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„Smart City“ Moskau weiß, wie sein Volk tickt

Vorbild Singapur: Moskau soll mit Spitzentechnologien zur „Smart City“ werden. Datenschutz spielt dabei kaum eine Rolle.

Moskau
Die Technikbegeisterung ist in Russland traditionell groß. Foto: rtr

Sachar ist gerade in die zweite Klasse gekommen. Viele Noten bekommt der Junge noch nicht. Sobald seine Lehrer aber seine Arbeiten beurteilen, weiß sein Vater Eldar Tusmuchametow sofort Bescheid. In der staatlichen App „gosuslugi“ (staatliche Dienstleistungen) ploppt in dem Moment die Note auf. 

Eltern kontrollieren Schüler per Plastikkarte

In manchen Moskauer Schulen sorgt eine Plastikkarte dafür, dass die Eltern wissen, wann ihr Kind das Schulgebäude betreten hat, was es sich zum Mittag gekauft hat, mit welchen Schwierigkeiten es in Mathematik oder Russisch zu kämpfen hat. „Gosuslugi“ macht es möglich. Wie es auch möglich macht, seine Strafzettel online zu bezahlen, schnell noch einen Termin beim Facharzt gleich um die Ecke zu finden oder die Nebenkosten für die Wohnung zu überweisen. 

Eldar Tusmuchametow schwärmt von einem solchen Fortschritt. Von der „Effektivitätssteigerung der Verwaltung“, der „Mentalitätsveränderung“, von einem „Leben, das immer bequemer“ werde. Kontrolle jedes Einzelnen? „Wir sind nicht Big Brother“, sagt er. Der 33-jährige Marketing-Experte ist Leiter des Smart-City-Lab in der IT-Abteilung der Stadt Moskau und damit für die Entwicklung der staatlichen App verantwortlich, die allerlei Dienstleistungen bündelt. „Wir überwachen nicht die Menschen, wir überwachen die Infrastruktur.“ Der Mensch werde dabei selbstverständlich „erzogen“ und verhalte sich schnell „richtig“. 

Moskau soll effizienter, grüner, sozial attraktiver werden

Bis zum Jahr 2030 soll die russische Hauptstadt mit Spitzentechnologien wie Blockchain (für Kryptowährungen wie auch beispielsweise für elektronische Gesundheitsakten einzusetzen), das schnelle Internet 5G, Künstliche Intelligenz zu einer „Smart City“ (kluge Stadt) werden: einer Stadt also, die effizienter, grüner, sozial attraktiver sein soll. Der Moskauer Bürgermeister Sergej Sobjanin, vor wenigen Wochen erst für weitere fünf Jahre wiedergewählt, ist die treibende Kraft hinter dem Projekt, das Moskau zu einer Vorzeigestadt in Europa machen soll. „Zusätzliche Realität“ nennt der Stadtherr die Veränderungen, mit denen sein Team seit etwa sieben Jahren die russische Hauptstadt in die Hypermoderne zu katapultieren versucht. Vorbild für die Digitalisierung und Vernetzung ist dabei die führende „Smart City“ Singapur.

Alle Bereiche einer modernen Megapolis sind dabei betroffen, vom Verkehr über Müllentsorgung bis hin zum elektronischen Notenheft jedes Schülers in der Stadt. Bereits jetzt werden verschiedene Technologien eingesetzt. In der tiefen Moskauer Metro gibt es seit Jahren freies Wlan. Vorbei sind die Zeiten, als die langen Fahrten quer durch die Stadt noch den dicken russischen Romanen gehörten. Mittlerweile starren nahezu alle Passagiere in ihre Smartphones. Sollte der Akku dabei ausgehen, gibt es sogleich eine Lösung: In Bussen, Bahnen, an Bushaltestellen und selbst an den Sitzbänken in den Parks lassen sich die Geräte aufladen.

 Bargeldloses Zahlen ist längst Alltag in der Stadt, selbst mancher Taxifahrer bittet darum, ihm das Geld an seine Handynummer zu „überweisen“. Die staatliche Bank VTB arbeitet an einer einheitlichen Karte, mit der sich die Metrofahrten genauso bezahlen ließen wie beispielsweise auch die Leihräder, die Leihroller, die Leihautos. „Die Digitalisierung gehört einfach zum Leben der Menschen. Die Verwaltungen müssen ebenfalls solche Angebote machen“, sagt Tusmuchametow.

Moskau erfährt, wie das Volk tickt

Moskau macht es – mit dem e-government, mit Portalen wie „Aktiver Bürger“, wie „Abstimmungen für Wohnungseigentümer“, mit Online-Plattformen, wo sich Menschen – wenn auch zu wenige – melden, um ihre Wünsche mitzuteilen, wie die eigene Straße, der eigene Hof, der eigene Treppenaufgang aussehen könnten. Die Stadt nutzt das Potenzial und erfährt so, wie die Bevölkerung tickt. Der Mensch wird gläsern – und findet es meist nicht weiter schlimm. Datenschutz spielt eine geringe Rolle. Nach Katastrophen, bei denen Menschen ums Leben kommen, geben Russlands Behörden schnell die Listen mit vollen Namen und Geburtsdaten der Opfer an die Medien weiter, in sozialen Netzwerken präsentieren sich die meisten oft ohne jegliche Filter. 

„Wenn der Staat etwas wissen will, weiß er es ohnehin. Ich habe nichts dagegen, meine Daten preiszugeben, damit mein Leben durch verschiedene Apps und wenige Klicks leichter wird“, ist ein Satz, den man oft hört im Land. Die Technikbegeisterung ist traditionell groß in Russland. „Mit 160.000 Videokameras überwachen wir Moskau und sorgen so für Ordnung“, sagt Tusmuchametow und wischt über sein Smartphone. Immer noch keine Note seines Sohnes Sachar. 

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