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Straßenbeleuchtung Das Leuchtenmassaker

Ein Zeitalter geht dem Ende entgegen: das der Gasbeleuchtung. Von den weltweit einst Millionen gasbetriebenen Straßenbeleuchtungen gibt es heute gerade noch etwa 100.000 - und von diesen stehen 44.000 im einstigen West-Berlin. Doch auch die Hauptstadt rüstet um.

18.04.2012 17:34
Von Nikolaus Bernau
„Gaslicht-Kultur“ und „Denk mal an Berlin“: Die Zahl der Unterstützer der traditionellen Gaslaternen in Berlins zu beleuchtenden Außen- und Innenbereichen wird größer und größer. Foto: dpa

Es ist Blaue Stunde, um das einstige Amtsgericht in Berlin-Charlottenburg gehen die Lichter an. Windscheidtstraße, Witzlebenstraße, Lietzenseeufer. Ein hoch bürgerliches Quartier, bebaut um 1900. Üppige Fassaden, die gardinenfeindliche Mode öffnet den Blick auf Bücher, Kronleuchter, schöne Möbel. Man weiß sich hier urban zu präsentieren. Zwischen den Bäumen strahlen sanft Gasleuchten auf. Ein solarbetriebenes Schaltgerät oben auf ihren Hauben hat signalisiert, dass es Zeit zur Zündung des Glühstrumpfs ist.

Sternförmig entwickelt sich ihr Licht, warm, hell. Nicht gleißend, sondern seidig-freundlich. Immer wieder liest man, Gaslicht sei gelb oder gar schummrig. Mitnichten. Es ist fast weiß und hell, alle Farben des Sonnenspektrums vermischen sich in diesem kontrollierten Glühen.

1828 brannten die ersten Gaslampen in Berlin

Kaum etwas trennt die vorindustrielle Zeit so sehr von der heutigen wie das Licht. Nur wenige Lichtflecken konnten Kienspäne aus harzreichem Holz, blakende Petroleum-, Planzenöl- und Walratlampen sowie Wachskerzen ins nächtliche Dunkel zaubern. 1667 war Paris die erste europäische Stadt, die auch ihre Gassen beleuchten ließ. 1807 standen an der Londoner Pall Mall einige gasbetriebene Lampen, 1811 brannte in Freiburg die erste deutsche Gas-Straßenlampe. Es waren Spielereien: Ein Weltraumbild der Erde um 1830 hätte sich kaum unterschieden von dem der Steinzeit.

Dabei entdeckte der Pfarrer und Naturforscher John Clayton schon 1684, dass man aus Steinkohle ein kontrolliert abbrennbares Gas gewinnen kann. Aber erst 1814 wurde in London die erste systematische Straßenbeleuchtung mit Gasleuchten eingeführt. 1828 brannten dann schon die ersten Lampen in Berlin und im damals noch englisch dominierten Hannover. In Frankfurt am Main und bei Dresden startete die Gaserzeugung.

Der Siegeszug des Gases begann. Speicher und Schornsteinreihen der Gaswerke beherrschten schnell das Stadtbild aller Metropolen Europas, Asiens, Nord- und Südamerikas. In den Wohnungen, Fabriken und Büros verliefen Gasleitungen an den Decken, um Lampen zu befeuern, Dampfmaschinen wurden mit Gas betrieben und konnten dank des Lichts nun auch in Nachtschichten bedient werden. Es gab schon Ende des 19. Jahrhunderts Gasdurchlauferhitzer und Gasbadeheizer, Gaskühlschränke, Gasherde, Gas-Automobile.

Viele revolutionäre, reaktionäre und reformerische Bewegungen seit dem 19. Jahrhundert wären ohne Gaslicht unmöglich gewesen: Wer sich nach der Arbeit bilden wollte, um die Vorherrschaft der alten Eliten zu brechen, brauchte dafür billiges Licht. Gas lieferte es.

Zerstörung der Gas-Infrastruktur im Zweiten Weltkrieg

Zerbrochen wurde diese Kultur letztlich erst durch die gewaltige Zerstörung der technischen Gas-Infrastruktur im Zweiten Weltkrieg. Seither begann die flächendeckende Umstellung unserer Zivilisationen auf Elektrobetrieb, wird Stadtgas und später Erdgas im Wesentlichen zum Erzeugen von Wärme benutzt. Heute gibt es etwa von den weltweit einst Millionen gasbetriebenen Straßenbeleuchtungen gerade noch etwa 100.000, und von diesen stehen 44.000 im einstigen West-Berlin. Noch. Wenn dieser Sonntag vergangen ist, beginnt nämlich der 2007 beschlossene Abbruch auch dieses Rests einer großen Kultur. Das Gas, dieser sanfte, zarte Beleuchtungsstoff, soll dann nur noch in einigen verstreuten Denkmalinseln erhalten bleiben.

Die Elektroindustrie wirbt seit den 1880er-Jahren mit raffinierten Plakaten, grandiosen Architekturen und immer neuen Produkten für sich. Die Gasindustrie hingegen verließ sich allzu lange auf ihre angestammte Marktmacht. Charakteristisch dafür ist, dass es ein breites Angebot elektrisch betriebener Straßenbeleuchtungen gibt. Gasleuchten hingegen existieren selbst in Berlin nur in vier Grundtypen, und von denen stammt nur einer aus der Nachkriegszeit. Da ist die sechseckige "Schinkel"-Leuchte mit ihren schrägen Scheiben.

Die ersten wurden 1847 aufgebaut, Schinkel starb schon 1841. Ein Assessor hat wohl den Entwurf aus den Schubladen der Bauverwaltung gezogen. Schinkel-Leuchten konnten einzeln aufgestellt, aber auch zu Kandelabern kombiniert werden. Da sind die eleganten Hängeleuchten, bei denen das Gas durch hochgebogene Rohre geführt wird - die Boulevards von Paris oder der Kurfürstendamm bezogen ihren Glanz von ihnen. Die Masse der Straßenbeleuchtung aber wird durch runde Aufsatzleuchten geleistet, mit harfengleich geschwungenen Haltestäben. In den 1920ern wurde diese nett-klare Form entwickelt, damals, als man nicht mehr die Pracht der Kaiserzeit wollte und die Schlichtheit des Biedermeier kleinstädtisch erschien.

Von den 33.000 in Friedenau, Frohnau, Charlottenburg oder Lichterfelde noch stehenden Aufsatzleuchten stammen viele aus der Nachkriegszeit, als in West-Berlin gegen allen Trend die Gasbeleuchtung der Straßen eine Renaissance erlebte. Die meisten Städte Europas und Nordamerikas stiegen damals auf den elektrischen Betrieb ihrer Straßenbeleuchtungen um, in Ost-Berlin begann der flächendeckende Ersatz um 1960, selbst das sonst so konservative Wien nahm seine 45.000 Gasstraßenlampen schon 1962 außer Betrieb. Nur in Frankfurt am Main und Düsseldorf gibt es noch flächendeckende Gasbeleuchtungen, sonst allenfalls an sentimental dekorierten Altstadtplätzen.

Insektenfreundliches Licht

Auch in West-Berlin ging es um 1950 weniger um die flimmernde Ästhetik des Gaslichts als um Selbstbehauptung im Kalten Krieg. Nie wieder wollte die Halbstadt den dunklen Winter der Blockade von 1948 erleben. Gas- oder Elektroleitungen hätten von "den Roten" in der DDR jederzeit blockiert werden können. Also wurde Kohle gehortet, auch als Grundstoff für Stadtgas.

Und es wurde eigens eine neue Straßenleuchte entwickelt, der amerikanisch-modernistische, frisch geschwungene Peitschenmast mit in Reihen angeordneten Gasbrennern. Noch 8.000 gibt es von ihnen, ganze Straßenzüge prägen sie. Doch gerade diese genuin West-Berliner Erfindung soll bis 2016 als erste Gasleuchte vollständig verschwinden. Seit Jahren protestieren deswegen Gaslicht-Enthusiasten, Biologen und Naturschützer, die das weiche, ultraviolettarme Licht als insektenfreundlich schätzen, der Verein DenkMal-an-Berlin und jetzt auch die internationale Denkmalpflegevereinigung Europa Nostra.

Die wichtigsten Argumente gegen das Gaslicht sind seit den 1920er-Jahren die gleichen: Die Lampen seien zu pflegeintensiv und zu teuer im Betrieb. 330 Euro pro Jahr und Gasleuchte rechnet der Berliner Senat derzeit, Ersatzteile seien nur noch in Indien zu besorgen. Eine Elektrolampe koste 30 Euro im Jahr. Die Gaslicht-Freunde setzen dem entgegen, dass diese Preisspanne erstens von einem Manager des Stromerzeugers Vattenfall berechnet wurde, dem der Senat die Betreuung auch der Gasstraßenleuchten überlassen hat, und zweitens neue Entwicklungen der Gasindustrie zu einer Senkung der Kosten führen könnten. Könnten. Irgendwann einmal.

Stärker sind die energetischen Argumente pro Gasleuchten. Angeblich verbrauchen sie zu viel Energie und produzieren zu viel CO2. Wie in der Debatte um die Total-Isolierung von Häusern fehlt aber auch hier durchweg die Berechnung der Energiegesamtbilanz. Was wird an in Eisen und Stahl, Beton und Maschinen gebundener Energie vernichtet erst durch den Abbruch der alten Leuchten, ihren Abtransport, das Einschmelzen zu neuen Werkstoffen, was wird neuerlich verbraucht an Energie und CO2 durch die Produktion neuer Lampen, deren Transport, deren Aufstellung? Wie lange müssen die neuen Leuchten halten, um diese Bilanz auszugleichen? Ist die Direktverbrennung von Erdgas nicht energieeffizienter als die Produktion und der Transport von Strom? Solche Berechnungen fehlen in den Kalkulationen der Energiewerke und der Politiker.

Eine Subvention der Elektroindustrie?

Handelt es sich also, wie manche Gaslampenfreunde vermuten, beim derzeit auf 6 Millionen Euro angelegten Umrüstungsprogramm um eine Subvention der gerade in Berlin sehr mächtigen Elektroindustrie? Es wird im Senat viel von der "Elektropolis" Berlin gesprochen, sogar der Welterbetitel dafür angestrebt. Die Ausstellung zur Lichtkultur Berlins im Stadtmuseum vor einigen Jahren war eine kaum verhohlene Werbeveranstaltung der Elektroindustrie. Von einer kommunalen Leidenschaft für die "Gasopolis" Berlin hat man noch nie gehört.

Peitschenmasten waren schon 1961 Wolf-Jobst Siedler in seiner Schrift "Die gemordete Stadt" Inbegriff einer kalten Moderne, gegen die er Fotografien verschnörkelter Schinkelleuchten setzte. Das Buch ist bis heute die Bibel derjenigen, die die Berliner Stadtbaupolitik seit den 1980er-Jahren dominieren. Es überrascht also wenig, dass nur Schinkel-, Hänge- und Aufsatzleuchten im Senat als denkmalwürdig gelten, nur für sie nach Möglichkeiten gesucht wird, die alten Lampen elektrisch umzurüsten. Die eleganten Peitschenmasten aber, diese Symbole eines neuen, um seine Demokratie kämpfenden und energisch modernen West-Berlins, sollen verschwinden. Kaum wird man mit ihrem Abbruch das Weltklima retten können. Aber das kulturelle Vorurteil gegen die Nachkriegsmoderne, das hat sich damit wieder einmal Luft verschafft. Vielleicht werden ja die Lampenköpfe als Souvenirs verkauft. In Wien hat man damit vor fünfzig Jahren viel Geld gemacht.

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