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Stonehenge Die heilige Geldmaschine

Zur Sommersonnenwende am 21. Juni versammeln sich Tausende in Stonehenge zu kultischen Ritualen. Die übrige Zeit des Jahres streiten die Briten über hohe Eintrittspreise.

Stonehenge
Ein seltener Anblick: Stonehenge, menschenleer. Foto: imago

Die Museumsbehörde English Heritage rät Besuchern des Steinkreises ganz sachlich    zu festem Schuhwerk, einem kleinen Regenschirm (große sind verboten) sowie warmer Kleidung. Schließlich werden die Nächte auf der Hochebene der südenglischen Grafschaft Wiltshire auch im Juni gelegentlich empfindlich kalt. Regenjacken in Signalfarben sind allerdings unerwünscht, denn sie „könnten die Rettungskräfte verwirren“. Auch Hunde, Glasflaschen und große Rucksäcke sind verboten. Dafür gibt es die ganze Nacht über warmes Essen sowie Tee und Kaffee.

Es ist also alles bereit für die Sommersonnenwende am berühmten Steinmonument von Stonehenge, das die Unesco zum Weltkulturerbe zählt. Wie in den vergangenen Jahren dürften sich auch diesmal wieder Tausende von Esoterikern und Druiden versammeln. Dafür gibt es zwei Gründe, einen profanen und einen spirituellen: Mit der Wintersonnenwende gehört dieser Donnerstag zu den einzigen beiden Tagen im Jahr, an denen Stein-Begeisterte keinen Eintritt bezahlen müssen. Und zum einzigen Mal im Jahr erreicht die Sonne die Mitte des Steinkreises. Wenn sie denn zur avisierten Zeit von 4.52 Uhr überhaupt scheint, die Vorhersage ist diesbezüglich etwas vage.

Was Stonehenge betrifft, befinden sich die Wetterfrösche damit in guter Gesellschaft. Schöne Ideen, wenig Klarheit – so lassen sich die wissenschaftlichen Darstellungen all jener zusammenfassen, die im Lauf der vergangenen Jahrhunderte die Funktion der mysteriösen, tonnenschweren Blausteine aus den walisischen Preseli-Bergen im 200 Kilometer entfernten Pembrokeshire zu ergründen versuchten.

Stonehenge sei eine Heil- und Pflegeanstalt für leidende Urmenschen gewesen, glauben die einen, während die anderen eher theologischen Theorien anhängen. Handelte es sich um ein urzeitliches Observatorium? Oder war der vielleicht berühmteste prähistorische Steinzirkel am Ende doch eine Grabstätte für die Schönen und Reichen der Jungsteinzeit? Rätsel über Rätsel. 4500 bis 5000 Jahre alt sind die Felsbrocken, viel präziser geht es nicht. Das ist ja dank modernster wissenschaftlicher Methoden immerhin schon ziemlich genau. Aber es bleibt nun einmal dabei: Wer sich mit Stonehenge beschäftigt, bewegt sich rasch im Ungefähren und Mystischen.

In der Zeitrechnung von Archäologen und Steinkreis-Enthusiasten sind ein paar Jahrzehnte also eine lächerlich geringe Zeitspanne. So lange wird nun schon darüber diskutiert, wie das Weltkulturerbe am besten für die Nachwelt erhalten werden kann. Ein wichtiges Problem stellt dabei die vielbefahrene Landstraße A303 dar, die eine aus London führende Autobahn mit einer anderen im Südwesten der Insel verbindet. Tag und Nacht donnert der Schwerverkehr am Steinkreis vorbei, Denkmalschützern ist das seit Langem ein Dorn im Auge.

Nun hat Highways England, die zuständige Behörde, einen ambitionierten Plan vorgelegt: Ein knapp drei Kilometer langer, vierspuriger Tunnel, Teil eines 1,8 Milliarden Euro teuren Faceliftings für die A303, soll ab 2026 den Verkehr vom Nationalheiligtum wegführen. Diese Planung sei „erheblich mängelbehaftet“, der Tunnel zu kurz, finden hingegen die Gutachter des britischen Unesco-Komitees, befürchten negative Auswirkungen der Bauarbeiten auf andere Ausgrabungsstätten rund um Stonehenge.

Einen ganz anderen Einwand erhebt Sir Simon Jenkins, 75, der als früherer Times-Chefredakteur sowie Vorsitzender des für Denkmalpflege und Naturschutz eintretenden National Trust selbst so etwas wie ein Nationalheiligtum darstellt. Normale Briten, so der umtriebige Journalist, könnten den Steinkreis am besten von dort aus genießen, wo sie sich ohnehin gern aufhielten, nämlich im eigenen Auto. „Die Steine sehen aus einiger Distanz großartig aus. Ein flüchtiger Blick reicht aus, nähere Inspektion ist gar nicht nötig“, lautet Jenkins‘ verblüffende Argumentation. Da die Verlegung der A303 in einen Tunnel Hunderttausenden von Autofahrern jährlich diesen erhebenden Augenblick verwehren würde, solle man das teure Projekt doch einfach begraben.

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