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Stromnetz Wer hat an der Uhr gedreht?

Schwankungen im Stromnetz sind die Ursache, dass Europa seit ein paar Tagen langsamer tickt.

Herduhr
Aus der Zeit gefallen: Der schnelle Blick auf die Uhr der Mikrowelle ist derzeit leider oftmals nicht verlässlich. Foto: dpa

Wer pünktlich sein will, sollte sich zurzeit nicht nach Uhren in Mikrowellen, Kochherden oder Radioweckern richten. Denn diese sogenannten Synchronuhren beziehen ihren Takt vom Stromnetz – und dessen Frequenz hat in den vergangenen Wochen derart stark geschwankt, dass die Uhren nun bis zu sechs Minuten nachgehen. Betroffen davon ist nicht nur Deutschland, auch in 24 weiteren Ländern in Europa gehen viele Uhren nach.

Der Auslöser für die Schwankungen liegt in den zum kontinentaleuropäischen Stromnetz gehörenden Ländern Kosovo und Serbien. Offenbar haben politische Unstimmigkeiten zwischen den beiden Staaten dazu geführt, dass das Stromnetz seit Mitte Januar zeitweilig unterversorgt war. Der Verband der Europäischen Übertragungsnetzbetreiber Entso-E mahnte eine schnelle Lösung auch auf politischer Ebene an.

Was genau vorgefallen ist, darüber halten sich die Netzbetreiber weitgehend bedeckt. Bei Entso-E in Brüssel heißt es, eines der Länder sei nicht der Verpflichtung nachgekommen, die Schwankungen im Stromnetz auszugleichen „Offenbar gab es zwischen den Behörden im Kosovo und in Serbien Streit darüber, wer welche Menge an Strom einzuspeisen hat“, sagt Olaf Weidner, Sprecher der Stromnetz Berlin GmbH.

Zu Schwankungen im Netz kommt es, wenn Stromerzeugung und -verbrauch nicht im Gleichgewicht sind. Die festgelegte Standardfrequenz im elektrischen Netz Europas beträgt 50 Hertz (Hz). Sie muss zum Beispiel eingehalten werden, damit all die Uhren, die sich nach der Frequenz richten, die korrekte Zeit anzeigen. Aber auch große elektrische Maschinen drohen Schaden zu nehmen, wenn die Frequenz zu tief oder zu hoch ist.

50 Hertz sollen es sein, sind es aber nicht immer

Um die festgelegten 50 Hertz zu halten, gibt es bei den Stromerzeugern eine Art schnelle Reserve, Primärregelung genannt. Es handelt sich um Leistung, die Kraftwerke oder Batterien sehr schnell liefern oder aus dem Netz ziehen können, um kleine Schwankungen auszugleichen. Sie überbrücken die Zeit, bis langsamere Kraftwerke ihre Leistung dem Verbrauch im Netz anpassen können.

Offenbar hat diese Regelung wegen des Streits im Kosovo nicht funktioniert und das Stromnetz wurde nicht ausbalanciert bei 50 Hertz gehalten, sondern hatte zeitweilig eine etwas niedrigere Frequenz. Da auf dem europäischen Kontinent die meisten Stromnetze sozusagen im gleichen Takt schwingen, wirkte sich dieser Fehler auf ganz Europa aus.

Nach Angaben des Übertragungsnetzbetreibers Entso-E haben Kosovo und Serbien 113 Gigawattstunden zu wenig in das kontinentaleuropäische Netz eingespeist. „Die Frequenz im Stromnetz betrug daher in den vergangenen Wochen im Durchschnitt 49,996 Hertz statt 50“, sagt Weidner. Das klingt nach minimalen Schwankungen. Normalerweise ist das Netz aber viel exakter ausbalanciert. Eine solche Frequenzabweichung habe es in dem Netz noch nie gegeben, teilte Entso-E mit.

 

Synchronuhren sind darauf angewiesen, dass die Frequenz des Stromnetzes bis auf wenige Hundertstel Hertz genau ist. Sie nutzen

die 50 Schwingungen pro Sekunde als Taktgeber. Ist die Frequenz tiefer, so dauern die 50 Schwingungen etwas länger – und die Uhr geht nach. Die minimalen Unterschreitungen des 50-Hertz-Standards haben sich offenbar seit Mitte Januar zu einem zeitlichen Verzug von bis zu sechs Minuten summiert.

Die Verbraucher haben nun die Wahl: Sie können ihre Uhren an Mikrowellen und Radioweckern manuell korrigieren. „In einigen Wochen ist dann aber erneut eine Korrektur erforderlich“, sagt Olaf Weidner von Stromnetz Berlin. Denn die fehlende Leistung werde in der nächsten Zeit nach und nach kompensiert. „Dadurch kann es zeitweise zu einer minimal höheren Frequenz als 50 Hertz kommen“, erläutert Weidner. Auf diese Weise wird der Rückstand wieder abgebaut – und die Uhren werden wie von Zauberhand korrigiert.

Die zweite Möglichkeit: abwarten bis die Uhren via Netzfrequenz wieder genau gehen. Wie lange dieser Prozess dauert, ist noch unklar. Weidner vermutet, dass es einige Wochen dauern wird.
Für diese Zeit sollten sich alle, die pünktlich sein wollen, also besser nach Uhren richten, die ihren Takt aus anderen Quellen beziehen.

Funkuhren sind zum Beispiel eine gute Wahl. Sie erhalten von einem Zeitzeichensender ein entsprechendes Signal und haben sich bislang als sehr präzise erwiesen.

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