefragt, ob die Menschen es für möglich halten, von einer Naturkatastrophe auch persönlich betroffen zu werden. Überraschenderweise waren das bei den über 60-Jährigen – also den Sturmflutopfern – nur 31 Prozent, während es bei den 14- bis 29-Jährigen 59 Prozent waren.

Woran, glauben Sie, liegt das?
Da kann ich nur spekulieren. Vielleicht sind die Jüngeren nicht mehr so technikgläubig. Die Katastrophe in Fukushima hat möglicherweise dazu beigetragen. Die Sturmflut-Generation dagegen fühlt sich mehrheitlich sicher in Hamburg – Regen, Hagel, Sturm oder Hitze hält sie nicht für gefährlich. Sie hat Schlimmeres überstanden.

Wie lange werden die Erinnerungen an die Hamburger Sturmflut noch fortleben?
Das gesellschaftliche Gedächtnis hält gemeinhin gesagt circa drei Generationen. Noch leben viele Zeitzeugen. Deren Erinnerungen müssen wir nutzen, um ein Bewusstsein für die eigene Verantwortlichkeit zu schaffen. Wir dürfen uns nie zu sicher fühlen.

Das Gespräch führte Ina Pachmann.

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