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Staten Island „Der Ort, wo man jetzt sein muss“

Das vergessene fünfte Rad von New York könnte zum neuen Hotspot der Millionenstadt werden.

19.09.2018 08:22
Staten Island
Die „Staten Island Ferry“ nutzen viele Touristen - den Hafen verlassen die wenigsten. Foto: dpa

Rund eine halbe Stunde verbringt der durchschnittliche New York-Tourist in Staten Island: Runter von der gelben Fähre, die einen gerade von der Südspitze Manhattans an der Freiheitsstatue vorbei geschippert hat, einmal quer durch den Hafen, und wieder rauf auf die nächste Fähre. Rund 23 Millionen Menschen fahren jedes Jahr kostenlos und rund um die Uhr mit der „Staten Island Ferry“, viele von ihnen Touristen - den Hafen verlassen die wenigsten. Und auch viele New Yorker waren noch nie in dem südlichsten der fünf Stadtviertel, das auf einer eigenen Insel rund 500.000 Menschen beherbergt.

Als „fifth and forgotten“ bezeichnen sich die Einwohner selbst, das fünfte, vergessene Rad am Wagen der Millionenmetropole. „Ständig schmeiße ich Partys in meinem Garten und lade alle meine Freunde aus Manhattan ein“, erzählt der Anwohner Paul Coulbourne. „Einmal hatte ich sogar eine achtköpfige Band, die zu den besten der Stadt gehört – aber meine Freunde kommen einfach nicht rüber. Ich kann auch keine Frau hier herbringen, die wollen alle nicht nach Staten Island. Ich nehme das persönlich, das beleidigt mich.“ Sein Freund Dean stimmt zu. „Ich habe viele Freunde verloren, als ich nach Staten Island gezogen bin.“

Aber seit die Wohnpreise in den anderen Stadtteilen astronomisch gestiegen sind, schauen immer mehr Menschen nach Staten Island. Die „New York Times“ schrieb von einem „Wendepunkt“ und das Stadtmagazin „Time Out“ deklarierte die Insel als „Ort, wo man jetzt sein muss“. Die einst vor allem an der Nordküste hohe Kriminalitätsrate ist stark gesunken. „Urby“, die erste hippe Wohnanlage für junge Menschen, mit Pool, gutem Kaffee und Yoga mit Blick auf Manhattan, steht schon. Eine riesiges Einkaufszentrum direkt am Fähranleger soll im Herbst eröffnet werden. Das mit viel Fanfare angekündigte größte Riesenrad der Welt verzögert sich nach Rechtsstreits und Kostenexplosion aber erstmal.

„Die Nordküste von Staten Island kommt“, sagt eine Sprecherin der Maklerfirma Cassandra Properties. „Viel ist schon gebaut worden, viel Geld ist schon investiert worden und wenn wir erstmal die Touristen reinholen können, dann wird sich hier alles verändern. Die Hausbesitzer haben die Mieten schon extrem angehoben.“ Vor allem die Anbindung hat die Entwicklung von Staten Island bislang verhindert. Die Fahrt mit der Fähre ist zwar kostenlos und bietet Panorama-Blicke auf die Skyline von Manhattan, dauert aber auch eine halbe Stunde. Auf der Insel selbst gibt es zwar Busse und eine Bahnverbindung – aber ohne Auto geht trotzdem wenig, ganz anders als im Rest der Stadt.

Alle Tunnel-Pläne erwiesen sich als zu teuer. Brücken gibt es nur in den Nachbarbundesstaat New Jersey und in das New Yorker Stadtviertel Brooklyn. Und die Verbindung dorthin führt zwar über die architektonisch schöne Verrazano-Narrows-Brücke, kostet aber stolze 17 Dollar – etwa 14 Euro – Mautgebühr. „Das ist völlig wahnsinnig“, sagte Nicole Malliotakis, Republikanerin im Abgeordnetenhaus des Bundesstaats New York, der „New York Times“. „Meine Kollegen fragen: „Was ist denn da auf Staten Island? Verschenken sie da auf der Straße Gold? Ist das ein Traumland?“

Staten Island hat Strände und viel Grün. „Freshkills“, die einst größte Müllhalde der Welt, wird gerade zum größten Park der Stadt umgebaut. Die Hügel der Insel – auch der höchste Punkt der Metropole liegt hier – erinnern zum Teil an San Francisco. Auch Sehenswürdigkeiten gibt es, etwa das zum Museum umgebaute Seefahrer-Altersheim „Snug Harbor“, das Alice-Austen-Haus mit Fotografie-Ausstellungen sowie einen Zoo und ein Baseball-Stadion. Und auch die legendäre Hip-Hop-Gruppe Wu Tang Clan stammt von hier.

Frühe Einwanderer nach Staten Island kamen aus Deutschland, es gab zahlreiche Brauereien, von denen einige überlebt haben. Italienische Ankömmlinge sorgten danach für bis heute beliebte Pizza- und Eisläden, heutzutage bieten Einwanderer unter anderem aus Sri Lanka und Mexiko eine Vielfalt an Restaurants.

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