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Spanien König Juan Carlos dankt ab, Felipe übernimmt

Der spanische Monarch Juan Carlos dankt ab. Einst ebnete er Spanien den Weg in die Demokratie. Doch dann verlor er das Gespür für sein Amt. Sein Sohn, der künftige König Felipe VI., genießt bei den Spaniern höheres Ansehen als der Vater.

A boy looks at a television showing Spain's King Juan Carlos delivering a statement, in a bar, in Barcelona
Die Spanier verfolgten die Ansprache des Königs im Fernsehen. Foto: REUTERS

Gewünscht haben es viele, erwartet hat es niemand. Spaniens König Juan Carlos de Borbón y Borbón hat am Montag seine Abdankung erklärt. Nachfolger wird sein Sohn, der bisherige Kronprinz Felipe, künftiger König Felipe VI. Bis er sein Amt übernehmen kann, wird das spanische Parlament allerdings erst in aller Eile ein Gesetz verabschieden müssen, das die Thronfolge im Falle einer Abdankung regelt – in gut 35 Jahren Demokratie hat sich der Gesetzgeber bisher um eine solche Regelung gedrückt. Wie fast alle Spanier hatten offenbar auch die Abgeordneten nicht damit gerechnet, dass Juan Carlos eines Tages amtsmüde werden könnte.

Es war Ministerpräsident Mariano Rajoy, der die Abdankungsnachricht am Montag um 10.30 Uhr bekannt gab. Er lobte Juan Carlos als „unermüdlichen Verteidiger unserer Interessen“, er sei „der beste Fürsprecher“ und „das beste Abbild“ Spaniens gewesen. Er hinterlasse den Spaniern eine „unbezahlbare Dankesschuld“.

Die Leistungen des Monarchen werden von den wenigsten in Frage gestellt. Juan Carlos war der Enkel des letzten spanischen Königs Alfonso XIII., den die Spanier 1931 aus dem Amt gejagt hatten, um die Republik auszurufen. Doch jene Zweite Republik hatte nur ein kurzes Leben. 1936 erhoben sich rechte Militärs gegen die damalige konstitutionelle Ordnung, die sie nach drei Jahren Bürgerkrieg beseitigten, um eine Diktatur unter dem General Francisco Franco zu errichten. Die Diktatur hielt bis zum Tode Francos Ende 1975. Zu seinem Nachfolger hatte Franco den Königsenkel Juan Carlos auserkoren.

Als der damals 37-jährige Juan Carlos am 22. November 1975 den über vier Jahrzehnte verwaisten spanischen Thron bestieg, hatten die Spanier keine großen Erwartungen an ihn. Er war der Ziehsohn Francos, viel mehr wussten sie nicht von ihm. Umso überraschender kam der Einsatz des jungen Staatschefs für ein neues, demokratisches Spanien. Seine klügste Entscheidung war die Benennung eines ehrgeizigen, aber damals noch recht unbekannten Politikers des Franco-Regimes, Adolfo Suárez, zum Regierungschef im Juli 1976. Suárez – der vor gut zwei Monaten starb – gelang es, seine früheren franquistischen Weggefährten davon zu überzeugen, ihre Macht aus den Händen zu geben. Der König konnte währenddessen im Hintergrund wirken.

„Mehr als Motor des Wandels war Juan Carlos sein Schutzschild“, schreibt der Historiker Javier Tusell über dessen Rolle in jenen aufregenden Jahren. Formal legitimiert wurde die Stellung des Königs am 6. Dezember 1978, als die Spanier in einer Volksabstimmung ihre neue Verfassung absegneten, die Spanien zur parlamentarischen Monarchie erklärte. Doch seine definitive gesellschaftliche Legitimation erwarb sich Juan Carlos in der Nacht vom 23. auf den 24. Februar 1981, als er zum letzten Mal seinen königlichen Schutzschild vor die Demokratie hielt. Ein Trupp von Guardia-Civil-Polizisten hatte das Madrider Parlament gestürmt und die Abgeordneten zu Geiseln genommen.

Der Putschversuch misslang, weil König Juan Carlos das Richtige tat. Er setzte sich in Uniform vor eine Fernsehkamera, beteuerte „die Treue der Krone zur Verfassung“ und befahl den aufständischen Militärs, in die Kasernen zurückzukehren. Am folgenden Morgen gaben die Putschisten auf. 15 Jahre zuvor, noch zu Franco-Zeiten, hatte sich Juan Carlos bei einem britischen Diplomaten darüber beklagt, dass er unter den Spaniern „nirgendwo eine spontane starke Zuneigung für die Monarchie“ spüre. In jener Nacht, in der er den Militärputsch stoppte, errang er sich die bisher fehlende Zuneigung und den Respekt der Spanier.

Von diesem Respekt konnte Juan Carlos lange zehren. Die Monarchie war in den kommenden Jahrzehnten eine der höchst-angesehenen Institutionen Spaniens und der König selbst nahezu unantastbar. Er profitierte von einem unausgesprochenen Pakt der Medien, sich nicht in sein Privatleben einzumischen. Als ein Paparazzo Anfang der 1990er Jahre Nacktbilder von Juan Carlos beim Sonnenbad auf seiner Jacht Fortuna schoss, wollte keine einzige spanische Zeitschrift die Bilder kaufen. Doch die Idylle hielt nicht ewig.

Für den ersten schweren Schlag gegen das Ansehen der spanischen Monarchie sorgte ein Untersuchungsrichter in Palma de Mallorca. Im Herbst 2011 wurde bekannt, dass der Richter José Castro gegen den königlichen Schwiegersohn Iñaki Urdangin, Ehemann der Infantin Cristina, ermittelte: wegen mutmaßlich unsauberer Geschäfte zu Lasten der Regionalregierungen der Balearen und Valencias. Die Spanier waren an Nachrichten über korrupte Netzwerke gewöhnt, in die Politiker auf der einen und windige Geschäftsleute auf der anderen Seite verstrickt waren. Doch dass nun auch das Königshaus unter Korruptionsverdacht stand, war für sie schwer zu verdauen. Der Verdacht ist bis heute nicht ausgeräumt, die Ermittlungen sind noch nicht beendet, und auch Cristina, die zweitälteste Tochter von Juan Carlos, hat in der Zwischenzeit vor Richter Castro aussagen müssen.

Den zweiten schweren Schlag gegen sein Ansehen führte der König selbst. Im April vor zwei Jahren flog er nach Botswana im Süden Afrikas zur Elefantenjagd und brach sich dabei eine Hüfte, weswegen sein Ausflug überhaupt nur bekannt wurde. Das königliche Jagdvergnügen stieß den Spaniern übel auf: Ihr Land steckt seit Mitte 2008 in der schwersten Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten, viele Menschen haben kaum noch das Nötigsten zum Überleben, der König selbst hatte verkündet, dass ihm die hohe Jugendarbeitslosigkeit den Schlaf raube.

Seine Glaubwürdigkeit war dahin. Weswegen sich die spanischen Medien auch nicht mehr an den alten Schweigepakt hielten, der bisher das königliche Privatleben geschützt hatte. Überall war nun über die „innige Freundschaft“ von Juan Carlos mit der Deutschen Corinna zu Sayn-Wittgenstein zu lesen, die den König auf seiner Elefantenjagd begleitet hatte. Der Respekt und die Zuneigung, die die Spanier einst für ihren Monarchen empfanden, waren aufgebraucht. Da half auch die öffentliche Entschuldigung des Königs – „Es wird nicht wieder vorkommen“ – nichts.

Die Krise, die Spanien seit sechs Jahren durchmacht, hätte die Stunde von Juan Carlos sein können. Die Menschen sehnen sich nach einer Institution, der sie vertrauen können. Politik und Justiz haben sie enttäuscht – aber auch den König hat der Instinkt verlassen, der ihn in seinen ersten Jahren auf dem Thron so sicher leitete. Seine Abdankung ist ein Befreiungsschlag, ein Dienst an der Monarchie. Vor noch nicht langer Zeit, anlässlich seines 75. Geburtstages im Januar vergangenen Jahres, sagte Juan Carlos in einem seiner seltenen Fernsehinterviews: „Ich fühle mich in Form, voller Energie und vor allem Lust, um weiterzumachen.“ Die Lust hat ihn wahrscheinlich noch nicht verlassen. Die Energie möglicherweise schon: Er ist gesundheitlich angeschlagen.

Aber vor allem dürfte sich bei ihm die Erkenntnis durchgesetzt haben, dass er eine Belastung für das Königshaus ist. Alle Umfragen unter den Spaniern geben der Monarchie nur noch ein „mangelhaft“, und Juan Carlos selbst gehört zu den am wenigsten geschätzten Mitgliedern der königlichen Familie. Der Generationenwechsel könnte der spanischen Monarchie neuen Auftrieb geben. Anders als sein Vater ist der 46-jährige Kronprinz Felipe bei den Spaniern beliebt. „Ich weiß von niemandem, der nicht von seiner Höflichkeit, Neugier, Solidität und seinem herzlichen Charakter beeindruckt ist“, sagte einst der spanische Justizminister Alberto Ruiz-Gallardón über ihn. Vor allem in Lateinamerika ist Felipe als offizieller Gesandter seines Landes häufiger Gast.

Er spricht fließend Englisch und Französisch, hat ein abgeschlossenes Wirtschafts- und Jurastudium hinter sich und besitzt einen Master für Internationale Beziehungen der Georgetown-Universität in Washington – er wird der erste spanische König mit akademischem Abschluss sein. Bei seinen öffentlichen Auftritten wirkt Felipe ein wenig steif, im näheren Umgang erweist er sich als entspannter.

Der größte Vorzug des künftigen Königs ist das Fehlen aller Skandale. In seinen Junggesellenjahren machte er mit gelegentlich wechselnden Freundinnen von sich reden, doch seit zehn Jahren ist er mit der früheren Fernsehjournalistin Letizia Ortiz verheiratet. Die Ehe ist offenbar stabil. Die Hochzeit mit einer Bürgerlichen, die schon einmal verheiratet gewesen war, erzürnte damals einige spanische Traditionalisten, während fortschrittlicher gesonnene Spanier eher darüber enttäuscht sind, wie wenig eigenes Profil die Prinzessin in den vergangenen Jahren gewonnen hat. Schlagzeilen machte sie nur mit ihren Schönheitsoperationen und mit der Geburt ihrer beiden Töchter, der künftigen Kronprinzessin Leonor und der jüngeren Sofía – benannt nach ihrer Großmutter, der Königin Sofía, der Ehefrau Juan Carlos‘.

„Eine neue Generation fordert, mit allem Recht, die Hauptrolle ein“, erklärte der scheidende König Juan Carlos am Montagmittag in seiner Abdankungserklärung. „Mein Sohn Felipe verkörpert die Stabilität, die das Kennzeichen der Monarchie ist.“ Der Prinz besitze „die Reife, das Rüstzeug und das nötige Verantwortungsbewusstsein, um das Amt des Staatschefs zu übernehmen“. Die Mehrheit der Spanier glaubt diesen Worten. Felipe wird ihnen zeigen müssen, ob er ihr Vertrauen verdient.

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