Lade Inhalte...

Steinbrück macht Comedy „Merkel sediert das Publikum“

Und genau das Gegenteil wollen Ex-Finanzminister Peer Steinbrück und der Kabarettist Florian Schroeder mit ihrer kleinen Comedy-Tour erreichen. Im Interview sprechen sie über nervige Reporter, vergangene Fehler und warum es im Wahlkampf auch mal krachen sollte

Peer Steinbrück und Florian Schröder
Wenn der Politiker mit dem Comedian: Peer Steinbrück und Florian Schroeder wollen keinen Klamauk machen, sondern politisches Pingpong. Foto: Peter Jülich

Meine Herren, Ihr Programm für Köln heißt „Schroeder wählt Steinbrück“ – warum nicht umgekehrt?

Peer Steinbrück: Weil ich schon einmal Schröder gewählt habe.

Florian Schroeder: Ich habe Peer Steinbrück als kabarettistisches Nachwuchstalent entdeckt. Jung, frech, ironisch. Das hatten wir bislang nicht in Deutschland. Jetzt interessiert mich, ob er auch in großen Sälen funktioniert. Ich traue ihm alles zu und sehe uns mittelfristig ganz klar im Ereignis- und Dokumentationskanal RTL. Als Nachfolger von Chris Tall und Bülent Ceylan. Einzig mit dem Fernsehen ist Peer Steinbrück ein bisschen reserviert. Aber das kriegen wir auch noch hin.

Steinbrück: Stimmt. Meine Kamerascheu ist legendär.

Ein Nachwuchstalent mit 70. Ist das Ihr Beitrag gegen Diskriminierung im Alter, Herr Schroeder?

Steinbrück: Damit erkläre ich dieses Interview für beendet.

Weil ich nach Anti-Diskriminierung gefragt habe?

Steinbrück: Ach so, das habe ich dann falsch im Ohr gehabt.

Schroeder: Sehen Sie, das ist das Problem von Politikern, dass sie alles Mögliche falsch verstehen. Deshalb biete ich mich als Ausbilder an.

Wollen Sie, Herr Steinbrück, endlich mal ungestraft Sprüche klopfen?

Steinbrück: Nö, hätte Helmut Schmidt gesagt – und kein Wort mehr. (schweigt lange)

... Okay, noch eine ja-nein-Frage. Ein Interviewer-Fehler, ich weiß. Aber Sie müssen zugeben, kaum jemand hat für unbedarfte, ungeschützte Bemerkungen so viel Lehrgeld bezahlt wie Sie.

Steinbrück: Ich wünschte mir mehr Humor und Formulierungsfreude in den Reden von Politikern. Das Ablesen vorgefertigter Manuskripte im Parlament schadet der Debattenkultur. Und es hat einen Spiralen-Effekt: Weil jede Formulierung erst dreimal hin und her gewalkt wird, damit man bloß nicht aneckt, wirken viele Reden unoriginell und langweilig. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich ein Teil der Wähler nach Politikern sehnt, die sich nicht in ein Sprachkorsett nach Vorgaben der politischen Korrektheit zwängen lassen. Tut man das indessen, hat man umgekehrt von einem anderen Teil schnell einen Shitstorm am Hals. Aber Revanchegelüste standen nicht am Ausgangspunkt für unsere kleine Tournee.

Sondern?

Steinbrück: Ich habe mich bei Herrn Schroeder darüber beschwert, dass er mit seinem Buchtitel „Hätte, hätte, Fahrradkette“ meine Urheberrechte verletzt hat.

Schroeder: Den Satz haben Sie bestimmt nicht erfunden! Außerdem habe ich Sie sogar damit zitiert.

Steinbrück: Aber irgendwo ganz weit hinten. Und wer kannte denn schon den Spruch mit der Fahrradkette, bevor er mir aus dem Mund purzelte?

Schroeder: Typische Politiker-Eitelkeit: Immer wollen sie auf Seite 1 stehen.

Steinbrück: Und ich ahne schon, dass manche Leser das 1:1 nehmen und sagen werden: „Guck an, der Steinbrück macht auf beleidigte Leberwurst.“

Irgendwie sind Sie ja doch angefressen wegen des Bilds, das sich bei den Leuten festgesetzt hat. Wie steht’s mit Selbstkritik?

Steinbrück: Also, der Stinkefinger war ein Fehler, ganz klar.

Den haben Sie für ein Foto-Shooting gezeigt, als Sie ohne Worte auf Spitznamen wie „Problem-Peer“ oder „Pannen-Peer“ reagieren sollten.

Steinbrück: Ja, und das war falsch, weil es dem Publikum signalisierte, der Steinbrück könnte unbeherrscht sein. Ich könnte jetzt sagen, es ist mir „einfach passiert“. Allerdings darf man von einem Politiker schon erwarten, dass er vorher darüber nachdenkt.

Aber das war doch auch keine spontane Entscheidung.

Steinbrück: Doch. Ich sollte von einem Moment auf den anderen eine Frage nonverbal, also durch Körpersprache beantworten. Spontaner geht’s nicht. Aber Sie haben trotzdem Recht: Mein damaliger Sprecher hat mir geraten, „lass dieses Foto weg, gib es nicht frei!“ Darauf habe ich wohl zu burschikos und unwirsch reagiert und gesagt, „lass es laufen!“ Mein Fehler.

Ihre Beschwerde als Kanzlerkandidat über das zu geringe Gehalt, das ein Kanzler bekommt?

Steinbrück: Mein Hinweis, dass ein Sparkassendirektor in NRW mehr verdient als die Bundeskanzlerin oder der Bundeskanzler, war absolut zutreffend, keineswegs neu und schon mehrfach gefallen. Aber für Journalisten ein gefundenes Fressen.

Und war ja auch richtig. Nur im Kontext mokierte sich jemand über sein Gehalt, noch bevor er den Job überhaupt hat.

Steinbrück: Aber so habe ich es nicht gesagt. Es kommt offenbar nicht darauf an, was man sagt, sondern darauf, wie es ausgebeutet werden kann.

Was war mit Ihrer Bemerkung, was ein trinkbarer Pinot Grigio mindestens kosten muss? Dafür wurden Sie als Snob getadelt. Zu Recht?

Steinbrück: Letzte Frage zur Vergangenheit – und letzte Antwort! Ich habe in einer Matinee zwei Stunden über politische Themen geredet. Das Einzige, was davon journalistisch transportiert wurde, war mein lockerer Spruch zum Pinot Grigio. Für eine solche Nichtigkeit fiel alles unter den Tisch, worüber es sich in einem Wahlkampf zu streiten lohnte. Über diese Art der Banalisierung war ich dann doch – gelinde gesagt – entsetzt.

Schroeder: Das hat aber schon Robert Musil im „Mann ohne Eigenschaften“ geschrieben: Dass die unwichtigen Worte lauter widerhallen als die eigentlichen, das sei die traurige Erkenntnis unseres Lebens. Ich habe mich ja schon oft gefragt, woher die ganze Öde in der politischen Rhetorik kommt. Zum einen glaube ich, dass uns seit dem Ende des Kalten Krieges die Lust am Kampf der Rhetoren verloren gegangen ist. Und das Internet mit seiner Stakkato-Kommunikation hat dazu geführt, dass sich keiner mehr einen Satz zu formulieren traut, der ihm – erst recht, wenn er aus dem Zusammenhang gerissen wird – einen Shitstorm beschert. Es geht mir ja selber so, dass ich manche bissige Bemerkungen gleich wieder zurückhole und relativiere, indem ich sage: „Nein, damit sind nicht alle Politiker, alle Frauen und sonstige Minderheiten gemeint.“ Letztlich haben wir also den Angela-Merkel-Stil der politischen Rhetorik – nicht auffallen, nicht anecken, nicht brillieren – dem Internet mit zu verdanken. Wir sprechen nur noch in Disclaimern.

Steinbrück: Merkels Art zu sprechen verstärkt ihre Selbstinszenierung als Inkarnation der Stetigkeit, der Verlässlichkeit. Sie ist eben „die Mutter über alle deutschen Porzellankisten“, um mich selbst zu zitieren. Aber damit sediert sie das Publikum.

Das hat Martin Schulz aber vor ein paar Tagen sehr viel kantiger formuliert als Sie.

Steinbrück: Ihre Tendenz, inhaltliche Festlegungen und Kompassweisungen zu vermeiden – damit sich niemand provoziert fühlt –, trägt zur Entpolitisierung bei. Ein Wahlkampf lebt aber von einem Wettbewerb konkreter Vorstellungen über die Zukunft unseres Landes.

Schroeder: Umgekehrt muss ich auch sagen, und das wird Sie vielleicht wundern: Mir macht es oft Spaß, der Kanzlerin zuzuhören. Nicht wegen ihrer unfreiwilligen Komik, sondern mit ihrer teils sehr bewusst eingesetzten Ironie, die aber offenbar nur die wenigsten verstehen.

Steinbrück: (lacht grimmig). Die hat sich auch mir – ehrlich gesagt – noch nicht erschlossen. Im kleinen Kreis ja, da kann sie sehr witzig sein. Aber doch nicht in ihren öffentlichen Reden.

Schroeder: Dann achten Sie mal darauf! Da gab es schon manche Bemerkung, wie nebenbei, bei der ich gedacht habe, „ach, göttlich“. Vor der Abschaffung des Paragrafen 103 im Strafgesetzbuch zum Beispiel, dem Majestätsbeleidigungsparagraphen, sagte Merkel, er sei „entbehrlich“. Das war hochironisch und ein Schlag mitten ins Gesicht von Erdogan.

Herr Steinbrück, wer war für Sie in den Bundestagsdebatten die härteste Nuss?

Steinbrück: Guido Westerwelle. Von unseren Scharmützeln gibt es schöne Clips auf Youtube. Gregor Gysi fand ich als Debattengegner übrigens nie besonders schwierig. Der ist sehr unterhaltsam, manchmal geradezu skurril, aber in der Faktendarstellung teilweise so neben der Spur, dass es inhaltlich nicht bedrohlich wurde. Als hervorragende Redner habe ich Bundestagspräsident Norbert Lammert und Norbert Röttgen von der CDU geschätzt.

Schroeder: Ansonsten fehlen Sie mir, Herr Steinbrück. Klar, das muss ich jetzt sagen. Es stimmt aber auch. Deshalb freue ich mich auf die Rückkehr der FDP in den Bundestag. Da wurden noch immer die skurrilsten Gestalten nach oben gespült.

Würden Sie gerne selbst mal im Bundestag reden?

Schroeder: Sofort. Ich stelle mir die Parlamentarier als tolles Auditorium vor. Zumal es so viele mitreißende Redner auch nicht gibt.

Warum sollten die Abgeordneten ein so tolles Publikum sein?

Schroeder: Weil es heute zum Selbstverständnis jedes Politikers gehört, mindestens so zu tun, als könnte er über sich selber lachen. Was übrigens eine Herausforderung für uns Kabarettisten ist. Sie können heute kaum noch einen Politiker mit Satire treffen. Außer Vertreter der AfD und den Sultan aus der Türkei. Bei denen funktioniert es noch. Aber alle anderen haben längst erkannt: Wer sich darüber aufregt, dass sich einer über ihn lustig macht, steht am Ende noch lächerlicher da. Ich würde so eine Rede natürlich kabarettistisch aufziehen, wobei Gysi die Latte schon verdammt hoch gelegt hat. Aber vorher müsste das Rednerpult weg. Das würde mich erheblich stören.

Steinbrück: So ist das im britischen Unterhaus.

Die freie Rede können Spitzenfunktionäre sich aber doch gar nicht erlauben. Eine falsche Bemerkung, sagen wir des EZB-Chefs, und die Finanzmärkte wanken.

Steinbrück: Auch das sollte Politiker aber nicht an einem souveränen Vortrag hindern. So viel Professionalität darf man schon erwarten, dass einer nicht am Blatt klebt. Tatsächlich gilt für Regierungserklärungen ein festgelegter Wortlaut, weil der Text in der Koalition abgestimmt ist und – wenn es korrekt zugeht – schon zuvor an den Oppositionsführer gegangen ist, damit der sich vorbereiten kann. Also, da darf man nicht vom Manuskript abweichen. Aber in der Debatte ist das anders.

Herr Schroeder, wenn Sie sagen, Rechtspopulisten und Diktatoren seien die einzigen, die Sie mit Satire überhaupt noch in Wallung bringen können – welche von beiden Gruppen ist schlimmer?

Schroeder: Ganz klar, die Rechten. Weil Diktatoren sich vergleichsweise selten mit einem anlegen – und sie in ihrer Humorbefreitheit auch kalkulierbar sind. Die Rechten dagegen entern völlig ungestüm die Kommunikationsräume, sie fluten das Internet mit ihren Hassausbrüchen.

Wie sehen Sie als Satiriker den US-Präsidenten?

Schroeder: Weil er Real-Satire betreibt, verbietet sich der klassische Zugang, ihn lächerlich zu machen. Trump ist ein Gefühlsdiktator. Jeder von uns hat Gefühle, die er für unumstößlich wahr hält. Viele Menschen fühlen sich zum Beispiel irgendwie als Opfer. Aber keiner kann aus Gefühlen Gesetze machen. Und jetzt kommt einer daher, der sich permanent als Opfer der „Mainstream-Medien“ fühlt, der aber die Macht hat, seine Gegner zu gängeln, sie von Informationen auszuschließen und öffentlich niederzumachen. Das lässt sich auf alle seine Entscheidungen übertragen – alles Folgen von Gefühlsaufwallungen. Und das ist brandgefährlich. Deswegen fand ich den allseitigen Applaus für den Vergeltungsschlag gegen das syrische Regime nach den mutmaßlichen Giftgas-Angriffen unter aller Sau. In meinen Programm sage ich dann: Achtung, hier ist der Geist eines Vierjährigen am Werk, gefangen im Körper eines Siebzigjährigen!

Mit den Medien geht Trump härter ins Gericht, als Sie es je getan haben, Herr Steinbrück.

Steinbrück: Für mich kein Grund zum Frohlocken, auch wenn mir die heimischen Medien ein bisschen überempfindlich vorkommen. Werden sie von Politikern kritisiert, passiert ihnen also das, was sie mit Politikern anstellen, zetern sie los: „Wollen Sie die Pressefreiheit in Frage stellen?“ Ich habe die wichtige Rolle der Medien in der Demokratie nie in Frage gestellt. Aber es gibt im Wettbewerb der Medien um Klicks und Quoten Tendenzen zur Banalisierung, Personalisierung und Skandalisierung, während eine entscheidende Qualität fast völlig verloren gegangen ist: Nachrichten zu kalibrieren, in ihrer Bedeutung zu gewichten und einzuordnen. Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden.

Verstärken Satire-Formate wie die „heute-Show“ womöglich die Entfremdung zwischen Medien und Öffentlichkeit, weil die Zuschauer den Eindruck gewinnen: Selbst wenn es „nur“ um Politiker geht, die Journalisten machen vor nichts Halt ...

Steinbrück: Es lohnt sich, dem Gedanken nachzugehen. Die Darstellung der Politiker als korrupte, unfähige Volldeppen bedient Ressentiments. Und wenn ich mir angucke, wie wenig Frauen und Männer überhaupt noch bereit sind, sich politisch in demokratischen Parteien zu engagieren, halte ich jedwede Herabwürdigung für gefährlich. Allein in NRW sind auf kommunaler Ebene rund 10 000 Mandate zu vergeben. Dafür Kandidaten zu finden, wird immer schwieriger. Ich will überhaupt nicht verhindern, dass Politiker und ihr Handeln auf die Hörner genommen werden. Aber nicht zuletzt die Erfahrungen der 1920er Jahre in der Weimarer Republik sollten uns lehren: Wo die berechtigte Kritik und auch ein entlarvender Spott in Verachtung umschlägt, wird es gefährlich.

Schroeder: Aber das ist nicht den Satire-Sendungen zuzuschreiben. Da muss ich die Kollegen in Schutz nehmen. Natürlich geben sie hier und da dem Affen Zucker. Aber keiner ist so drauf, dass er „die Politiker“ generell für dumm und verachtenswert hält. Dafür ist den Machern die Politik viel zu wichtig. Sie wollen mit ihren Mitteln zeigen, was schief läuft. Und das Niveau der professionellen Satire in Deutschland finde ich ziemlich hoch. Was Sie zurecht als Problem beschreiben, Herr Steinbrück, hat meines Erachtens wiederum mit der Enthemmung, Distanzlosigkeit und Undifferenziertheit in den „sozialen Medien“ zu tun.

Steinbrück: Zustimmung, was die sozialen Medien betrifft. Trotzdem halte ich auch manche Praxis der TV-Magazine für kritikwürdig, etwa den „Treppen-Journalismus“, den die politischen Magazine vielleicht sogar noch mehr betreiben als die Satire-Formate.

Was soll das sein?

Steinbrück: Folgende Situation: Sie kommen als Politiker eine Treppe hoch, da springt Sie unangekündigt und ungefragt ein Kamerateam an und konfrontiert Sie in provozierendem Ton mit irgendeinem Vorgang, der vier Jahre oder noch länger zurückliegt. Da haben Sie keine Chance mehr: Wenn Sie zögern, gar ins Stottern kommen, stehen Sie als unbeholfener Doofmann da. Bitten Sie um etwas Zeit, um die Sache zu recherchieren, heißt es, „der hat ja keine Ahnung“. Und sagen Sie, „kein Kommentar“, dann wird eben das gesendet – als Ausdruck der Verweigerung, was einer Vorverurteilung gleichkommt.

In Ihrer Show brauchen Sie das nicht zu befürchten. Gibt’s dafür ein Programm, ein Drehbuch? Oder machen Sie auf Stand-up-Comedy?

Schroeder: Nein. Wir sprechen uns über die Themen ab und halten dann eine politische Lagebesprechung, von sehr albern bis sehr ernsthaft.

Steinbrück: Mit dem Begriff „Comedy“ hätte ich eh Schwierigkeiten. Es soll kein Klamauk werden, sondern politisches Pingpong. Mit einer guten Portion Selbstironie.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen