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Serdar Somuncu „Ich knicke nicht vor Nazis ein“

Der deutsch-türkische Kabarettist Serdar Somuncu nimmt für gewöhnlich kein Blatt vor den Mund. Im Interview spricht er über Zensur, das Gefühl von Hunger und die Formen von Faschismus.

Serdar Somuncu hat auch schon eine kugelsichere Weste bei einer seiner Lesungen tragen müssen. Foto: Michael Palm

Er hasst und beleidigt so ziemlich jeden und alles. Ob nun Helene Fischer, die katholische Kirche, Regierungschefs oder Veganer. Da macht er keinen Unterschied. Denn Serdar Somuncus Bühnenmotto lautet: „Jede Minderheit hat ein Recht auf Diskriminierung“.
Jetzt geht der deutsch-türkische Kabarettist zum letzten Mal in seiner Rolle als wiederauferstandener Hassprediger Hassias auf große Tour. „Das Programm hat sich nach fünf Jahren für mich ausgereizt“, sagt der 47-Jährige beim Telefoninterview.
Wenn sich Somuncu auf der Bühne aufregt und schreit, bekommt man schon ein bisschen Angst. „Privat werde ich nicht wütend“, sagt er. Er klingt sehr entspannt. Bekannt geworden ist Somuncu, als er 1996 anfing mit „Mein Kampf“, sechs Jahre lang auf szenische Lesereise zu gehen. Er ist auch Schauspieler, Musiker und Autor. Sein aktuelles Buch „Der Adolf in mir“ ist bereits in der fünften Auflage erschienen. Somuncu geht es nicht darum, Gags abzuarbeiten. Er will die Leute zum Denken anregen. Er versucht es zumindest.

In Ihrem Soloprogramm als Hassprediger Hassias wie auch bei Ihren Rockauftritten mit Ihrer Band „The Politics“ sind Sie so etwas wie der King des Vulgär-Vokabulars. Was sagen Ihre Eltern eigentlich dazu, Herr Somuncu?
Meine Eltern haben damit gar kein Problem. Sie sind selbst so. Zum Teil sind sie sogar viel schlimmer, so dass ich mich für sie schäme. (lacht). Ich erinnere mich beispielsweise an eine Episode, da fragte ein Nachbar, warum denn meine Schwester noch nicht verheiratet sei. Und da antwortete mein Vater: „Ja, vielleicht, weil sie Lust hat noch mit ein paar Typen zu bumsen.“ Es ist super zu wissen, dass man so liberale Eltern hat.

Ihr aktuelles Buch heißt „Der Adolf in mir“: Warum dieser Titel und warum gerade jetzt?
Es ist ein sehr guter Titel und es ist die beste Zeit, zu der ich dieses Buch schreiben konnte. Wir haben gerade sehr unterschiedliche Formen von Faschismus, die auf uns einwirken. Es ist nicht mehr so wie früher, dass Nazis eine Glatze und Springerstiefel tragen. Manchmal tragen sie auch lange Bärte und haben ein Mullahgewand an. Und andere Leute haben vielleicht einen Anzug an und schreien: „Wir sind das Volk“. Im Kern sind sich diese Ideologien sehr ähnlich. Es geht immer darum, dass man sich größer und besser fühlt als jemand anderes. Aber auch, dass man bestimmen will, was andere zu tun und zu denken haben. Man toleriert auch nicht, dass andere Menschen anders sind.

In einem Kapitel erzählen Sie, dass Sie als Gastarbeiterkind in Deutschland aufgewachsen sind. Ihre Eltern mussten beide arbeiten und gaben Sie während der Woche in ein katholisches Kinderheim ab. Mit drei Jahren versuchten Sie nachts zu fliehen. Die Heimleitung beschloss, Sie an Ihr Bett zu fesseln. Und zwar ziemlich brutal: Mit jeweils zwei Schlingen um Arme und Beine und einer um den Hals: Wie hat Sie das geprägt?
Dieser Teil meiner Biografie ist sehr schmerzhaft. Aber es hat mich im Hinblick auf Widerstand leisten sehr geschult. Ich habe dadurch auch einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn entwickelt. Das ist auch in meinen Arbeiten wiederzufinden. Es geht immer um Selbstbestimmung und darum, sich nicht unterwerfen zu wollen.

Sie haben sehr viel gekämpft, um Künstler sein zu dürfen. Nach der zehnten Klasse haben Sie das Gymnasium verlassen, um in Maastricht am Konservatorium für Musik zu studieren. Ihre Eltern haben Sie finanziell nicht unterstützt. Sie landeten dann irgendwann auf der Straße …
Ich war drei Monate lang obdachlos. Ich hatte kein Geld und musste sogar Essen klauen. Das war das unangenehmste Gefühl: Weil man Hunger hat in den Supermarkt zu gehen und sich eine Packung Brot zu klauen. Aber das war selbst gewählt, denn meine Eltern hatten mir alle Möglichkeiten eröffnet, die man haben muss, wenn man den geraden Weg gehen will. Aber ich wollte das nicht. Ich wollte meinen Weg gehen. Dafür habe ich auch Unannehmlichkeiten in Kauf genommen. Das war nicht toll. Aber es war gut, zu erleben wie weit man gehen muss, um seine Ziele umzusetzen. Daraus entsteht manchmal auch eine stabile Haltung und diese habe ich bis zum heutigen Tag behalten.

Sie meldeten sich kurzfristig vom Konservatorium ab, um Geld zu verdienen. Sie tourten mit einem Monolog von Kafka durch die Theater. Später studierten Sie auch Schauspiel. Sie durften anfangs immer nur die „typischen Türken-Rollen“ spielen …
Das waren meist so Kleingangsterrollen. Ich musste mit Akzent sprechen, mir einen Bart ankleben, bunte Anzüge und Goldkettchen tragen. All das, was ich selbst nur aus dem Fernsehen als Klischeebilder eines Türken kannte. Es ist die größte Demütigung, auf die man sich einlassen kann. Dann habe ich radikal alle Türken-Rollen abgelehnt. Das war hart, weil ich zunächst nicht mehr besetzt wurde. Aber dann war es auch irgendwann gut. Ich habe angefangen, gleichberechtigt deutsche Rollen zu spielen.

In Ihrem Buch geht es auch um die Zensur Ihrer Comedyauftritte im Fernsehen. Was hat Sie da besonders geärgert?
Die erschreckende Erkenntnis ist, dass obwohl Deutschland eines der liberalsten Länder ist, in dem Pressefreiheit sehr hochgehalten wird, es sehr viel Zensur gibt. Eine Zensur, die von den Zuschauern nicht gesehen wird. Das, was ich erlebt habe, war zum Teil haarsträubend: Redakteure bei öffentlich-rechtlichen Sendern haben wegen einzelner Begriffe oder Formulierungen so viel Angst, dass sie in einer Art vorauseilendem Gehorsam ganze Passagen streichen. Über 90 Prozent meiner Auftritte sind bis zum heutigen Tag unvollständig und der Zensur zum Opfer gefallen. Das ist eine große Enttäuschung.

Aber es gibt auch Positivbeispiele, nicht?
Mit Oliver Welke in der „heute show“ entwickle ich die Texte zusammen. Bei Stefan Raabs TV Total war es so, dass ich komplett und unangekündigt frei gespielt habe. Das ist eine große Sache, für die ich Stefan Raab sehr dankbar bin. Umso bedauerlicher ist es, dass er nicht mehr da ist. Ich vermisse diese Freiheit, die ich in seiner Sendung hatte.

Fühlen Sie sich nach dem Fall Böhmermann nun noch unfreier als Künstler?
Der eigentliche Skandal war für mich, dass die Bundeskanzlerin nichts Besseres zu tun hatte als das Neo Magazin Royale zu kommentieren und einen Kniefall vor dem türkischen Präsidenten zu machen, weil der sich vom Schmähgedicht angegriffen fühlte. Ich weiß nun, dass im Zweifelsfall der Rückhalt aus der Politik nicht da ist und man auch schnell zum Spielball der Interessen werden kann. Das ist nicht neu. Aber jetzt habe ich es so deutlich wie nie zuvor erlebt, weil in höchster Instanz eine Entscheidung getroffen werden musste und das auf Kosten der Kunstfreiheit. Das ist eine Erkenntnis, die meine Arbeit nicht beeinflusst, aber mein Denken zumindest bestätigt.

Was halten Sie von Angela Merkels nachträglicher Entschuldigung?
Sie war überfällig und trotzdem halbgar. Besser wäre, sie hätte den Fehler gar nicht erst begangen. Der nächste unentschlossene Schritt in einer Reihe von fragwürdigen Konzessionen. So wirkt es wie ein Manöver, um nachträglich ihr Image wieder aufzupolieren.

Jan Böhmermann hat eine TV-Pause bis Mai eingelegt. Sie selbst wurden auch schon bedroht. Bei einem Auftritt vor ein paar Jahren mussten Sie bei Ihrer szenischen Lesereise mit „Mein Kampf“ in Potsdam eine kugelsichere Weste wegen Neonazi-Drohungen tragen. Aktuell bekommen Sie Hassmails von Erdogan-Anhängern, die Ihnen vorwerfen, Böhmermanns Schmähgedicht in Schutz genommen und den türkischen Präsidenten angegriffen zu haben. Haben Sie nie über eine Pause nachgedacht?
Nein, weil ich mir immer im Vorhinein genau überlege, welches Risiko ich eingehe. Und wenn dann die Folgen kommen, finde ich, dass ich die Konsequenzen aushalten muss. Ich will zeigen, dass ich vor nichts und niemandem einknicke. Nicht vor Nazis, die mir meine Auftritte verbieten wollten, noch vor anderen Leuten, die sich angegriffen fühlen.

Wie frustrierend ist es, dass viele Leute nicht zwischen Realität und Satire unterscheiden können?
Das ist eine Erkenntnis, die einen in die Frustration treiben kann. Ich aber versuche, das positiv zu sehen. Das stärkt mich in meinen Aufklärungsauftrag. Jeder Zuschauer, den ich gewinne, ist ein Gewinn für meine Arbeit. Aber da bin ich mir mit meinem guten Freund und Comediankollegen Oliver Polak einig: Es ist leider kaum möglich, all die Arschlöcher auf dieser Welt abzuarbeiten. Sie wachsen einfach immer nach.

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