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Spiele-Apps China bekämpft Computerspielsucht

China übt Druck auf Game-Entwickler aus: Kinder sollen nicht den ganzen Tag mit Computerspielen verbringen. Vor allem „Ruhm der Könige“ hat die Aufmerksamkeit des Staates auf sich gezogen

Spiel
Das populärste Spiel auf dem Markt ist derzeit „Ruhm der Könige“ aus dem Hause Tencent. Foto: rtr

Die chinesische Regierung bekämpft die Computerspielesucht – und legt sich dabei mit einem der größten Internetkonzerne der Welt an. Vor allem das erfolgreiche Onlinespiel „Ruhm der Könige“ hat die Aufmerksamkeit des Staates auf sich gezogen: 100 Millionen überwiegend minderjährige Zocker verbringen täglich oft viele Stunden mit der App. Sport und Hausaufgaben kommen zu kurz, lautet die Kritik der staatlichen Wächter.

Nach heftiger Kritik aus Peking hat der App-Anbieter Tencent bereits per Update die Spielzeit für minderjährige Nutzer beschränkt. Kinder unter 12 Jahren dürfen die App nur noch eine Stunde am Tag verwenden, teilte das Unternehmen mit. Nach 21 Uhr abends können Kinder gar nicht mehr damit spielen. Für Jugendliche von 13 bis 18 gilt ein Limit von zwei Stunden täglich.

Tencent baut zudem in seine Spiele-Apps Elemente einer Kindersicherung ein. Benutzerkonten von Minderjährigen müssen künftig grundsätzlich mit der entsprechenden App eines Erziehungsberechtigten verknüpft sein. Die Eltern können auf dem Handy sehen, welche Spiele ihr Nachwuchs spielt – und wie viel Geld er für In-App-Käufe ausgibt. Die Eltern bekommen hier sogar ein Abschaltknopf in die Hand: Einmal tippen, und auf dem Handy ihres Kindes funktioniert kein Tencent-Spiel mehr.

Tencent spielt mit einem Umsatz von 22 Milliarden Euro und einem Marktwert von über 300 Milliarden Euro in der finanziellen Liga von Facebook. Es handelt sich um einen der global größten Anbieter von Mobilanwendungen. Seine Kommunikations-App Wechat ist mit einer Milliarde Nutzer eine der populärsten Handy-Anwendungen der Welt. In seinem Heimatmarkt China hat das Unternehmen zudem mit „Ruhm der Könige“ (Wangzhe Rongyao) vor zwei Jahren erneut einen großen Spielehit gelandet. Das Game spielt derzeit rund die Hälfte der Einnahmen der Unterhaltungssparte von Tencent ein.

In „Ruhm der Könige“ steuern die Nutzer eine Spielfigur auf der berührungsempfindlichen Anzeige ihres Handys. Die Figur ist anfangs mit einem Schwert bewaffnet. Der Spieler metzelt durch heftiges Tippen damit Gegner nieder. Dafür gibt es Pluspunkte, Gegenstände wie bessere Waffen und besondere Fähigkeiten. Die Einführung in das Spiel liefert eine zuckersüße Mädchenstimme. Wie heute üblich, lässt sich die App zunächst gratis herunterladen. Nach einiger Spielzeit können die Spieler ihrem Erfolg jedoch durch den Kauf von Gegenständen einen enormen Schub geben. Das kostet reales Geld. Das ganze Konzept wirkt jetzt nicht völlig neu, das Spiel ist aber gut gemacht – und macht den Kids ziemlichen Spaß. Der Titel erscheint im Herbst 2017 auch in Deutschland.

Tencent steht nun unter Druck, auf die jüngste Kritik aus Peking zu reagieren. Chinas Wirtschaft ist immer noch staatlich gelenkt. Wenn die Regierung einer Firma Ärger machen will, dann hat sie dazu unbegrenzte Möglichkeiten. In dieser Woche wurde zunehmend deutlich, dass sich etwas gegen Tencent zusammenbraut. „Es ist alarmierend, wenn Firmen den Menschen aus Profitgier schaden“, schrieb das Propagandaorgan „Volkszeitung“ über Tencent.

China sieht sich als Sittenwächter der Gesellschaft

Die amtliche Nachrichtenagentur „Neues China“ warf den Spieleanbietern vor, „die Selbstkontrolle von Kindern zu untergraben“ und sie launisch zu machen. Es fehlte auch nicht ein Hinweis auf Jugendliche, die angeblich nach langen Spielesitzungen gestorben seien. Der chinesische Staat sieht sich als Sittenwächter der Gesellschaft und greift allerorten durch Zensur in die Medienwelt ein.

Die aktuelle Kritik kam, nachdem Tencent bereits die Zeitbeschränkungen angekündigt hatte. „Es ist nun wichtig, dass das Unternehmen Verantwortung zeigt“, sagen Experten der Forschungsfirma IDC. Wenn das Unternehmen die Kinder besser vor Sucht schütze, sei das nachhaltig gedacht, schließlich müsse das Unternehmen einen Rückschlag gegen die eigenen Produkte vermeiden. Tencent sei groß genug, um eine Änderung des Geschäftsmodells zu verkraften.

In der chinesischen Gesellschaft ist Spielesucht derzeit ein ganz großes Diskussionsthema. China droht ein Volk von Stubenhockern zu werden. Die Zahl der Online-Spieler hat dort gerade 370 Millionen erreicht. Die Ärzte zählen „Wangyin“, Internetsucht, zu den häufigsten Diagnosen bei Jugendlichen. Es soll 24 Millionen Betroffene geben. Findige Geschäftemacher bieten verzweifelten Eltern alle möglichen Heilmittel an: Entzugslager mit militärischem Drill, Elektroschocktherapie, Akupunktur oder Kräuteraufgüsse. Die Spielzeitbeschränkung durch Tencent dürfte da die einfachere und gesündere Lösung sein.

120 Millionen Chinesen unter 18 Jahren gelten als übergewichtig

Es gibt noch ein weiterreichendes Problem: Wenn die Jugendlichen gerade nicht am Handy hängen, dann müssen sie für einen Prüfungsmarathon lernen. In Chinas bildungswütiger Gesellschaft hat nur der die Chance auf einen anständigen Job, der die schweren Aufnahmeprüfungen für die Universität und Fachschulen besteht. Zu kurz kommen Sport, Spiel und eigene Entfaltung. Die verbleibende Zeit saugen dann zunehmend die Spiele auf, klagen Experten.

„Der Lebensstil hat sich zum Schlechteren geändert, Kinder sitzen zu viel vor Computer und Handy und bewegen sich zu wenig“, sagt Mediziner Ma Jun vom Institute of Child and Adolescent Health der Peking-Universität. Für den Traum des Staatspräsidenten Xi Jinping, China zu einer fitten Fußballnation zu machen, sind diese Kids kaum geeignet. Stattdessen wird Diabetes bei Jugendlichen immer häufiger, 120 Millionen Chinesen unter 18 Jahren gelten als übergewichtig.

Stimmen im Netz äußern jedoch Zweifel, ob Tencents Zeitbeschränkungen wirklich wasserdicht ist. Auf der Handelsplattform Taobao finden sich bereits verdächtige Angebote: Findige Geschäftemacher verkaufen hier Zugangsdaten zu Tencent-Benutzerkonten von Erwachsenen – zum schülerfreundlichen Vorzugspreis von 30 Cent. Der Account ist dann auf die Personalausweisnummer eines Volljährigen registriert. Xinhua berichtet derweil von Jugendlichen, die sich einfach Papas Kreditkarte „ausgeliehen“ haben, um sich Spiele herunterzuladen. Andere spielen einfach auf dem Handy des älteren Bruders weiter.

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