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Selcuk Cara „Er ist Türke, aber trotzdem intelligent“

Selcuk Cara ist Opernsänger und singt auf internationalen Bühnen. Trotzdem muss er immer wieder beweisen, dass Hochkultur und Türke-Sein zusammen funktionieren.

Selcuk Cara findet, dass er so etwas wie der türkisch-friesische Forrest Gump ist. „Der große Unterschied ist, dass Forrest Gump immer nur in irgendwelche absurde Situationen hineingestolpert ist. Bei mir passierte vieles auch so, aber sehr oft war es auch Trotz. Viele Dinge habe ich nur gemacht, weil die Leute sagten: ‚Du kannst das nicht.‘ “Wie als ihm sein Musiklehrer sagt, dass er als Türke „den Sinn dieser Kunst – der abendländischen, Mozart’schen Kunst – gar nicht begreifen könne“. Selcuk Cara, der damals noch nie in einer Oper war, noch sonst irgendwie mit klassischer Musik zu tun hatte, ruft in die Klasse rein: „Ich werde Musik studieren! Ich werde Opernsänger!“ Und das macht er auch.

Cara, der 1969 in Langen, wenige Kilometer von Frankfurt entfernt, geboren und aufgewachsen ist, wird der erste türkischstämmige Opernsänger auf internationalen Bühnen im sogenannten deutschen Fach. Im Wagner-Jahr 2013 singt er den Hagen in Richard Wagners Götterdämmerung mit der NDR-Radiophilharmonie. Außerdem hat er Theaterstücke geschrieben und für seinen ersten Kurzfilm, das Holocaustdrama „Mein letztes Konzert“, zahlreiche Preise gewonnen. Nun hat er seine Autobiografie „Türke, aber trotzdem intelligent“ geschrieben. Das Buch ist auf der Spiegel-Bestseller-Liste gelandet.

Cara lebt seit vier Jahren mit seiner Frau, ihrer gemeinsamen Tochter und dem Familien-Hund an der Nordsee. Beim Interview-Anruf um elf Uhr morgens hat er schon einiges erledigt. Künstleruntypisch ist er seit fünf Uhr morgens aktiv. Er habe an seiner Doktorarbeit über Wagners „Ring des Nibelungen“ gesessen. „Dann habe ich im Katechismus gelesen, nicht, weil ich etwas lernen will, sondern zur Unterhaltung. Da sind schon einige lustige Stellen drin.“ Nach diesem Satz muss er selbst lachen.

Außerdem war er auf Facebook. „Da bin ich erst seit zwei Wochen. Es ist sehr eigenartig, wer sich da alles meldet und mein Freund sein möchte.“ Auch Klassenkameraden von früher, als er noch in Langen lebte, melden sich plötzlich, weil sie sein Buch gelesen haben. „Das hört sich vielleicht ein wenig arrogant an, aber ich habe das Gefühl um mich herum sind alle gealtert. Nur ich nicht.“ Der 46-Jährige lacht. Er sieht tatsächlich jünger aus. Seine Haare sind noch schwarz. „Ich färbe sie nicht, auch wenn schon genug weiße Haare dabei sind.“

Bei seiner zwanzigjährigen Abiturfeier fragte er damals: „Wie habt ihr mich denn so wahrgenommen?“ Seine Mitschüler sagten: „Wir haben alle gespürt, dass du etwas Besonderes bist und dich deshalb zurückgezogen hast.“ Cara sieht das komplett anders: „Ich bin immer ausgegrenzt worden, nur wenn ich Leistung gebracht habe, durfte ich dazu gehören.“ Bis heute habe er keine Freunde. Er habe Bekannte, mit denen er Projekte mache.

Nach einem schweren Bühnenunfall vor sechs Jahren waren „alle sogenannten Opernfreunde weg“. Seine Gesangspartnerin sei ihm bei einer Probe auf die Wirbelsäule gesprungen, er fast im Rollstuhl gelandet. Er muss eine Auszeit von der Bühne nehmen, die er zu einem externen Filmstudium nutzt.

Sein Lebenslauf hat etwas von einem Wunderkind: Als Jugendlicher ist er Hessenmeister im Breakdance, nimmt an den Deutschen Meisterschaften im Basketball teil und wird Vize-Europameister im Jazzdance. Mit 16 entdeckt er als Gastschüler in England das Klavierspielen für sich und nimmt Unterricht in Frankfurt. Der Kommentar seiner Lehrerin erklärt seinen Buchtitel.

„Ich saß an einem schwarzen Flügel in einer mit antiken Möbeln überfrachteten Altbauwohnung und spielte die Aria der Goldbergvariationen von Johann Sebastian Bach. Meine über achtzigjährige Klavierlehrerin, eine ehemalige Professorin an der Musikhochschule, die sich Franz-Liszt-Enkelschülerin nennen durfte, hatte zu einem Hauskonzert ihrer Schüler geladen. Zahlreiche Eltern und ehemalige Professoren-Kollegen waren anwesend. Ihren neuen Zögling stellte sie mit folgenden Worten vor: ‚Das ist Selcuk, Selcuk Cara. Er ist Türke, aber trotzdem intelligent.‘“ Er ist geschockt. „Wieso reagiert keiner der Gäste?“, habe er sich gefragt. „Erst Jahre später erfuhr ich, dass meine Lehrerin auf der Liste der gesperrten Künstler stand, weil sie für die Nazis gespielt hatte.“ Immer wieder begegnet er Nazis und Neo-Nazis in seinem Leben.

In Langen fühlte er sich nie wohl. „Meine Nachbarsjungen waren Kinder von Neonazi-Größen“, erzählt er. „Ich musste nur eine Etage hoch gehen, da saßen sie dort alle.“ Der Vater eines Nachbarsjungens war ein Freund von der mittlerweile verstorbenen Neonazi-Größe Michael Kühnen. Dieser wollte Ende der 1980er-Jahre einen Adolf-Hitler-Platz in Langen errichten. Außerdem marschierten jedes Jahr an Hitlers Geburtstag Neonazis durch die Stadt. „Da dachte ich schon: Was denkt sich der Herrgott dabei? Zufälle, die absurd sind.“

Jetzt sei die Stadt ganz anders. „Aber damals hat sich Langen nicht angefühlt wie eine 80er-Jahre-New-Wave-Generation. Sondern nach einer kalten, deutschen, deutschen Welt“, sagt er. „Bis vor kurzem galt ich als Irrer, Selcuk, du siehst überall nur Nazis. Niemals würde das in Deutschland wieder passieren. Jetzt, nachdem die AfD so viele Stimmen hat, sehen die Leute das, was ich die ganze Zeit gesehen habe. Ich fühle mich nicht mehr mit meiner Behauptung einsam.“

Als Selcuk Cara elf Jahre alt ist, verlässt der Vater, ein Gastarbeiter, der mit der Mutter eine Textilfabrik aufgebaut hatte, die Familie. Seine Mutter zieht ihn alleine groß, er darf bis spät abends fernsehen. Einmal denkt er, dass ein Charlie-Chaplin-Film läuft. Es ist aber ein Schwarz-Weiß-Film über den Holocaust. Er kann die Bilder schwer ertragen. Er fragt seinen Nachbarn am nächsten Tag: „Was hat das mit Krieg zu tun, wenn man aus der Haut von Menschen Tischlampen macht?“ Der Nachbar antwortet dem neunjährigen Selcuk: „Was soll man sonst damit machen? Wegschmeißen? Das ist Wiederverwertung von Rohstoffen.“ Bis heute kann Selcuk Cara das Wort „Wiederverwertung“ nicht ertragen.

An Frankfurt hat er bessere Erinnerung. „Frankfurt war für mich mein Seelenheil. Mit Frankfurt verbinde ich meine Ausbildung und Weltoffenheit. Das Zentrum von Frankfurt war für mich die Musikhochschule und die Cafés in der Nähe.“ Seine Frau, eine Konzertpianistin, lernte Cara, der Operngesang studierte, in der Bibliothek der Hochschule kennen. Er studierte auch von 1989 bis 1992 bei Jürgen Habermas Philosophie und saß dabei neben Thea Dorn in den Proseminaren.

Immer wieder muss Cara beweisen, dass Hochkultur und Türke-Sein zusammen funktionieren. Als er damals für seinen Kurzfilm „Mein letztes Konzert“ Filmförderung beantragen wollte, wurde ihm geraten, sich doch lieber an einer Türkenkomödie zu versuchen. „Ich habe nichts gegen Türkenkomödien. Aber ich wollte einen Film über die Shoah machen, aber die Dame von der Filmförderung sagte: ‚Ich glaube Ihnen Ihre Motivation nicht, dass Sie einen Film über die Shoah machen wollen.‘ “

Cara mag es gar nicht, wenn er als Vorzeige-Türke herhalten soll. „Ich wäre dann ein Vorwurf für all die Türken, die hier geboren sind und die eben nicht das erreicht haben, was ich erreicht habe. Den Weg, den ich gegangen bin, kann man nicht erwarten. Das ist der Punkt, an dem ich unsympathisch werde: Ich kenne auch keinen Deutschen, der das erreicht hat, was ich erreicht habe.“ Bescheidenheit ist nicht sein Ding. Nie gewesen. Eigentlich wollte Selcuk Cara Bundeskanzler werden. Wie Helmut Schmidt. Das beschloss er, als er fünf Jahre alt war.

Im Buch schreibt er: „Der Nachrichtensprecher hatte gesagt, dass Helmut Schmidt mit 267 Stimmen Bundeskanzler von Deutschland geworden war und ich fragte mich, wann er diese Stimmen endlich darbieten würde. Ich wartete geduldig, wurde aber leider von ihm enttäuscht. Niemals bekam ich eine Kostprobe seiner vielen Stimmen zu hören.“ Cara beginnt dann, möglichst viele verschiedene Stimmen und Geräusche zu imitieren. „Was ich mit meiner Stimme machen kann, ist so absurd.“ Er fängt am Telefon an, ein paar Zeilen zu singen: Aus einer Oper, ein bisschen Pop: „Ain’t no sunshine when she’s gone“. Dann macht er Vogelgeräusche nach. „Amseln kriegen die Krise, wenn ich zum Amsel-Duell antrete.“ Er lacht.

Hat Cara noch Träume? Irgendwann hat Forrest Gump diesen Krabben-Kutter, erzählt er. „Ich wohne mittlerweile direkt am Meer und ich habe auch versucht, Anteile eines Krabben-Kutters zu bekommen. Aber dazu müsste ich eine fünfjährige Ausbildung machen. Diesen Plan habe ich erstmal verschoben.“

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