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Steampunk Computer unter Dampf

Maschinen, die noch richtig klappern und knirschen - das wünschen sich die "Steampunks" zurück, eine Gruppe von Nostalgikern, Künstlern und Erfindern. Ihr jüngstes Feindbild: das iPad. Von Sven Stillich

01.06.2010 12:06
Sven Stillich
Der Computer des Tüftlers Jack von Slatt. Foto: Jack von Slatt

An diesem Rechner hätte Königin Victoria ihre Mails ans geliebte Volk geschrieben: eine blinkende Wunderkiste mit floralen Ornamenten, der Bildschirm glänzend wie ein alter Spiegel, ein Druck auf die soliden Tasten setzt das Ganze klappernd in Bewegung. Die Queen wäre amused gewesen, keine Frage. Dem Künstler und Erfinder Jack von Slatt wäre ein königlicher Orden gewiss gewesen. Nur lebt Slatt halt mehr als 100 Jahre nach dem viktorianischen Zeitalter - was er sehr bedauert.

Da ist er nicht der Einzige: Unter dem Namen "Steampunks" schließen sich Zeitgenossen zusammen, die das Loblied der Dampfmaschine singen. Sie feiern die Ästhetik der Kolben, Bolzen, Zahnräder , verachten die nichtssagenden Oberflächen der Touchscreen-Computer - ihr jüngstes Feindbild: das iPad. Die Spaßmaschine der Firma Apple verkörpert alles, was die Steampunks hassen: Der Unterhaltungs-Rechner hat eine kühle, glatte Oberfläche, die nichts von den Prozessen in seinem Inneren verrät. Welche Programme darin wirken, bestimmt der Hersteller. Wie es funktioniert? "Magie", sagt Apple. Das Ominöse ist hier Prinzip - das Ding wirkt fast wie nicht von Menschenhand gemacht. Ein perfektes Feindbild für die Steampunks.

Die gut vernetzten Enthusiasten schwärmen für die Kultur, die Europa in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts prägte. Da gibt es riesige, mit Dampf betriebene Maschinen, kleine und große Zahnräder greifen ineinander wie gute Ideen. Kolben stampfen, die Kolosse rattern und stöhnen. Es ist heiß, die Maschinen haben Seelen aus Kupfer und Stahl. Es ist die Zeit, bevor es überall Elektrizität gab, bevor sich unsichtbare Kräfte ans Werk machten.

In heutigen Maschinen arbeiten Computerchips, die Zahnräder sind digital geworden. Apples iPad hat nur noch einen einzigen glatten, schwarzen Knopf. Wie es aussieht, verrät nichts darüber, was darin geschieht. Und das empfinden manche Benutzer als Verlust. Sie wollen nicht zurück in die Vergangenheit - doch sie sehnen sich nach Handfestem, nach Mechanik. Nicht umsonst ahmt in vielen Handys ein Klangchip das klackende Geräusch einer Spiegelreflexkamera nach, wie der Mac-Rechner den vertrauten Sound des Zerknüllens von Papier imitiert, bevor es in den Papierkorb geworfen wird. Sogar die störenden Begleiterscheinungen des analogen Zeitalters werden wieder herbeigesehnt: Das Knacken einer zerkratzen Schallplatte, das Rauschen des Röhrenradios sind unter Musikproduzenten gefragt - als digitale Samples.

Eine Sehnsucht, die bei den Steampunks kuriose Blüten treibt. Die Dampfmaschine (englisch: "steam", Dampf) ist ihr ästhetisches Bindeglied, das "punk" beschreibt ihre Philosophie und Haltung. Sie verstehen sich als eine Gegenbewegung zur Moderne, aber sie sind nicht technikfeindlich. Steampunks denken sich eine Alternativwelt: Was wäre, wenn die Zukunft ab dem 19. Jahrhundert anders verlaufen wäre? Wenn es keine Elektrizität gegeben hätte und keine Benzinmotoren - wenn Flugzeuge, Autos oder Computer mit Dampf und Kolben angetrieben worden wären?

Steampunks ersinnen eine Welt, in der Kunst und Handwerk eins sind, in der Einzelne Großes bewegen können. Sie begeistern sich für die Maschinen aus Jules Verne-Romanen wie "20.000 Meilen unter dem Meer" oder für die "Zeitmaschine" von H.G. Wells. Sie schätzen Filme wie "Vidocq" mit Gerard Depardieu oder die "Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen". Sie kleiden sich bei Rollenspielen nach der Mode des viktorianischen Adels, sie schreiben Steampunk-Kurzgeschichten, sie gründen Steampunk-Bands.

Lesen Sie auf der nächsten Seite wie Steampunk heutige Technik in ein imaginäres Gestern versetzt.

Das viktorianische Zeitalter ist ihre Metapher für eine Zeit, die es in dieser Form freilich nie gegeben hat. Steampunk versetzt heutige Technik in ein imaginäres Gestern - es setzt Metall gegen Plastik. Dahinter steckt mehr als Nostalgie, vielmehr der Wunsch nach Beständigkeit. "Damals hatten Dinge einen Wert über ihre Funktion hinaus", sagt Alex Jahnke, der unter dem Namen Captain Serenus Zeitbloom die "Deutsche Steampunk-Gesellschaft" gegründet hat - "heute kann mein MP3-Player zwar Musik abspielen, so etwas wie eine Seele hat er nicht."

Auch die Wegwerf-Mentalität widerstrebt den Punks. "Eine Uhr aus der viktorianischen Zeit könnte ich von meiner Urgroßmutter geerbt haben", sagt Mitbegründerin Johanna Sievers, genannt "Miss C. Tickerlein", "keiner wäre auf die Idee gekommen, sie wegzuwerfen." Heute sei es billiger, einen neuen Drucker zu kaufen, als den alten reparieren zu lassen. "Ich möchte etwas haben, das bleibt", sagt Sievers - "etwas, das meine Kinder oder Enkel noch besitzen können." Rund 200 Steampunks sind im Forum ihrer 2008 gegründeten Website clockworker.de aktiv. Die Neo-Viktorianer vertreten durchaus konservative Ideen von Werthaltigkeit.

Das moderne Leben wird von Moden vorangetrieben, das iPad ist die jüngste. Wer wird sich in ein paar Monaten noch dafür interessieren? Wer wird es in einem Jahr noch kaufen - wenn dann doch schon die neue Version erscheint?

Für das iPhone gibt es Steampunk-Programme

Alex Jahnke ist 41 Jahre alt, Johanna Sievers 31 Jahre. "Wir sind nicht die ganz Neuen, wir sind aber auch nicht die ganz Alten", sagt sie, "wir sind eine Generation, die viel arbeitet - und wir wünschen uns, dass etwas davon zurückbleibt." Steampunk hat seine Wurzeln in der Geschichte, ist aber ein Kommentar zum Jetzt.

Ihre Gruppe bleibt nicht bei einer Verweigerungshaltung. "Es geht darum, seinen Erfindergeist zu entwickeln und nicht nur zu konsumieren", sagt Johanna Sievers. Viele Steampunks erfinden oder bauen sich ihre Phantasieobjekte in der Realität - oder bauen reale Rechner nach ihren Idealen um. Wie Jack von Slatt mit seinem viktorianisch anmutenden PC. Oder sein Kollege Richard Nagy, der die glatte Oberfläche eines Laptops durch verziertes Holz und goldene Zahnräder ersetzt hat. Der Rechner wird mit einem Schlüssel gestartet. Drinnen läuft freilich alles digital, fließen unsichtbare elektrische Ströme - man kann nicht alles haben.

Das meiste ist also hübscher Zierrat. Manchmal aber greifen die Punks auch auf das Innenleben über: Für Apples iPhone gibt es Steampunk-Programme - und die laufen nun auch auf dem iPad. Im Angebot ist auch eine Software, die eine alte Uhr auf dem Bildschirm anzeigt. Sie kostet derzeit 79 Cent und tickt sogar. Digital, versteht sich. Wer sie nicht mehr haben will, kann sie mit ein paar Mausklicks löschen. Dann ist die Uhr verschwunden, als sei sie nie da gewesen.

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