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Sexueller Missbrauch „Die glänzende Fassade soll bewahrt werden“

Kirchen in der Kritik: Nach der Anhörung der Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs fällt die Bilanz nüchtern aus.

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Im Mittelpunkt der Anhörung stehen die beiden großen Kirchen in Deutschland und ihre Verantwortung für die Aufarbeitung. Foto: rtr

Als Claudia elf war, fing es an. Fünf Jahre lang lud der Gemeindepfarrer das Mädchen zu sich ins Pfarrhaus ein, fünf Jahre lang wurde sie von ihm sexuell missbraucht. Gewalt war nie im Spiel, Claudia kam wegen der Aufmerksamkeit. Die fehlte ihr zu Hause, wo der kriegstraumatisierte Vater sich allein um die Kinder kümmern musste.

Der Pfarrer gab Claudia das Gefühl, etwas Besonderes zu sein. Durch ihn finde sie näher zu Jesus, versprach er. Irgendwann entdeckte Claudias Schwester das Tagebuch des Mädchens und damit den Missbrauch. Der Pfarrer besuchte die Familie daraufhin zu Hause, entschuldigte sich – und machte weiter wie bisher.

In jungen Jahren konnte Claudia das Erlebte verdrängen. Doch nach ihrem Studium kamen die Depressionen. Zehn Jahre lang war sie in Therapie. Mittlerweile ist Claudia 50, depressive Schübe hat sie noch immer. Aber ihr Schweigen hat sie gebrochen. „Endlich gibt es die Öffentlichkeit, die ich so lange versucht habe herzustellen“, sagte sie am Mittwoch vor vielen Zuhörern in Berlin. Die unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs hatte zu einer öffentlichen Anhörung eingeladen. Im Mittelpunkt standen die beiden großen Kirchen in Deutschland und ihre Verantwortung für die Aufarbeitung.

Acht Jahre nach dem Bekanntwerden des Missbrauchsskandals in der katholischen und evangelischen Kirche fällt die Bilanz nüchtern aus: „Die beiden Kirchen haben häufig nur so viel getan, wie sie – vor allem auf Druck von Betroffenen und der Öffentlichkeit hin – tun mussten“, sagte die Vorsitzende der Kommission, Sabine Andresen. Beide Kirchen wirkten in vielen Bereichen der Gesellschaft. „Daran ist eine besondere Verantwortung geknüpft, der sie mit Blick auf Aufarbeitung und Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch bisher nicht in ausreichendem Maße nachgekommen sind“, so die Kindheitsforscherin.

Die Kommission wurde im Januar 2016 vom unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs berufen. Zwischen Herbst 2016 und April 2018 hat sie 650 vertrauliche Anhörungen durchgeführt und 254 schriftliche Berichte entgegen genommen. 65 dieser Fälle sind dem Kontext der katholischen oder evangelischen Gemeinden und Institutionen zuzuordnen.

Basierend auf den Berichten der Betroffenen, forderte die Kommission die Kirchen dazu auf, deutlicher als bisher Verantwortung zu übernehmen. „Alle mir bekannten Projekte zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs sind von Betroffenen angestoßen worden“, sagte Psychologe Heiner Keupp, ebenfalls Mitglied der Kommission. „Diese erste Anhörung soll den Kirchen zeigen, was für sie noch ansteht.“

Bis heute bestehen in den Kirchen nach Einschätzung der Kommission Machtstrukturen, die Betroffenen die Aufarbeitung erschwert oder verhindert. „Die Kirchen haben einen ausgeprägten institutionellen Narzissmus, die glänzende Fassade soll bewahrt werden“, so Keupp. Hinzu käme ein „komplizitäres Schweigen“, mit dem die Dinge gemeinsam unter dem Teppich gehalten würden. „Besonders traurig ist die Tatsache, dass identifizierte Täter einfach weiterversetzt und damit Serientäter gefördert wurden“, fügte er hinzu.

Neben einer Auseinandersetzung mit diesen Strukturen und angemessenen Entschädigungsleistungen forderte die Kommission eine kritische Prüfung des Beicht- und Seelsorgegeheimnisses.

Claudia hat mittlerweile einen Teil ihrer Hoffnung verloren. „Ich habe einen sehr langen, auch therapeutischen Weg hinter mir“, sagte sie bei der Anhörung. Trotzdem seien Teile von ihr immer noch nicht geheilt. „Und ich glaube auch nicht, dass sich alles heilen lässt.“

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