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Sterbehilfe "Jeder sollte selbst entscheiden dürfen"

Anett Gräfe hat ihre schwerbehinderte Mutter zum Sterben in die Schweiz begleitet. Nun kämpft sie für das Recht jedes Einzelnen, nicht unbegrenzt leiden zu müssen.

Anett Gräfe und ihre Mutter Jana bei einem Ausflug in den Schwarzwald 2014. Foto: Privat

Vor einem Jahr haben Sie Ihre Mutter in die Schweiz begleitet; sie hat sich dort mit Hilfe der Organisation Lifecircle getötet. Sind Sie mit der Entscheidung Ihrer Mutter und mit sich im Reinen?
Ja, das bin ich. Ich habe mich vor dieser Reise oft gefragt: Werde ich mir später Vorwürfe machen? Oder werden es andere tun? Kann ich wirklich dazu stehen? Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich meine Position zu dem Sterbewunsch meiner Mutter gefunden hatte. Aber ich habe diese Haltung schließlich gefunden und sehe es auch heute so, dass nur sie selbst über ihr Leben entscheiden konnte. Es gab keinen Moment, in dem ich meine Entscheidung, sie zu unterstützen, infrage gestellt hätte.

Haben Ihnen andere Vorhaltungen gemacht?
Nein. Ich hatte Angst davor, dass man mir Vorwürfe machen würde. Tatsächlich waren in meinem Freundes- und Bekanntenkreis aber alle sehr verständnisvoll. Letztlich konnten sie alle akzeptieren, dass es nicht meine, sondern die Entscheidung meiner Mutter war.

Warum wollte Ihre Mutter sterben?
Sie war sehr sportlich und hat sich immer über ihren Körper und Bewegung definiert. Noch mit 63 Jahren war sie mehrmals pro Woche im Fitness-Studio und konnte locker mit 20-Jährigen mithalten. Und meine Mutter war stolz darauf, ein selbständiges, eigenverantwortliches Leben zu führen. Und dann, von einer Sekunde auf die andere, konnte meine Mutter dieses Leben nicht mehr führen. Seit dem Unfall im Juli 2013 war sie vom Hals abwärts komplett gelähmt, sie konnte noch nicht einmal mehr die Arme bewegen. Es ging gar nichts mehr. Dadurch war sie in jedem Moment auf Hilfe angewiesen, konnte nichts mehr tun, außer Beobachterin zu sein und Befehle zu geben.

"Lebensmut kann man nicht aufzwingen"

Sie haben immer wieder versucht, Ihrer Mutter Mut zu machen und ihr zu helfen, einen neuen Lebenssinn zu finden. Wie war das, als Sie schließlich erkennen mussten: Es gelingt ihr nicht, sie will nicht mehr?
Anfangs – direkt nach dem Unfall – waren wir beide überzeugt, dass sich ihre Lage bessern würde. Sie hat viele Monate gekämpft und auf Besserung gehofft. Aber trotz intensiver Therapie gab es keine Fortschritte, und es geschah auch kein Wunder. Natürlich habe ich mir gewünscht, dass sie wieder Freude und Lebensmut findet. Das kann man aber niemandem aufzwingen. Ich muss auch ehrlich sagen: Ich weiß nicht, ob ich es in ihrer Situation geschafft hätte, einen neuen Sinn zu finden. Das ist eben sehr individuell. Es tat mir sehr weh zu wissen, dass ich sie verlieren werde. Aber es tat mir noch viel mehr weh, sie so traurig zu sehen. Ihr Leiden war das Schlimmste für mich.

Die Reise nach Basel haben Sie heimlich vorbereitet. Mussten Sie tatsächlich befürchten, dass die Heimleitung, Ärzte oder Pfleger versuchen würden, Ihre Pläne zu vereiteln?
Wir wussten es einfach nicht. Vielleicht war das Risiko gering, aber wir hatten diese Bedenken. Wir konnten nicht nur nicht darüber reden, sondern wir mussten sogar lügen, um das Auto mit der Rollstuhlrampe zu bekommen, das das Heim für Ausflüge zur Verfügung stellt. Sie hätten es uns sicher nicht für die Fahrt in die Schweiz gegeben.

Wie haben Sie den Todestag in Basel erlebt?
Es war schwierig. Ich habe mich lange mental darauf vorbereitet. Aber letztlich kann man sich nicht wirklich vorstellen, wie es in der Situation dann tatsächlich ist. Ich bin eigentlich ein Organisations-Freak, und solange man tun und machen kann, schiebt man alles Andere von sich weg. Als wir in Basel waren, hat sich die Ärztin von Lifecircle um alles gekümmert. Ich hatte nichts mehr zu tun, ich war nur noch Tochter und konnte nur noch zugucken, was passiert. Das war schwierig, aber zugleich war ich froh, dass meine Mama den Weg gehen konnte. Und sie hat ihren festen Willen bis zum letzten Moment immer wieder gezeigt. Das hat es mir deutlich leichter gemacht. Und der Umgang der Schweizer Ärztin mit ihr war sehr liebevoll. Sie und ihr Team haben es geschafft, uns aufzufangen. Wir konnten uns Zeit lassen und in Ruhe Abschied nehmen. Das hat dem Tod seinen Schrecken genommen. Für meine Mutter war er eine Erlösung von ihrer Qual.

Ihre Mutter ist mit Hilfe einer Apparatur gestorben, die sie mit dem Kinn bedient hat, so dass sie die tödliche Infusion selbst auslösen könnte. Eine solche „Tötungsmaschine“, wie sie vor allem Kritiker von Sterbehilfe nennen, ist einer der Gründe für das Unbehagen, das Misstrauen und die Abwehr, mit der viele Menschen auf Sterbehilfe regieren.
Das war mir gar nicht bewusst. Und ich finde, das ist eine merkwürdige Sichtweise, von einer „Tötungsmaschine“ zu sprechen. Für meine Mutter war das ein notwendiges Hilfsmittel, weil sie so behindert war, dass sie ein Glas mit einem tödlichen Medikament nicht halten und austrinken konnte. Sollte sie deshalb ihren Weg nicht gehen dürfen? Das wäre doch diskriminierend!

Auf dem Klappentext zu Ihrem Buch „Abschied ohne Tränen“ steht: Der begleitete Freitod ist in Deutschland nicht erlaubt. Eigentlich stimmt das so nicht. Noch sind der Suizid und die Hilfe zum Suizid legal. Warum also die Schweiz?
Der Satz trifft es tatsächlich nicht ganz. In Deutschland ist es eine Grauzone, es ist nicht illegal, aber richtig legal ist auch nicht. So konnte ihr der Arzt Christian Arnold, mit dem meine Mutter Kontakt aufgenommen hatte, nicht helfen, weil sie wegen ihrer Behinderung das Medikament nicht selbst einnehmen konnte. Er hat sie an die Schweiz verwiesen. Sterbehelfer in Deutschland müssen immer mit Anzeigen und strafrechtlicher Verfolgung, Ärzte auch mit Sanktionen der Ärztekammer rechnen.

"Viele Politiker haben keine Ahnung"

Am 6. November stimmt der Bundestag über mehrere Gesetzentwürfe zur Sterbehilfe ab. Es droht eine Verschärfung der Rechtslage. Wie wirkt die Debatte auf Sie?
Sie macht mich manchmal regelrecht wütend. Denn es reden viele Menschen mit, die keine Ahnung haben, vor allem sehr junge Politiker ohne jede Erfahrung. Außerdem war die Debatte von Anfang nicht ergebnisoffen. Argumente werden benutzt, um der Bevölkerung vor einem vermeintlichen Dammbruch Angst zu machen, statt das Pro und Kontra abzuwägen. In viele Podiumsdiskussionen wurden ausschließlich Leute eingeladen, die gegen die Sterbehilfe sind. In der Bevölkerung ist dagegen die Mehrheit klar dafür, sie so zu regeln wie etwa in der Schweiz. Die Politiker müssten eigentlich mehr auf das Volk hören. Natürlich will ich keinen Freibrief für aktive Sterbehilfe, also Tötung auf Verlangen, aber das steht auch gar nicht zur Debatte.

Ist Ihr Buch also auch ein politisches Statement oder ist es vor allem ein Mittel für Sie, das Geschehene zu verarbeiten?
Es ist beides. Ich habe seit dem Unfall 14 Monate lang Tagebuch geführt, das hatte für mich etwas Heilendes. Zugleich hatte ich den Gedanken im Kopf, dass meine persönliche Geschichte anderen Menschen helfen kann, sich mit dem Sterbewunsch eines Angehörigen auseinanderzusetzen, so wie mir in der Zeit Bücher von anderen geholfen haben. Dann habe ich eine Autorin kennengelernt, die von der Idee eines Buchs begeistert war, und wir haben zusammengearbeitet. Mit dem Manuskript waren wir schließlich viel schneller fertig, als wir erwartet hatten. Dass es nun schon im Oktober erschienen ist, hat tatsächlich mit der aktuellen Sterbehilfe-Debatte und der Abstimmung im Bundestag zu tun. Ich meine, dass das Buch für die Auseinandersetzung eine Bereicherung sein kann.

Welche Botschaft ist Ihnen besonders wichtig?
Dass jeder das Recht hat, selbst zu entscheiden, und dass Gegner von Sterbehilfe anerkennen: Die Möglichkeit eines Notausgangs kann selbst eine heilende Wirkung haben. Das habe ich bei meiner Mutter erlebt. Sie hatte schon im Frühsommer quasi grünes Licht für einen Freitod, aber dann bei ihrer Therapie noch einmal richtig Gas gegeben. Sie war oft gut gelaunt und hat Witze gemacht. Diese Energie hat ihr das Wissen gegeben: Mir steht dieser Notausgang grundsätzlich offen. Ich muss nicht unbegrenzt leiden, sondern ich kann jederzeit sagen: Ich kann nicht mehr, und ich will nicht mehr. Bei anderen Menschen kann das am Ende dazu führen, dass sie den Weg, den meine Mutter gegangen ist, nie gehen werden, sondern immer weiter kämpfen.

Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, ob der Plan B, wie Ihre Mutter den Freitod genannt hat, auch für Sie in einer bestimmten Situation eine Option sein könnte?
Ja, das kann ich mir vorstellen. Andererseits: Solche Wenn-dann-Gedankenspiele im Voraus funktionieren am Ende meistens nicht. Denn man kann sich an viele Situationen gewöhnen. Ein Freund von mir, der gerade 50 geworden ist und die Krankheit ALS hat, hätte sich vor einem Jahr, wie er sagt, nicht vorstellen können, im Rollstuhl zu sitzen. Mittlerweile kann er den Elektro-Rollstuhl schon fast nicht mehr steuern, weil er vom Hals abwärts gelähmt ist, und er findet ein Lebensglück in Gesprächen mit Menschen. Er ist für mich ein Beispiel dafür, wie man lernen kann, Dinge zu schätzen. Er ist in einer ähnlichen Situation wie meine Mutter, geht damit aber ganz anders um. Jeder empfindet Glück und Schmerz anders.

Interview: Karin Dalka

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