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Streit um Moschee Das begehrte Wunderwerk

Die Mezquita von Córdoba ist eines der schönsten Gebäude der Welt und seit fast 800 Jahren die Kathedrale der Stadt. Jetzt macht Córdoba der katholischen Kirche den Besitz der alten Moschee streitig.

Córdoba
Eine Kathedrale, die aus einer Moschee hervorwächst: 1984 erklärte die Unesco die Mezquita von Córdoba zum Weltkulturerbe. Foto: imago

Das Staunen hört nie auf. Agustín Jurado hat die Mezquita wahrscheinlich schon Tausende Male besucht, sie ist, wenn man so will, sein Arbeitsplatz. Und dennoch, sagt er, „entdeckst du jeden Tag etwas Neues, eine Struktur, eine Farbe, einen Klang, einen Geruch“. Er macht eine ausholende Handbewegung. „Sieh mal, wie das Licht einfällt!“ Jurado ist kein Schwärmer, er ist ein seriöser Angestellter der katholischen Kirche, Pressesprecher des Kathedralkapitels von Córdoba. Er sagt nur das Offensichtliche: „Sie ist eines der wunderbarsten Bauwerke, das Menschen jemals erschaffen haben.“ Niemand wollte ihm widersprechen.

Die Mezquita von Córdoba ist ein Wunderwerk aus Hunderten und Aberhunderten steinernen Säulen, überspannt und gestützt von einer Doppelreihe rot-weißer Bögen, eine Orgie der Geometrie, ein menschengemachter Wald, der sich in einem fernen Halbdunkel verliert. Doch das wahre Wunder der Mezquita ist ihr Überdauern. Jurado erklärt es: „Im 16. Jahrhundert, zu Zeiten Karls V., war der Moslem das Böse vom Bösen. Es wäre ein Leichtes gewesen, das Symbol der Religion deines Feindes zu zerstören. Hier aber wird es bewahrt.“ Bis heute. Und soll weiter, über alle Zeiten, bewahrt werden. Nur eine Frage ist offen: von wem?

„Mezquita“ ist das spanische Wort für Moschee. Anfang des 8. Jahrhunderts hatten arabische Eroberer große Teile der Iberischen Halbinsel eingenommen und begonnen, sie zu islamisieren. In Córdoba, der alten Hauptstadt der römischen Baetica, ließ der Emir Abd ar-Rahman I. ab 785 eine Moschee an der Stelle einer christlichen Basilika bauen. Das war der übliche Umgang mit den Tempeln der Gegner: Abriss, um am selben Ort ein Gotteshaus der eigenen Religion zu errichten, als Demonstration der Macht und Überlegenheit. Córdoba wuchs danach zu einer der bedeutendsten Städte der Welt heran, und mit der Stadt wuchs die Moschee, bis sie Ende des 10. Jahrhunderts ihre heutige Größe erreichte. Allein der Gebetsraum hat eine Grundfläche von annähernd 15 000 Quadratmetern, etwa so viel wie der Petersdom. Ein Prachtbau des Glaubens.

Als 1236 nach erfolgreichem Feldzug wieder Christen die Macht in Córdoba übernahmen, ließen sie sich von der Schönheit der Mezquita versöhnen. Statt das Gebäude abzureißen, widmeten sie die Moschee zur Kathedrale um und tasteten sie fast 300 Jahre lang kaum an. Im 16. Jahrhundert erteilte Karl V. schließlich die Erlaubnis, im Inneren der Mezquita ein Kirchenschiff zu errichten. Ein brutaler Eingriff, ein Frevel, der ein einmaliges Doppelwesen schuf: eine Moschee, die auch Kirche ist, eine Kathedrale, die aus einer Moschee hervorwächst. „Das Gebäude erzählt uns die Geschichte der Architektur“, sagt Agustín Jurado. „Es führt eines mit dem anderen zusammen, nimmt eines im anderen auf, ohne etwas auszuschließen.“

Die Geschichte hat so weit ein verträgliches Ende genommen. 1984 erklärte die Unesco die Mezquita von Córdoba zum Weltkulturerbe. „Die Entscheidung hatte natürlich mit der außergewöhnlichen Schönheit der Mezquita zu tun“, sagt der langjährige Generaldirektor der Unesco, Federico Mayor Zaragoza, aber darüber hinaus mit dem „Prinzip der Harmonie, der Koexistenz, der Eintracht“, das die Mezquita in ihrer Doppelgestalt als Moschee und Kathedrale repräsentiere.

Doch nun sieht Mayor Zaragoza diese Prinzipien gefährdet. Er erkennt seit einigen Jahren einen „inakzeptablen Rückschritt“, eine „Inbesitznahme“ der Mezquita durch die katholische Kirche, die ihm nicht gefällt. Vor kurzem hat ihn die sozialistische Bürgermeisterin von Córdoba gebeten, die Leitung einer Expertenkommission zu übernehmen, die eine Strategie entwickeln soll, wie die Mezquita in öffentlichen Besitz zu überführen wäre. Mayor Zaragoza hat den Auftrag mit Begeisterung angenommen. Am 22. Juni will sich die Kommission zum ersten Mal treffen.

„Die Kirche hält sich für die Herrin der Mezquita“, sagt Miguel Santiago. „Doch deren wahre Herren sind die Cordobesen.“ Santiago ist einer von ihnen, ein pensionierter Biologielehrer, der sich „an die Schönheit der Mezquita nie gewöhnt“ und der deswegen um sie kämpft. Denn so wie der Ex-Unesco-Direktor Mayor Zaragoza glaubt Santiago, dass sie in Gefahr ist. Vor drei Jahren rief er die „Plattform Mezquita-Catedral für alle“ ins Leben, die sich zum Ziel gesetzt hat, die Alleinherrschaft der Kirche über die Mezquita zu beenden. Er hat eine ganze Menge Staub aufgewirbelt. Möglicherweise hat er sogar versehentlich einen Kulturkampf angezettelt. „Wir wissen alle, was die westliche Kultur ist“, sagt Manuel Pérez Moya, der Präsident des Kathedralkapitels von Córdoba. „Manche sehen Anzeichen für ihren Niedergang. Und es gibt Leute, die diese Schwäche der europäischen Kultur ausnutzen.“ Pérez Moya nennt keine Namen. Aber Miguel Santiago wäre wohl einer dieser Leute.

Was Santiago zu seinem Kampf bewegte, war eine Umbenennung. In Córdoba wird die Mezquita seit langem Mezquita-Catedral genannt, weil sie ja beides ist, ehemalige Moschee und Kathedrale. Auf einmal verschwand die Mezquita aus dem Namen. Auf den Broschüren und den Eintrittskarten stand plötzlich nur noch „Catedral de Córdoba“. Absurd, fand Santiago. „Die Leute kommen nicht hierher, um vor der Kathedrale niederzuknien“, sagt er, „sie kommen, um die Mezquita zu sehen.“ Eine Recherche im Grundbuchamt ergab, dass sich die Kirche die Mezquita im Jahr 2006 als ihr Eigentum hatte einschreiben lassen, so wie es nach damaligem Recht möglich war. Dass ein Gebäude, das seit fast 800 Jahren als Kathedrale dient, der Kirche gehört, ist nicht abwegig. Doch nach der formellen Aneignung schien die Kirche den moslemischen Ursprung ihrer Mezquita möglichst vergessen zu wollen.

Der Lärm, den Miguel Santiago mit seiner Plattform machte und der in der ganzen Welt gehört wurde, hat sein erstes Ziel erreicht: Die Kathedrale heißt seit einiger Zeit wieder Mezquita-Catedral. Aber Santiago will mehr: Die Mezquita soll der Öffentlichkeit gehören, zum Beispiel der Regionalregierung von Andalusien, damit sie in Zukunft „so technisch, so wissenschaftlich“ wie möglich geführt werde. Und nicht nach dem Gutdünken der Kirche. An einer Säule im alten Moscheebereich hängt seit kurzem ein ziemlich kitschiges Gemälde von Mutter Teresa, und nicht weit von der Mihrab, der islamischen Gebetsnische, steht neuerdings eine Skulptur des Heiligen Juan de Ávila. „Sie katholisieren jeden Winkel, damit man nicht vergisst, dass man in einer Kathedrale ist“, meint Santiago.

Dass die Mezquita weiter als Kirche genutzt wird, dass hier täglich Messen gelesen werden, dagegen hat Santiago nichts einzuwenden. „Was einmal aus der Mezquita wird, ob sie bleibt, was sie ist, ob sie eine geteilte Nutzung erhält, ob sie ein weltliches Museum wird, das werden die Zeit und die Geschichte zeigen“, sagt er. Erst einmal soll der Besitztitel der Kirche widerrufen werden.

Aus Sicht der Kirchenführung gibt es dafür nur ein Wort: Enteignung. Die Pläne seien „ein Anschlag auf den Privatbesitz“, sagt Agustín Jurado. „Und der Privatbesitz wird von der Verfassung geschützt.“ Schließlich habe sich die Kirche 800 Jahre lang um den Erhalt der Mezquita gekümmert. „Wenn hinter diesem Monument nicht eine Institution gestanden hätte, die es lebendig erhielt, wäre es verfallen und zu Recyclingmaterial für andere Bauten geworden“, meint der Präsident des Kathedralkapitels Pérez Moya.

Ein Argument, das Miguel Santiago nicht überzeugt. Es sei das Volk von Córdoba gewesen, dass sich im 16. Jahrhundert gegen die Kirche erhoben habe, um einen Abriss der Mezquita zu verhindern. Und immer wieder habe der Staat in seinen Erhalt investiert. Nein, für ihn kann die Mezquita nicht Privatbesitz der katholischen Kirche sein. Er hat schon viele überzeugt. So wie Federico Mayor Zaragoza, der sich in wenigen Tagen an die Arbeit machen will, um mit seiner Expertengruppe ein Konzept für die Verstaatlichung des Gotteshauses zu entwickeln. „Wir sind ein demokratisches und, was man nicht vergessen soll, ein konfessionell neutrales Land – auch wenn das vielen nicht gefällt“, sagt der frühere Unesco-Direktor. Aber er sei sehr gelassen. „Das wird sich alles ganz schnell lösen.“

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