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Sterbehilfe Tod auf Verlangen

In Belgien erstreitet ein psychisch kranker Sexualstraftäter das Recht auf Sterbehilfe. Das Land streitet erbittert über das Urteil.

Frank Van Den Bleeken saß 27 Jahre in Haft. Foto: AFP

Zwei Tage hatte Frank Van Den Bleeken, um von seiner Familie Abschied zu nehmen. Dann wollte er aus dem Leben scheiden. Oder besser geschieden werden. Denn Van Den Bleeken hat sich als erster Häftling in Belgien vor Gericht das Recht auf aktive Sterbehilfe erstritten. Wann und wo, das wollte sein Anwalt Joos Vander Velpen nicht nennen. Nur so viel sagte der Advokat: „Frank ist glücklich.“

Das kann man von Belgien nicht sagen. Denn das Land streitet erbittert über das Urteil. Von einer „Schande“ sprach der Sozialdemokrat Bert Anciaux. Der Palliativmediziner Wim Distelmans hatte Van Den Bleeken untersucht und die aktive Sterbehilfe abgelehnt: „Weil ich nicht fand, dass alle therapeutischen Möglichkeiten ausgeschöpft sind“, sagte Distlemans der Zeitung „De Morgen“.

Van den Bleeken, 50, sitzt seit 30 Jahren in Haft. Er hatte in den 80er Jahren eine 19-jährige Frau vergewaltigt und umgebracht. „Ich bin eine Gefahr für die Gesellschaft“ hatte Van Den Bleeken 2001 erklärt und auch nun noch einmal bekräftigt, dass er weiterhin abnorme sexuelle Phantasien hege.

Hält sich für unheilbar

Der psychisch kranke Täter erklärt sich also selbst für unheilbar krank. In Belgien, neben den Niederlanden das einzige EU-Land, das eine aktive Sterbehilfe kennt, steht das Recht auf den Tod auch psychisch Kranken zu. Also gab das Gericht dem Antrag Van den Bleekens statt.

Doch Distelmans ist entsetzt. 27 Jahre saß Van Den Bleeken in Haft ohne einen Hauch von Behandlung. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte nämlich hatte Belgien wegen seiner Unterbringung von Sexualstraftätern verurteilt. Es fehlten die Therapiemöglichkeiten. Die wären in den Niederlanden vorhanden. Doch lehnt das der belgische Staat ab. Zu teuer. Da kommt das Sterben auf Verlangen billiger.

Distelmans wählt einen anderen Vergleich. Man stelle sich vor, ein Krebspatient bitte um Sterbehilfe, obwohl es im Ausland noch Therapiemöglichkeiten gebe. „Ich habe Verständnis für die Entscheidung von Frank“, sagt Senator Bert Anciaux. „Aber es ist unmenschlich, einen Häftling in diesen Entschluss zu treiben.“

Bert Anciaux hatte sich für ein Gesetz stark gemacht, das im Februar verabschiedet worden war. Es regelt die psychiatrische Behandlung von Straftätern und garantiert das Recht auf eine gehaltvolle Diagnose. Die Regelung tritt aber erst am 1. Januar 2016 in Kraft. Zu spät für Frank Van Den Bleeken.

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