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Stolpersteine Mahnmale vor der eigenen Tür

Acht Stolpersteine vor ihrem Haus veranlassten FR-Autorin Ingrid Müller-Münch, auf Spurensuche zu gehen. Die Geschichte eines jüdischen Ghettohauses.

15.07.2014 14:06
Ingrid Müller-Münch
Die Mahnmale vor der Haustür der Autorin. Foto: Ingrid Müller-Münch

Ganz am Ende meiner Suche, als ich fast schon aufgeben wollte, fand ich dann doch noch eine Spur der Meyers. Sie verbarg sich hinter einer Suchmeldung, die im Sommer 1949 unter der Rubrik „Vermischte Privatanzeigen“ in der „Kölnischen Rundschau“ erschienen war. Dort hieß es: „Wer kann Angaben über die Eheleute Markus Meyer und Fanny geb. Blumenthal aus Köln“ machen, „die in den Jahren 1941 oder 1942 von den Nazis verschleppt und offenbar getötet worden sind.“ Den Inserenten interessierte insbesondere, ob ein Testament von den Meyers existiere und er bat um „etwaige Angaben“ hierzu unter Chiffre „QC 1770.“

Ich stieß auf diese Anzeige beim Stöbern in den verstaubten Akten des Berliner Bundesamtes für zentrale Dienste und offene Vermögensfragen. Was mich dorthin verschlagen hat? Ich bin umgezogen – in ein unscheinbares 60er-Jahre-Haus. Nachdem die Kleiderschränke eingeräumt, die Deckenlampen installiert waren, als der Schreibtisch an seinem Platz stand, die Bücherrücken in den Regalen das erste heimelige Gefühl verströmten – da bemerkte ich sie auf dem Bürgersteig vor dem Haus: Acht kopfsteingroße Messingplaketten mit Inschriften. Dort, wo ich noch Tage zuvor den Sperrmüll gestapelt hatte. Eine junge Mutter kam mit ihren Kindern vorbei. Ein kleines Mädchen zeigte auf die in der Sonne fast golden glitzernden Quadrate, eingelassen in das Pflaster des Trottoirs, und fragte: „Was ist das?“. Woraufhin die Mutter antwortete: „Da stehen Namen drauf: Perez Ruwalski, Hilda Ruwalski, Emil Benjamin, Chiel Ruwalski, Julius Stern, Bertha Stern, Markus Meyer und Else Benjamin.“

Diese kurze Begegnung hat mich um die Unbefangenheit gebracht, mit der ich in meine neue Wohnung eingezogen war. Die in die Messingtäfelchen eingeprägten Namen ließen mich nicht mehr los. Was hat hier eigentlich früher für ein Haus gestanden?, fragte ich mich. Wer waren diese acht Menschen? Unter dem Namen von Perez Ruwalski steht: „1941 verschollen in Auschwitz“. Sein ebenfalls eingemeißeltes Geburtsdatum ergibt, dass er zu dem Zeitpunkt 19 Jahre alt war. Auch hinter allen anderen Namen steht entweder „verschollen“ oder „für tot erklärt, 1941 in Lodz“. Mehr nicht.

Ich wusste, dass diese Stolpersteine zu einer Kunstaktion des Kölner Bildhauers Gunter Demnig gehören. Bei ihm kann man sie in Auftrag geben. Inzwischen hat er in 17 europäischen Ländern insgesamt etwa 45.000 solcher Steine verlegt. Von ihm erfuhr ich, dass er diese acht Stolpersteine vor der Rolandstraße 63 etwa im Jahr 2004 gelegt hatte, um daran zu erinnern, dass hier einst ein „Ghettohaus“ stand, von den Nazis „Judenhaus“ genannt „Dort wurden Menschen interniert, kann man sagen, reingepresst, um dann von dort aus deportiert zu werden“, erklärte er.

Seitdem weiß ich, dass ich nun an einem Ort lebe, an dem vor über 70 Jahren jüdische Menschen auf ihre Deportation warteten. Angsterfüllt. Hungrig. Frierend. Auf engstem Raum. Ein Wissen, das mir keine Ruhe mehr ließ. Mein neues Zuhause ist ein Nachkriegsbau (zur Zeit wird direkt davor gebaut, weshalb man es nicht im Bild zeigen kann), das vorherige Gebäude wurde im Krieg durch Bomben zerstört. Meines Wissens nach existiert nur eine einzige offizielle Fotografie, auf der man das ehemalige Haus sieht. Ein Altbau aus der Gründerzeit. Genaueres kann man nicht erkennen.

Tore in die Vergangenheit

Also machte ich mich auf die Suche. Meine erste Recherche-Station war das Kölner NS-Dokumentationszentrum. Mit der Historikerin Barbara Becker-Jakli begann mein Aufspüren der wenigen Spuren, die jene Menschen hinterlassen hatten, die vor mir an dieser Stelle lebten. Mit dem Kontakt zu dieser Historikerin öffneten sich die Tore in eine Vergangenheit, die nur noch in alten Adressbüchern existiert. In Deportationslisten, Wiedergutmachungsakten, Rückerstattungsdokumenten, eidesstattlichen Versicherungen. Relikte des Bemühens einer Handvoll in aller Welt verstreuter Kinder, Nichten, Neffen, Brüder wenigstens ein klein wenig entschädigt zu werden für das, was Eltern, Verwandten angetan worden war.

Damit begann die Spekulation. Emil und Else Benjamin, das ging aus Akten hervor, hatten einen Sohn. Walter. Vermutlich hatten ihn seine Eltern noch in letzter Minute auf einen der Transporte nach England schicken können, dorthin, wo britische Familien und Heime nach der Reichspogromnacht 1938 bereit waren, jüdische Kinder aufzunehmen. Somit war er, als das Ehepaar Benjamin in die Rolandstraße 63 zwangseingewiesen wurde, längst in Sicherheit. Nur so viel konnte ich dem Schriftverkehr zu Beginn der 50er Jahre entnehmen, durch den ihr Sohn Walter versuchte, verdiente sein Geld als Wäschereiarbeiter. Sicherlich nicht die Zukunft, die ihm seine einst gutbürgerlichen und gutsituierten Eltern gewünscht hätten.

Mit Barbara Becker-Jakli stöberte ich in alten Adressbüchern, die, so erklärte sie mir, zwar „nüchtern aussehen, aber hinter deren Nüchternheit sich schreckliche Schicksale verbergen“. Aus dem Adressbuch von 1933 geht etwa hervor, dass die Rolandstraße 63 einer Witwe Bernhard Kahn, Kauffrau, gehörte. „Sicher war Bernhard Kahn jüdisch“, sagte die Historikerin. „Deswegen ist das Haus dann auch zum Ghettohaus geworden.“ Im Adressbuch von 1941/42, dem letzten, das in den 40er Jahren noch erschienen ist, heißt es dann schon: „Witwe Israel Bernhard Kahn.“

Tochter und Sohn von Bertha und Julius Stern, die beide im Ghetto des von den Nazis in Litzmannstadt umbenannten polnischen Lodz ermordet wurden, meldeten sich später aus den USA. In diversen Schriftsätzen gaben sie zu Protokoll, dass ihr Vater sich vergeblich bemüht hatte, ebenfalls auszuwandern. Bis 1936 war er Vertreter mehrerer Schuhfabriken gewesen. Er musste diese Arbeit nach dem von den Nazis verordneten Judenboykott aufgeben. Versuchte später noch, durch die Herstellung von Schuhschmuck ein kleines Unternehmen mit einem Dutzend Angestellten aufzubauen. Doch auch das war nur bis 1940 möglich. Danach war für die Eltern Stern das Todesurteil gefällt. Ihr kurzer Aufenthalt in der Rolandstraße 63 war nichts weiter als ein Aufschub.

Über Markus Meyer und Franziska Meyer fand Becker-Jakli heraus, „dass sie ein Ehepaar waren und beide nach Litzmannstadt deportiert wuden.“ Franziska Meyer beging dort im Mai 1942 Selbstmord. „vermutlich weil an diesen Tagen Deportationen nach Kulmhof in das Vernichtungslager abgingen, und sie dem entgehen wollte“, so die Historikern. Karola Fings, stellvertretende Leiterin des Kölner NS-Dokumentationszentrum, beschreibt, was die Kölner erwartete, die 1949/41 ins Ghetto von Litzmannstadt / Lodz deportiert wurden: „Die Versorgungssituation im Ghetto war entsetzlich. Und es sind sehr, sehr viele Menschen dort einfach schlicht und ergreifend verhungert. In dem Ghetto wurde sukzessive selektiert. D. h. wer nicht arbeitsfähig war, wurde aus dem Ghetto herausgeschafft. Das bedeutete ab 1942 Mord mit Gaswagen in dem Vernichtungslager Kulmhof / Chelmo.“

Der erste Nachbar, dem ich im Hausflur begegnete und bei dem ich mich erkundigte, ob er wüsste, was früher für ein Haus hier stand, schüttelte ratlos den Kopf. Günther Kuhn, ein alter Mann aus der Nachbarschaft, erinnert sich ebenfalls nicht. „Ich bin 1939 eingeschult worden, da waren keine jüdischen Kinder mehr vorhanden. Hier nebenan, zwei Häuser weiter, war ein Süßwarenlädchen. Und wir sagten nur, et Jüdche. Und da gingen wir unsere Süßigkeiten holen, falls Geld da war. Die war sehr nett. Aber irgendwann war der Laden zu, und da kam ne Heißmangel rein. Ich hab nie gesehen, dass einer abtransportiert worden ist. Nie.“

Günter Kuhn weiß aber noch sehr genau, wie es hier nach dem Krieg aussah. „Da war alles zerstört.“ Bis Ende der 50er Jahre, so Kuhn, lag hier noch alles in Schutt und Asche. Um diese Zeit etwa wurde dann das jetzige Haus gebaut, zu entnehmen dem Einbaudatum unseres Aufzugs. 1959 installiert, rappelt und ruckelt er entsprechend altersschwach.

Zuflucht in schäbigen Unterkünften

Noch zögerte ich einige Wochen, fragte mich, wie weit ich gehen würde, um mehr über das Ghettohaus und seine ehemaligen Bewohner zu erfahren, versuchte zu verdrängen, was sich mit meinem neuen Zuhause verband. Mein Blick schweifte häufig über die dicht belaubten Alleebäume der Rolandstraße. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite stehen noch heute historische Wohn-Gebäude, entstanden um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert. Großbürgerlich geräumige Stadthäuser, fünf Etagen hoch, mit Außen-stuck verziert, Sprossenfenster, hohe Decken. Sicherlich teils während des Krieges zerstört, doch wieder restauriert, so, dass ich mir gut vorstellen kann, wie damals, 1940/41 die Menschen im Ghettohaus aus dem Fenster schauten – und in etwa das Gleiche sahen wie ich heute. Nur, sie blickten ängstlich, bangten damals um ihr Leben.

Ghettohäuser, von den Nazis Judenhäuser genannt – was weiß man über sie? Birte Klarzyk, die ihre Doktorarbeit hierzu schreibt, schilderte mir, wie häufig jüdische Familien damals ihre Wohnungen wechseln mussten, in immer schäbigeren Unterkünften Zuflucht fanden, ihr Hab und Gut nach und nach konfisziert wurde. Solange, bis sie auf engstem Raum in „Judenhäusern“ auf ihre Deportation warteten. Ihren Recherchen nach gab es ab 1940 in den meisten Städten solche Häuser. „Die Forschungslage ist nicht besonders gut bislang. Was mich sehr gewundert hat“, erklärte sie, „weil ich dachte, das ist doch bestimmt schon erforscht.“ Über die Ghettohäuser in Berlin, so fand sie heraus, gibt es mittlerweile eine Studie. Ebenso über Hannover, Leipzig, Dresden, Hamburg und Wien. Aber vieles, so sagt sie, sei noch unerforscht.

Grundlage für die Errichtung dieser Ghettohäuser war das 1939 erlassene Gesetz über „Mietverhältnisse mit Juden“. Darin heißt es: „Juden kann ohne Angabe von Gründen und ohne Einhaltung von Fristen die Wohnung gekündigt werden. Sie können zwangsweise in sogenannte „Judenhäuser“ eingewiesen werden.“ Und das geschah dann auch ab 1940/41. In Köln, schätzt Becker-Jakli, gab es zu der Zeit etwa 300 Ghettohäuser. Die sind „ein Teil der Kölner Geschichte, der eigentlich sehr stark vergessen und verdrängt worden ist.“

Den offiziellen Grund für die Errichtung derartiger Klein-Ghettos erläuterte der Köln Gauleiter Jost Grohé am 28. September 1941 auf einer Großkundgebung der Kölner NSDAP: „In Köln allein sind ja rund 6000 Juden, die uns die Lebensmittel wegessen, die größtenteils nichts tun, sondern die Leute belästigen“, ist auf alten Aufnahmen seine schneidige Stimme zu hören. „Und die Entfernung aus den festen Häusern, die wir in Köln durchführen, hat den Grund darin, dass wir unseren deutschen Volksgenossen, deren Wohnungen durch Fliegerbomben zerstört wurden, zunächst einmal feste Wohnungen geben wollen.“ Diese Worte wurden von frenetischem Beifall gekürt, der ebenfalls aufbrauste, als er zynisch fortfuhr: „Wir könnten die Juden einfach aus den Häusern heraussetzen und könnten sie ihrem Schicksal überlassen; sagen: „Macht, dass ihr uns aus dem Weg kommt!….Also, wir gehen so großzügig den Juden gegenüber wieder vor, dass man wirklich staunen muss, über die eigene deutsche Großmütigkeit…..Das kann eben nur der gutmütige Deutsche.“ Grohé sagte dies zu einem Zeitpunkt als längst entschieden war, dass diese Ghettohäuser die Vorstufe zur Hölle von Auschwitz oder Lodz waren.

„Es kamen Selbsttötungen vor, weil die Menschen verzweifelt waren“, beschrieb Becker-Jakli. „Zugleich waren diese Häuser ja in der normalen Umwelt, der Alltagswelt der Kölner. Also nebenan war eben kein Ghettohaus, rechts und links waren keine Ghettohäuser. Und die Menschen nebenan lebten ganz – in Anführungsstrichen – normal.“

Ermordet oder verhungert

Wie mag es damals zugegangen sein, in der Rolandstraße 63? „Die Bewohner der Ghettohäuser bekamen die Essenszuteilungen, die Essensmarken. Die wurden auch an jüdische Personen ausgeteilt. Allerdings in sehr viel geringerer Zahl als an nichtjüdische Personen“, beschrieb die Doktorandin Klarzyk die Not der ghettoisierten Menschen. „Was erschwerend hinzukam, dass jüdische Personen die nur noch in bestimmten Geschäften einlösen durften. Diese Geschäfte wurden bestimmt, oft auch gegen den Willen der Geschäftsbesitzer. Und viele von denen lagen am Stadtrand. Viele mussten tatsächlich erstmal durch die halbe Stadt fahren. Was auch immer schwieriger wurde, weil ja dann sukzessive immer wieder öffentliche Verkehrsmittel gesperrt worden sind, irgendwann durfte man keine Bahn, keine Busse mehr benutzen. Das war natürlich eine zusätzliche Schikane.“

Die acht Menschen, deren Schicksal ich nachgegangen bin, sind alle entweder ermordet worden, haben sich umgebracht, sind verhungert oder an Schwäche, Kummer, Elend gestorben.

1944, zwei Jahre, nachdem Marcus Meyer ermordet worden war, wurde zwischen der Kölner Oberfinanzdirektion und dem Kölner Bankhaus Hocker & Co darüber korrespondiert, wie mit Meyers ehemaligem „Judenvermögen“ umzugehen sei, und dass es zugunsten des Deutschen Reiches eingezogen werden solle. An dieser Stelle stieß ich in den Akten auf jene Anzeige, erschienen 1949 in der „Kölnischen Rundschau“, vermutlich aufgegeben von den Kindern seines noch rechtzeitig nach Brasilien geflüchteten Bruders. Auf diese Suchmeldung antwortete der Kölner Oberfinanzpräsident ebenfalls im Inseratenteil: „Auf ihre Anzeige in der Nr. 72 der K.R. stelle ich eine Rücksprache auf Zi. 214 meines Dienstgebäudes Wörthstr. 1 anheim.“ Ich weiß nicht, ob eine solche Rücksprache jemals stattgefunden hat.

Von den Meyers, die in der Rolandstraße 63 kurze Zeit gelebt hatten, blieb mir als eindrucksvollste Erinnerung, dass ihre Erben, so wie viele andere der Überlebenden, dem Wiedergutmachungsamt beim Landgericht Köln minutiös auflisten mussten, was ihre ermordeten Verwandten einst besaßen: „1 Doppelschlafzimmer (geflammte Birke). 1 Speisezimmer (Eiche). 1 Wohnzimmer (Eiche). 1 vollständig eingerichtete Küche, sowie Kleider Geschirr, Porzellan, Teppiche und dergleichen.“ Was also bleibt von den acht Namen, die vor meiner Haustür im Pflaster des Bürgersteigs eingelassen sind? Einige Schicksale blieben mir verborgen. Über die Ruwalskis zum Beispiel erfuhr ich kaum etwas. Nur so viel: während die Eltern ins Ghetto Lodz deportiert wurden, kam ihr damals 19-jähriger Sohn Perez zunächst nach Bielefeld. Von dort aus wurde er nach Auschwitz deportiert. Auf dem Stolperstein steht, er sei verschollen. Über Else und Emil Benjamin weiß ich, dass ihr Sohn in England überlebte. Von Julius Stern erfuhr ich lediglich, dass seine Frau Franziska im Ghetto von Litzmannstadt Selbstmord beging. Von ihnen allen sind winzige Details überliefert, verstreut in irgendwelchen Archiven. Zu wenig, um ein ganzes Leben zu schildern. Doch immerhin etwas mehr, als den nüchternen Daten auf den Stolpersteinen zu entnehmen ist.

Am Ende meiner Recherchen nahm ich mir vor, zum Andenken an die acht einstigen Bewohner der Rolandstraße 63 die Messing-Mahnmale vor meiner Haustür zu pflegen. Sie zu polieren. So dass sie noch mehr als bisher in der Sonne glänzen und Passanten zum Verweilen und Nachdenken einladen.

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