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Sprache der EM Sprachklamauk auf Rasen

Von "Last-second-Gelegenheiten" und "Kraftwürfeln": Die EM hatte mal wieder allerhand krumme Sprache zu bieten – eine Bilanz.

10.07.2016 17:14
Jürgen Roth
Schade eigentlich: „Der Schiedsrichter hat die Karten dabei.“ Foto: REUTERS

Fußballwelt- und -europameisterschaften sind optimale Gelegenheiten, um prätendiert raffinierten Kappes in die Welt zu hieven. „Der Kontinent dauert neunzig Minuten, und der Rasen ist rund“, witzelte die gelehrte „Zeit“ zum Turnierauftakt, und „Deutschlands profiliertester Sportphilosoph“ Gunter Gebauer legte termingerecht das überflüssigste Buch seit 1973 vor. In „Das Leben in 90 Minuten – Eine Philosophie des Fußballs“ stimmt so gut wie kein Satz, steht reihenweise Kokolores („Fußball greift in die unteren Regionen der Psyche von Spielern, Zuschauern und der eines ganzes Landes“; „Von der Liebe zum Fußball wird den Deutschen ein Weg geöffnet, sich selbst und das eigene Land zu lieben“) und heißt es schließlich, dass „der Fußball zu einem Spiel geworden ist, das man nicht beleidigt“.

Das wüsste ich aber. Vor zehn Jahren fiel zum Beispiel dem gemeinhin noetisch vernebelten Peter Sloterdijk auf, „dass es auf der Welt nichts Dümmeres gibt als die Reaktion von Fußballern nach dem Torerfolg. Es ist wirklich obszön, was man da zu sehen bekommt.“ Und ebenfalls 2006 veröffentlichte der geniale Michael Rudolf im „Rolling Stone“ die Philippika „Was erlauben Fußball?“, in der er auf „das allgegenwärtig suppende Großklappengemisch“ und „die umnachteten Mietvisagen der akzeptierenden Medienarbeit“ losging.

Nichts hat sich seither geändert, wäre ja auch noch schöner gewesen. Wohin man glotzt, überall der immer gleiche „Fußballbrei und -schrei“ (Dieter Bott), „Schwachmaten, wo man nur schaut“ (Opdenhövel; der allerdings nicht seine eigene erbärmliche, narzisstische Zunft adressiert hatte).

„Es ist ein Wolkenbruch von Geschwätz, Tag für Tag, Abend für Abend.“ (Jakob Wassermann: Etzel Andergast) Vor mir liegt ein Berg von Mitschriften, und jeder einzelne Halbsatz, den ich mir in den vergangenen vier Wochen notiert habe, ächzt unter der Last des Schwachsinns.

„Wichtig ist nicht nur auf dem Platz, sondern auch auf dem Kopf“, faselte am 1. Juli ein Moderator des ARD-Morgenmagazins, das die Hölle ist. Ja, einen knappen Monat lang hatte es kein einziger Reporter unterlassen, zwischen abgewrackten Phrasen und blökend hohlen Neologismen ranzige Aperçus über schaurige Spielerfrisuren abzuseilen – nicht mal der grosso modo leidlich moderate Martin Schneider vom ZDF, der jedoch während der Partie Albanien – Schweiz hie „überhaupt keinen Speed“ und da „noch vierundzwanzig spritzige Minuten“ ins Visier nahm und sich dergestalt Gott sei Dank in die Phalanx der Dampf- und Dumpfnudelplauderer einreihte.

Eine Brise Sprachpesthauch?

Sein Anstaltskollege Oliver „Seepferdchen“ Schmidt, der seine Einschätzungen gern mit „’ner Prise“ versieht (einer Brise Sprachpesthauch?), erblickte bei Schweiz contra Polen mal „zuviel Verkehr auf dem Mittelstück“, mal „eine Last-second-Gelegenheit“, mal diesen komischen „Ein-Kontakt-Konterfußball“, mal einen Lewandowski, der „die eigene Tiefe im Spiel sucht“, mal einen Schweizer „Zweikampfrädelsführer“ und mal den „Kraftwürfel“ Shaqiri, mit dem er seine versalzene Wörterbrühe weiter zu pimpen versuchte.

Der Chefschrecken des Abendlandes und -programms, Béla Réthy, wiederum werkelte wie eh und je tüchtig und lustvoll an der Perfektionierung seiner „deregulierten Wahrnehmung“ (Christoph Türcke) und an seiner Intellektualdemontage herum. „Der erste Abschluss geht nach Island.“ Einer Haftpflichtversicherung? „Er hätte sich so gerne einen Freistoß gewünscht.“ Wäre er der Froschkönig und kein banaler Bolzer gewesen. „Jetzt haben sich die Pärchen gebildet.“ Dann darf gemauselt werden. „Die Halbzeit war nicht lang genug.“ Verdammte Relativitätstheorie. Oder, vielleicht die ikonische Szene der EM: „So, das ist Müller. Bereitet sich möglicherweise auf ein Tor vor.“ (Erklärung: Müller bindet in Nahaufnahme einen Schuh.) Conclusio: „Eigentlich fast alles gut.“ (Kroatien versus Portugal, nach horriblen neunzig Minuten.)

Zu Steffen Simon sage ich an dieser Stelle nichts, aus juristischen Gründen. Wer indes vom Simon nicht reden will, darf wenigstens vom Tom Bartels, der in Vorzeiten auf der Brennsuppe dahergeschwommen kam, nicht schweigen.

Was für ein Geschenk ist dieser Mann! „Auch die Polen müssen mit dieser Führung erstmal umgehen lernen.“ Ein Buchstabe für Buchstabe existentialontologisch verblasenes Diktum. „Das Gesicht trägt für Erfolg wie Misserfolg“, deutet er das Antlitz des portugiesischen Trainers Fernando Santos. „Das sind schon enorme Belastungen, die da aus dem Körper gepresst werden“, schreibt er die Gesetze der Physik oder der Physiologie um. „Wichtig wäre es für die Tschechen, dass es nicht so bleibt“, sinnloselt er sich um Zunge und Stimmbänder. „Der Schiedsrichter hat die Karten dabei.“ Wow.

Am 29. Mai hatte Bartels im „Deutschlandradio Kultur“ dargelegt, er habe dann „gute Arbeit geleistet“, wenn er das Spiel „richtig gelesen“ und „wenn ich das Gefühl habe, ich hab’ schöne Worte gefunden, ich hab’ eine schöne Sprache gehabt“.

Fürwahr, für das, was er während des Halbfinales zwischen Portugal und Wales „abgerissen hat“, kann man ihn „nicht hoch genug loben“. Jede Formulierung: schief, falsch, aus den Fugen, rasend besoffen. Was macht der Schiedsrichter? Er „hinterlegt seine Meinung“. Sofern nicht gerade ein Verteidiger „dreißig, vierzig Meter vorschiebt“. Wie steht’s ums Stellungsspiel? „Das Stellungsspiel ist da.“ Wie geht’s weiter? „Eckstoß, vor allem aber Zeit.“ Deshalb „schau’n wir, ob’s bei den letzten Minuten hier bleibt“. Und erzählen derweil, dass der Waliser Joe Allen „bei Jürgen Klopp in the long Ende immer Einsatzzeiten bekommen hat“.

Dessen ungeachtet gilt in the long Ende: „Es bleibt, wie es war.“ (Réthy) Heißt: „Fußballkommentare sind keine Meinung, sondern ein Verbrechen.“ (M. Rudolf)

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