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Spanien „Tourist go home“

Das touristische Rekordjahr empfinden manche Spanier vor allem als Plage. In Barcelona zerstechen Touristen-Hasser Reifen, Regierungschef Rajoy spricht von einer „Torheit“.

Benidorm
Ob man bei diesen Menschenmassen am Strand von Benidorm noch von Erholung sprechen kann? Foto: rtr

Mariano Rajoy kann es nicht fassen. „Ich hätte nie gedacht, dass ich irgendwann mal den spanischen Tourismussektor verteidigen müsste“, sagte der spanische Ministerpräsident vor ein paar Tagen. „Das ist wirklich unglaublich.“ Der Tourismus sei für Spanien „eine Quelle des Reichtums, der Beschäftigung und des Wohlergehens“. Sich gegen den Tourismus zu stellen, hält der Regierungschef für „eine Sinnlosigkeit“ und „eine Torheit“.

Es gibt aber Leute in Spanien, die sich dem Tourismus entgegenstellen, und die machen gerade ziemlich viel Lärm. Ein paar gezielte Attacken haben ihnen in diesen Hochsommerwochen die Aufmerksamkeit beschert, die sie sich erhofft haben: ein Angriff auf einen Touristenbus in Barcelona, den sie stoppten, mit Slogans besprühten und ihm einen Reifen zerstachen, am nächsten Tag ein ähnlicher Streich gegen Mietfahrräder, denen sie ebenfalls die Reifen zerstachen, dann ein antitouristisches Happening mit Konfetti und Knallkörpern im Jachthafen von Palma, schließlich eine Aufkleberaktion gegen Mietwagen in ganz Mallorca.

Turismofobia in Spanien

Und immer wieder Graffiti, „Tourist go home“, selbst im nordspanischen Oviedo, das nicht von Besuchern überlaufen ist, aber trotzdem: „Hipster und Tourismus, neue Form des Terrorismus“, sprühte dort diese Woche jemand an eine Häuserwand. Die spanischen Medien haben für diese Angriffe ein Wort gefunden, das im vergangenen Jahr noch niemand benutzt hat: turismofobia, „Touristenphobie“. Jetzt wird viel darüber diskutiert, ob es die wirklich gibt, wer sie schürt und was man vielleicht dagegen tun könnte.

Spanien wird dieses Jahr von Besuchern überrannt, oder, wie es TUI-Chef Fritz Joussen am Donnerstag sagte: „Spanien ist ziemlich voll mit Touristen.“ Nach dem Knick in Folge der internationalen Wirtschaftskrise 2008 und 2009 geht die Zahl ausländischer Besucher Jahr für Jahr in die Höhe, von Rekord zu Rekord.

Im vergangenen Jahr waren es mehr als 75 Millionen, etwa zehn Prozent mehr als im Jahr davor, und am Ende dieses Jahres dürfen es nach dem derzeitigen Trend noch einmal gut zehn Prozent mehr werden, um die 83 Millionen.

Seit Jahrzehnten macht sich das Land Sorgen, ob es wohl auf Dauer attraktiv genug ist für den Tourismus, Spaniens wichtigste Industrie, und nun kehren sich die Sorgen um. Das ist es, was Mariano Rajoy nicht fassen kann.

Der katalanische Tourismusforscher Claudio Milano kennt diesen Prozess „von der Anfangseuphorie zu einer Konfliktsituation“, die sich seiner Meinung nach aber „nicht an den Touristen, sondern an der Tourismuspolitik“ entzündet. Wahrscheinlich stimmt das nicht ganz. Es sind durchaus auch die Erfahrungen mit dem unzivilisierten Teil der Besuchermassen, die manche Spanier erzürnen lassen: Touristen, die sich am Ballermann prügeln, die in Magaluf ihren Rausch auf offener Straße ausschlafen, die in Barcelona nackt Geschäfte betreten.

Druck auf den Wohnungsmarkt 

Gravierender aber sind die strukturellen Probleme, die jeder Tourist mitbringt, und sei er noch so rücksichtsvoll und gutwillig: die Zerstörung gewachsener Nachbarschaften wie in Barceloneta, dem Stadtteil am Strand von Barcelona, wo es nach dem Eindruck Alteingesessener „schwierig ist, noch irgendeinen Nachbarn auf der Straße zu treffen“; und der Druck auf den Wohnungsmarkt, der dazu führt, dass auf Ibiza Ärzte, Krankenpfleger oder Polizisten fehlen, weil sich Stellenbewerber von auswärts angesichts ausnehmend hoher Mieten zurückziehen.

Hier kann die Politik ansetzen und versucht es auch. Die punktuelle Überhitzung des Wohnungsmarktes (in einem Land mit Millionen leerstehenden Wohnungen) ist Konsequenz des Erfolges von Netzplattformen wie Airbnb, der zu einem Boom der legalen und illegalen (aber vor allem: einträglichen) Ferienvermietung geführt hat. 

Es gehe nicht an, „dass wir einen Teil der Stadt dem Tourismus aushändigen“, sagt der Madrider Lokalpolitiker Jorge García Castaño. Es sind immer die schönsten Teile der Stadt, die sich, anfangs kaum merklich, in Touristenterritorium verwandeln.

Das ist dem einzelnen Urlauber nicht vorzuhalten, natürlich geht er dahin, wo es am schönsten ist. Es helfen nur Beschränkungen und effektive Kontrollen. Palma de Mallorca verbietet schon seit einigen Jahren die Ferienvermietung in Mehrfamilienhauswohnungen, aber die Stadt hat es nicht geschafft, das Verbot auch durchzusetzen. Barcelona und Madrid (wo die Ferienvermietung unter Auflagen erlaubt ist) haben ähnliche Probleme, illegale Vermietungen zu entdecken und zu ahnden. Hohe Bußgelder helfen nicht, wenn niemand sie eintreibt.

Trotz allen Problemen ist nicht ganz Spanien von der turismofobia ergriffen, selbst in Barcelona finden die allermeisten Einwohner, dass der Tourismus ihrer Stadt eher nützt als schadet. Es gibt aber, vor allem in Katalonien und auf den Balearen, ein paar links-nationalistische Splittergruppen, die sich mit ihren Attacken auf den Tourismus vor allem selbst inszenieren. Was Gutes hat das doch: Spanien diskutiert darüber, wie der Tourismus so zu bändigen wäre, dass die Einheimischen nicht unter ihm zu leiden haben.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Spanien

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