Sprachkritik Das Deppenleerzeichen greift um sich

„Sechs Korn Müsli“, „Würfel Zucker“, „Behinderten WC“ – häufig werden zusammengesetzte Wörter durch Leerzeichen getrennt. Das ändert ihre Bedeutung – und ist falsch. Ist die Smartphone-Kommunikation schuld?

04.05.2017 07:10
Satzzeichen
Wann ist ein Leerzeichen sinnvoll - und wann nicht? Fotograf: imago stock&people

Selten wurde über ein Satzzeichen so leidenschaftlich diskutiert wie zuletzt über den Bindestrich. Auslöser waren Wahlbenachrichtigungen in leichter Sprache, die vor der Landtagswahl am Sonntag (7. Mai) in Schleswig-Holstein verschickt wurden. Von „Land-Tag“ und „Haus-Nummer“ war da die Rede, von „Vor-Name“ und „Post-Leit-Zahl“. Lauter Bindestriche in Wörtern, die eigentlich zusammengeschrieben werden. Das war für viele Kommentatoren zu viel, die Aufregung groß. Dabei fristet der Bindestrich seit Jahren ein kümmerliches Schattendasein. Das Deppenleerzeichen greift um sich.

Das was? Der Begriff Deppenleerzeichen bezeichnet Leerzeichen in Komposita, also zusammengesetzten Wörtern. Diese falsch gesetzten Leerstellen sind überall: an Gebäuden, auf Verpackungen, in der Werbung. Vom „Bauern Frühstück“ ist die Rede und von „Würfel Zucker“. Ein Film wirbt mit dem Untertitel „Die Party Bullen“, der Japaner ums Eck heißt „Sushi Bar“. Liebhaber korrekter Rechtschreibung müssen - nun ja – Abstriche machen.

Das Phänomen ist alt, hat aber an Fahrt gewonnen. „Mein Eindruck ist tatsächlich: Es wird mehr“, sagt einer, der ein Bewusstsein für Sprache schaffen möchte. Titus Gast ist Journalist und Betreiber des Blogs deppenleerzeichen.de – einer „humoristischen Auseinandersetzung mit dem Phänomen Leerzeichen in Komposita“. Für ihn geht es um mehr als nur Pedanterie. Bedenklich sei, wenn durch ein falsches Leerzeichen die Verständlichkeit eingeschränkt werde. Beispiel „Zugang zum Behinderten WC“: „Da steht dann, dass das WC behindert ist. Es führt einfach auf eine falsche Fährte“, sagt Gast.

Bestsellerautor und Sprachkritiker Bastian Sick („Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“) könnte etliche dieser Beispiele nennen. Er hat schon vor mehr als zehn Jahren „ein Traktat über depperte Leer Zeichen und unerträgliche Wort Spalterei“ geschrieben. Heute sagt er: „Das Deutsche zeichnet sich durch die wunderbare Möglichkeit der Wortzusammensetzung aus. Keine andere Sprache kann so viele Bandwurmwörter erzeugen.“

Aber wo wird der Bindestrich denn nun eigentlich gesetzt? „In den allermeisten Fällen wird er genutzt, um die Struktur klarer erkennbar zu machen“, sagt Kristin Kopf. Kopf ist Linguistin an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Oder, wie die Hochschule selbst schreibt: an der Johannes Gutenberg-Universität. „Namen werden oft anders behandelt als andere Wörter“, sagt Kopf.

Das Deppenleerzeichen macht auch vor akademischen Einrichtungen nicht Halt. In Berlin entsteht das „Humboldt Forum“, das Robert-Koch-Institut schreibt sich wahlweise „Robert Koch-Institut“ (im Impressum) oder Robert Koch Institut (im Logo).

Grundsätzlich habe es sich in den vergangenen Jahrhunderten durchgesetzt, die Bestandteile von Komposita zu verbinden, sagt Kopf. Und Sick: „Es gibt im Deutschen keine Wortzusammensetzung, deren Bestandteile unverbunden nebeneinander stehen können.“ Wem das Bandwurmwort Arbeiterunfallversicherungsgesetz wenig leserlich erscheint, der schreibt Arbeiterunfallversicherungs-Gesetz. In anderen Fällen ist der Bindestrich Pflicht, etwa, wenn eine Abkürzung Bestandteil des Kompositums ist: Akw-Bau.

Aber warum sehen wir das Deppenleerzeichen immer öfter? Student Erik Lutz (23) hat darüber an der Universität Eichstätt-Ingolstadt die Seminararbeit „Deppen Leer Zeichen“ geschrieben. Darin nennt er drei Gründe: den Einfluss von Produktaufschriften und Werbung, das Vorbild des Englischen sowie das Schreiben auf Smartphone und Co.

Bei Produkt- und Markennamen lägen der Getrenntschreibung häufig gestalterische Überlegungen zugrunde. Produktnamen auf Verpackungen gehen oft über mehrere Zeilen, ein Bindestrich am Zeilenende sieht nicht gut aus. Die Ästhetik macht aus „Bergbauernmilch“ „Bergbauern Milch“. In manchen Fällen soll das auch internationaler wirken.

„Der allgemeine Trend ist eben, dass wir uns ganz und gar am Englischen orientieren“, sagt Autor Sick. Im Englischen gibt es zusammengeschriebene Komposita nämlich nicht; stattdessen werden Leerzeichen gesetzt. Es heißt „online banking“, nicht wie im Deutschen „Online-Banking“ oder gar „Onlinebanking“.

Wesentlich jünger ist ein anderer Einfluss: das Tippen auf Mobilgeräten mit Worterkennungssystem (oder ist Worterkennungs-System besser lesbar?). Allerdings sei der Bindestrich auf den Tastaturen der meisten Smartphones nicht auf derselben Tastatur zu finden wie die Buchstaben, schreibt Lutz. Komplexe Komposita erkennen die Systeme ohnehin nicht. Viele Nutzer verzichten deshalb auf den Bindestrich und schreiben die Wörter zusammenhanglos nebeneinander: „Kneipen Viertel Abend“. In den meisten Fällen weiß der Leser dennoch, was gemeint ist.

Sprache ändert sich. „Aus sprachwissenschaftlicher Sicht finde ich das spannend“, sagt Kopf über das Deppenleerzeichen. Allerdings gehen auch Ausdrucksmöglichkeiten verloren. Ein „Chefingenieur“ sei nun mal etwas anderes als ein „Chef Ingenieur“, sagt Lutz. (dpa)