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Selbstversuch als Putzfrau Die Drecksarbeiterin

Die Journalistin Florence Aubenas hat viel gesehen: Algerien, Ruanda, Irak. Jetzt wollte sie es noch noch einmal wissen und arbeitete undercover als Putzfrau.

Florence Aubenas machte einen Selbstversuch als Putzfrau. Foto: Getty Images

Sie kennt ihre Stärken. Geradlinigkeit gehört dazu, ein klarer Blick aus leuchtend blauen Augen, ein offenes Lachen. Hinzu kommen ihr scharfer Verstand, ihr bisweilen beißender Humor, ihre Fähigkeit zur Selbstironie und ihre schier unerschöpfliche Willenskraft. Das sind die Waffen dieser Frau. Mit dieser Ausrüstung hat die Reporterin Florence Aubenas Algerien erkundet. In den neunziger Jahren war das, während des Krieges zwischen Islamisten und Armee. So hat sich die Tochter eines EU-Diplomaten und einer Filmhistorikerin auch in Ruanda behauptet, wo sie nach dem Völkermord an den Tutsi gesellschaftliche Narben beschrieb. Dann wurde sie Anfang 2005 im Irak entführt. 157 Tage musste sie in einem Kellerloch ausharren. Eine gute Schule, sagt sie heute sarkastisch, für Ihren jüngsten Coup:

Aubenas schuftete als Putzfrau in ihrem Heimatland. „Ohne die Erfahrung der Geiselhaft“, sagt die Reporterin des Magazins Nouvel Observateur, „hätte ich mich das nicht getraut.“ Am heutigen Montag erscheint ihr Bericht „Putze. Mein Leben im Dreck“ in deutscher Übersetzung.

Wie Günter Wallraff, der einst zur Erkundung des Gastarbeitermilieus in die Haut des Türken Ali schlüpfte, legte sich Aubenas zu Recherchezwecken ein alter Ego zu. Sie färbte die kastanienbraunen Haare blond und beschloss, die ungeliebte Brille fortan immer auf der Nase zu lassen. Unter ihrem richtigen Namen zwar, aber als eine angeblich Jahrzehnte lang vom Lebensgefährten ausgehaltene, von ihm dann verlassene Frau meldete sie sich in Caen arbeitslos: 48 Jahre alt, ihr Schulabschluss die einzige Qualifikation.

Wenn sie sich für nichts zu schade wäre, würde die Jobsuche nicht lange dauern, hatte sie gehofft. Doch die echten Arbeitslosen und Unterbeschäftigten, die inzwischen 20 Prozent der Franzosen ausmachen, boten natürlich mit und waren ebenfalls zu allem bereit: zu Sonntags- und Nachtarbeit, zu stundenlangen Anfahrten für ein, zwei Stunden schlecht bezahlter Plackerei.

Aubenas steigt in einer möblierten Kammer ab. Sechs Wochen lang verbringt sie auf den Fluren von Arbeitsämtern, Interimsagenturen, Fortbildungszentren und Personalabteilungen, dann fasst sie den Entschluss: In ihrer gewählten Rolle wird sie allenfalls als Putzfrau überleben. Auf einer Fähre auf der französischen Seite des Ärmelkanals schrubbt sie nachts Kabinen, putzt Toiletten, Böden, Decken, Duschen, wechselt Handtücher und Seifen. Einem Dreierteam gehört sie an, das jede Kabine in maximal drei Minuten geschrubbt haben muss: „ein höllisches Ballett“ nennt Aubenas das, was dieses Trio aufführen muss, zusammengedrängt auf engstem Raum, zu später Stunde.

Aubenas fühlt sich als ein Nichts

Frühmorgens steigt Aubenas in den „Traktor“, einen ausgeliehenen Fiat Baujahr 1992, tuckert zu einem Campingplatz, scheuert Bungalowböden. Später heißt es für sie: Reinemachen in Büros. Auch das erlebt sie als Knochenarbeit: „Nach einer Viertelstunde sind meine Knie doppelt so dick, werden meine Arme von Ameisen verschlungen“, schreibt die Undercover-Putzfrau.

Hinzu kommt die Verachtung, die ihr entgegenschlägt. Mit 48 Jahren und ohne Ausbildung sei sie „der Bodensatz des Kochtopfs“, so erklärt ihr der Angestellte einer Interimsagentur einmal. Der so reißerisch klingende Titel der deutschen Ausgabe, „Mein Leben im Dreck“, wird dem Erlebten durchaus gerecht.

Als Putzfrau fühlt sich Aubenas als ein Nichts. Sie ist unsichtbar. Endgültig klar wird ihr das, als sie eines Abends beim Säubern eines Büros auf eine am Schreibtisch ausharrende Angestellte trifft. Ein Mann tritt hinzu, stürzt sich auf die Kollegin. „Endlich sind wir allein!“ sagt der, während die Reporterin im Putzgewand ein paar Meter weiter den Teppich saugt. „Sie haben mich nicht gehört, nicht gesehen, ich war für sie die Verlängerung des Staubsaugers.“

Mittlerweile hat sie das Unterschichten-Kostüm wieder abgelegt und ist ins Journalistenleben zurückgekehrt, als Reporterin an einer ziemlich langen Leine. Ihr Erfahrungsbericht hat es in Frankreich zum Bestseller gebracht. Mehr als 200.000 Exemplare sind verkauft, das Echo ist rundum positiv. „Une grande justesse“ bescheinigt die Zeitung Le Monde dem Erfahrungsbericht, was ein großes Lob ist, steht „grande justesse“ doch gleichermaßen für große Genauigkeit, große Treffsicherheit, große Klarheit. Die Libération wiederum rühmt die Menschenbilder, die Aubenas aus Caen mitgebracht hat, attestiert ihnen „Transparenz“ und „bewegende Dichte“.

Konkrete Folgen für jene, die dem Leben mit Schrubber und Staubsauger nicht so leicht entkommen können, sind indes nicht zu erwarten. Dass sich interessierte Politiker oder Vertreter von NGOs bei der Autorin gemeldet oder das Thema aufgegriffen haben, ist nicht bekannt.

So bleibt der Reporterin die Genugtuung, dass sie Menschen Gehör verschafft hat, die sonst keines finden. „Wenn der Schwache überleben will, muss er verstehen, wie der Mächtige denkt, während sich der Mächtige nicht darum schert, was dem Schwächeren durch den Kopf geht.“

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