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Sexismus „Bild“-Zeitung ohne oben ohne

Die „Bild“-Zeitung entdeckt das Taktgefühl und will nicht mehr so viel blanken Busen zeigen – jedenfalls nicht täglich.

Bild-Zeitung
Harte News und nackte Haut? Dafür steht die „Bild“-Zeitung. Foto: afp

Wann war das doch gleich, als öffentlich gemacht wurde, dass Harvey Weinstein lange Zeit nicht nur der größte Filmproduzent Hollywoods gewesen sein soll, sondern auch immer wieder Frauen sexuell belästigt und sogar vergewaltigt haben soll? Richtig, das war im Oktober 2017. Kurz darauf kam die #MeToo-Kampagne ins Rollen, rund um den Globus gingen Frauen auf die Straße, um lautstark gegen sexuellen Missbrauch zu demonstrieren.

Im Zuge der internationalen Sexismus-Debatte, die auch die höchsten politischen Kreise erfasste, wurde dann auch mit dem alltäglichen Sexismus hart ins Gericht gegangen. Sogar ein Gedicht, in dem ein Poet formstreng und – darf man das heute überhaupt noch so sagen? – unaufdringlich Straßen und Blumen und Frauen besingt, musste von der Fassade einer Berliner Bildungsanstalt getilgt werden. 

Abgesehen vom Streit um das Gedicht war die Sexismus-Debatte gut und wichtig und lange, lange überfällig. Und dennoch, inmitten all dem Aufschreien und Aufklären und Aufdecken waberte noch ein unbestimmtes Gefühl umher, dass da noch etwas sein müsse, was zu ändern wäre. Aber was? – Gesetze? Das Klima in der Gesellschaft?

„Bild“-Zeitung entschlossen in die Offensive

Natürlich, die Barbusigen auf Seite eins der „Bild“ waren uns schon lange ein Dorn im Auge. Und nun, nach fast sechs Monaten Diskussion über Anstand, Haltung und die Schwächen und Stärken des Mannes, geht die „Bild“-Zeitung entschlossen in die Offensive – und will das tägliche „Bild-Girl“ auf der ersten Seite entschärfen. Es sollen „keine Oben-ohne-Bilder mehr zu sehen sein“, wurde gestern von den Agenturen vermeldet. Überhaupt gar keine mehr? Nun, nicht ganz. Blanker Busen soll immerhin nicht mehr „regelmäßig“ gezeigt werden. Das ist doch ein großer Schritt in Richtung ... ja, wohin denn eigentlich? 

Die Redaktion begründet die Selbstzensur so: „Unser Gefühl in den letzten Monaten war zunehmend, dass viele Frauen diese Bilder als kränkend oder herabwürdigend empfinden, sowohl bei uns in der Redaktion als auch unter unseren Leserinnen.“ Oha. Und auf den zarten Hinweis folgte sogleich eine folgenschwere Erkenntnis: Die Unterhaltung von Männern sollte „nicht die Kränkung von Frauen in Kauf nehmen“. 

Das stimmt uns zwar wohlgesonnen, erklärt aber nicht zufriedenstellend, warum Oben-ohne nicht ganz aus der Zeitung verbannt wird, sondern lediglich „keine eigenen Oben-ohne-Produktionen von Frauen“ mehr gezeigt werden sollen. Offenbar waren die immer ein bisschen herabwürdigender als das von Fotoagenturen eingekaufte Material. Aber jetzt ist ja alles gut. Denn nach etwa sechs Monaten #MeToo-Debatte hat sich die Redaktion für ein klares „Nicht mehr ganz so weiter so“ entschieden. Aber was in der offenherzigen Mitteilung so gar nicht erwähnt wird: Jahrzehntelang waren die freizügigen Mädels auf der Seite eins also kein alltäglicher Sexismus, sondern nur ein kleiner Augenschmaus für die Herren – und also in Ordnung? 

Wie auch immer, sollte jetzt noch irgendwer Zweifel an der Aufrichtigkeit dieser Kampagne haben, möchten wir an dieser Stelle nicht unterschlagen, dass die Foto-Redakteure künftig „vorsichtiger, nachdenklicher“ sein wollen „bei der Auswahl dieser Bilder“. Denn: „Der Blick von Frauen auf solche Fotos muss in unserer Zeit genauso wichtig sein wie der Blick von Männern.“ Eine durchaus interessante Perspektive.

Ebenfalls interessant ist, wie die Zeitung ihre Leserinnen und Leser über diesen entschlossenen Schritt in die ach so schöne neue Welt der Gleichberechtigung informiert. „Verehrte Leserinnen und Leser, auch wir haben verstanden, dass ...“ steht da natürlich nicht. Es darf bitte schön auch bei einem solch sensiblen Thema knallen. Und so ruft die „Bild“ augenzwinkernd ins Land hinein: „Männer, ihr müsst jetzt ganz stark sein!“

Fast hätten wir uns Sorgen gemacht, es könnte alles gut werden.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

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