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Straßenmusiker Krach als Kunst verkleidet

Wie gehen Städte mit Straßenmusik um? Die Stadt Dresden hat für das Thema eine App entwickelt.

Fete de la Musique
Je nach Qualität ist Straßenmusik mehr oder weniger beliebt. Foto: rtr

Wilhelm Busch wusste Bescheid. Musik werde oft nicht schön empfunden, reimte der Dichter, „weil stets sie mit Geräusch verbunden“. Ein Befund, der besonders für Straßenmusik in deutschen Großstädten gilt. Im Sommer verwandeln sich Einkaufsstraßen zwischen Hamburg und München bei schönem Wetter regelmäßig in Bühnen, auf denen selten einmal ein begnadeter russischer Akkordeonvirtuose Nicolai Rimski-Korsakows Hummelflug spielt, dass einem der Atem stockt.

Häufiger sind es mehr oder weniger geübte Bob Dylans, Leonard Cohens, Panflötenspieler oder mutige Saxofonisten, die ihr Bestes geben. Oder was sie dafür halten. Straßenmusik nehme seit Jahren stark zu, hat der Städte- und Gemeindebund herausgefunden und erinnert daran, dass es neben der Kunstfreiheit auch die Pflicht der Politik gebe, Menschen vor Lärm zu bewahren.

Dresden ist alt und schön, ein Ort für Hunderttausende Touristen jedes Jahr und damit auch die Bühne für zahllose Straßenmusiker. Die vergangenen Jahre war Dresden sehr großzügig im Umgang mit ihnen. Bis sich eine neunköpfige lebhafte slowakische Kapelle in der Innenstadt niederließ, die alles beherrschte, nur nicht Gesang und Instrumente. Sie waren laut, sie waren engagiert, sie waren leider auch sehr unmusikalisch. Es störte sie nicht, aber immer mehr andere. Irgendwann kannte sie und ihr Gebrüll jeder in Dresden. Sie waren Gesprächsthema und auch sehr, sehr tolerante Zeitgenossen sprachen irgendwann mit biblischem Ernst von einer „Plage“ und „Heimsuchung“.

Gefürchtete Kapelle

Monatelang wurde im Stadtrat diskutiert, weil es immer mehr massive Beschwerden gab. Die Kapelle war gefürchtet. Es war wie im Märchen vom Hasen und Igel. Rief ein nervlich zerrütteter Ladenbesitzer die Polizei, gab es eine kurze Ermahnung, die „Musiker“ zogen ein paar Meter weiter, bauten sich dort wieder auf: Und weiter ging’s. Sie waren überall.

Das Oberlandesgericht in Hörweite war irgendwann nicht mehr in der Lage, bei offenen Fenstern zu arbeiten und zu urteilen. Der Betriebsrat von Peek & Cloppenburg beklagte, zwei ihrer Verkäuferinnen hätten aus Verzweiflung über den talentfreien Krach Anzeige wegen Körperverletzung erstattet. Museumsleute beschwerten sich über die ständige Beschallung, Mitarbeiter der Frauenkirche klagten und Buchhändler, die ihre Ladentüren zumachen mussten, weil sie sonst ihr eigenes Wort nicht mehr verstanden haben.

Nun ist Dresden aktiv geworden. Das Rathaus kreißte und gebar eine App. Musiker oder solche, die sich dafür halten, können und müssen sich nun per App eine Genehmigung holen. Eine Straßenmusiker-App – das ist neu unter Deutschlands Städten.

Wer kein Smartphone hat, muss zur Dresdner Straßen- und Tiefbauverwaltung und dort mündlich alles regeln. Die Stadt ist nun eingeteilt in Zonen, wo „akustisch wahrnehmbare Straßenmusik“ im Frühling und Sommer für jeweils 30 Minuten, im Herbst und Winter für zweimal 30 Minuten erlaubt ist. Einzeltalente oder Gruppen bis fünf Leute dürfen zwischen 9.30 und 22 Uhr loslegen, zwischen 13 und 15 Uhr ist Mittagspause. CDs dürfen verkauft, aber niemand darf belästigt werden. Einige Teile der Prager Straße, der großen Einkaufsmeile Dresdens, aus denen in den vergangenen Jahren die meisten Beschwerden kamen, werden zur musikfreien Zone.

Ob das zum straßenmuskalischen Frieden in Dresden beiträgt? Abwarten. Einige schlaue Geschäftsleute, wird erzählt, mieten sich nun selbst Zeiten und Zonen. In ihrem Fall dann: Ruhezonen. Der MDR reagierte entsetzt und verfasste ein „Klagelied auf die Regulierungswut“. Musiker müssten jetzt Plätze buchen, sie müssten sich beeilen, um rechtzeitig von A nach B zu kommen. Am Ende würden die Könner die Stadt meiden, weil sie das alles nicht mitmachen wollten.

Die gefürchtete Kapelle ist schon weg. Aus welchen Gründen auch immer. Angeblich über Leipzig nach Berlin verschwunden, wo sie schon am Alexanderplatz gehört worden sein soll. In München, so viel steht fest, wäre so etwas nicht passiert. Dort, erklärt eine Rathausmitarbeiterin, müssten sich seit zehn Jahren alle Sänger, Musiker und Bands im Rathaus vorstellen und vorspielen oder vorsingen. Wenn sie nichts können, dann gibt es keine Erlaubnis. Wie das funktioniert? Ohne App, ohne Dieter Bohlen, ohne künstlerische Jury. Es waltet der behördliche Kunstsinn: „Einer im Informationsamt“, erzählt die Dame, „hört sich das an und entscheidet dann. Fertig.“

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