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Steigende Wodkapreise in Russland Teures Wässerchen

In Russland steigen die Wodkapreise derzeit um bis zu 30 Prozent. Damit soll der Alkoholkonsum der russischen Bevölkerung eingedämmt werden. Das Beispiel Gorbatschows zeigt jedoch, wie gefährlich ein solcher Schritt ist.

27.12.2012 16:13
Frank Herold
Das beliebte Wässerchen wird immer teurer. Foto: imago

Warum sollst du Wasser trinken, wenn du Wässerchen haben kannst?, fragt das russische Sprichwort. Das Wässerchen ist natürlich Wodka. Die Antwort könnte im neuen Jahr schlicht und ergreifend lauten: Weil Wodka manchem zu teuer geworden ist. Um 30 Prozent steigen die Wodkapreise zum 1. Januar, ein schmerzhafter Griff in die Brieftasche. Die billigste Halbliterflasche wird 190 statt 125 Rubel kosten, umgerechnet 4,70 Euro. So hat es eine Behörde mit dem furchterregenden Namen Föderaler Dienst für die Regulierung des Alkoholmarktes bestimmt.

An Versuchen hat es nie gemangelt, per Ukas die fatale Neigung vor allem der männlichen Bevölkerung zu Hochprozentigem einzudämmen. Sie alle scheiterten schmählich. Vor zwei Jahren nun unternahm der dem Trunk bekanntlich abholde Wladimir Putin einen neuen Anlauf. Bis zum Jahr 2020 soll sich der russische Alkoholkonsum halbieren. Über dessen Höhe gibt es unterschiedliche Angaben, sie schwanken zwischen 16 und 19 Litern reinem Alkohol pro Kopf der Bevölkerung. Das ist deutlich mehr als gesund ist: Nicht verwunderlich ist, dass die durchschnittliche Lebenserwartung der russischen Männer bei nur 63 Jahren liegt. An Alkoholvergiftung starben im vergangenen Jahr 23.000 Menschen, an Krankheiten, die in direktem Zusammenhang zum Alkoholmissbrauch stehen, noch einmal 75.000.

Verheerende Folgen

Dennoch ist es für einen Politiker gefährlich, in Russland die Wodka-Preise anzuheben. Das weiß auch Wladimir Putin, weil er den letzten ernsthaften Versuch bereits bewusst miterlebt hat. Auch Michail Gorbatschow hatte sich Mitte der 80er Jahre, zum Ziel gesetzt, seinen Landsleuten den Alkohol zu verleiden. Der bis dahin hoch geachtete Parteichef wurde daraufhin vom Volk als Mineralsekretär verspottet. Doch war dies noch das Geringste: Die Folgen der künstlichen Alkoholverknappung waren politisch, wirtschaftlich und gesundheitspolitisch verheerend.

Politisch kippte mit dem „suchoi sakon“, dem Trockenheitsgesetz, die Stimmung gegen den Reformkurs Gorbatschows. Wirtschaftlich gerieten durch die dramatisch geringeren Steuereinnahmen die Staatsfinanzen in Schieflage. Und im Alltag tranken die Menschen nicht etwa weniger, sie wurden nur erfindungsreicher. Auf so mancher Datscha fanden sich plötzlich Gerätschaften zum Destillieren wieder. Zudem wurde alles getrunken, was im Kopf dreht. In den Drogerien wurde beispielsweise billiges Rasierwasser der Marke Pingwin palettenweise aufgekauft. 1987, auf dem Höhepunkt der Gorbatschowschen Kampagne, sollen angeblich der Inhalt von einer Milliarde Flaschen Rasierwasser und eine Million Liter Glasreiniger durch russische Kehlen geflossen sein. Die Zahl der Alkoholtoten sank nicht, sie stieg an.

Auch jetzt wird damit gerechnet, dass die Preiserhöhung zur Steigerung der illegalen Produktion führen wird. Nach Angaben der Agentur Novosti sind derzeit sind im Jahr rund 1,3 Milliarden unversteuerte Flaschen auf dem Markt. Nächstes Jahr werden es bis zu 300.000 mehr, mutmaßt Novosti.

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