Lade Inhalte...

Scientology Tod einer Scientologin

Biggi Reichert aus Bayern war ein prominentes Mitglied der Psycho-Sekte. Vor sechs Jahren brachte sie sich um. Bis heute ist ungeklärt, was mit ihr passiert ist.

15.08.2012 17:10
Frank Nordhausen und Markus Thöss
Der Hamburger Scientology-Sitz. Foto: picture-alliance/ dpa

Am Dienstag den 5. März 2006 wird die Hamburger Polizei um 19.45 Uhr zu einer Tiefgarage im Bezirk Winterhude gerufen, weil dort ein blauer VW-Corrado mit laufendem Motor steht. Am Steuer finden die Beamten eine leblose Frau. Es handelt sich um die 40-jährige Tierärztin Walburga Reichert. Alles deutet auf einen Selbstmord hin, die Polizisten finden auch einen Abschiedsbrief. Doch es gibt Auffälligkeiten: Rezepte für Medikamente, Spritzen, blutbefleckte Papiertücher. Ein Flugticket nach Florida. Und vor allem zahlreiche Dokumente, die darauf hindeuten, dass Walburga Reichert zu der umstrittenen Scientology-Sekte gehört.

Die Gerichtsmediziner erkennen als Todesursache „eine Mischung aus Schlaftabletten und Kohlenmonoxid“. Doch dann entdecken sie seltsame Wunden am Kopf der Toten unter dem Haar. Sie zählen „28 tiefgehende, vorwiegend runde Verbrennungen“, die ihr sieben bis 14 Tage vor dem Tod zugefügt wurden, als sie gerade in Amerika war. Die Pathologen stehen vor einem Rätsel. „Es handelt sich um thermische oder elektrothermische Einwirkungen mit einem runden Gegenstand“, steht in einem Bericht, den der Verfassungsschutz zwei Wochen später erstellt. Es spreche alles für Strom – zugefügt mit „Methoden, die auch als Folter betrachtet werden können“.

Die Hamburger Kripo geht von gefährlicher Körperverletzung aus. Walburga Reichert, die alle nur „Biggi“ nannten, war vom 23. Februar bis kurz vor ihrem Tod eine Woche in der Stadt Clearwater in Florida gewesen, wo Scientology ihr „geistliches Zentrum“ namens „Flag“ unterhält. Aus ihrem Abschiedsbrief geht hervor, dass sie dort war, um „Probleme zu klären“. Inzwischen ist die Polizei auch im Besitz ihres Laptops, doch alle Daten sind gelöscht. Jetzt rätseln die Beamten: Was ist in Florida passiert?

„Beliebt, fröhlich, überzeugt von ihrem Beruf“

„Sie haben mir die Unterlagen vorgelegt und gefragt, ob bei Scientology gefoltert wird“, erinnert sich die Hamburger Sektenbeauftragte Ursula Caberta. „Ich habe gesagt: Ihr müsst direkt bei den Scientologen nachforschen. Doch niemand hat in Florida und bei Scientology ermittelt.“ Caberta indessen ging der Fall nie aus dem Kopf. Sie hat uns davon erzählt und damit eine jahrelange Recherche angestoßen. Stück für Stück ergab sich die Geschichte einer systematischen, scheinbar unaufhaltsamen moralischen und physischen Zerstörung eines Menschen.

Diese Geschichte der Biggi Reichert beginnt in einer bayerischen Kleinstadt in der Nähe von Augsburg. Scientology und Biggis Ehemann Hans-Jürgen trügen gemeinsam die Schuld am Tod ihrer Tochter, behauptet ihre 84-jährige Mutter Dora N. bei einem Treffen in ihrem Schrebergarten. Ihren eigenen und den Namen der Gemeinde möchten die Verwandten nicht genannt haben. In der katholischen Gegend ist Biggis tragisches Schicksal bis heute unbekannt.

„Ich bin oft am Grab gestanden und sage: Wie kann so was sein?“, sagt die weißhaarige, rüstige Mutter mit kräftiger Stimme. „Und ich wünsch’ es niemand, dass ein Kind so sterben muss.“ Dann sagt die bayerische Bauersfrau, sie müsse oft an einen Spruch denken, den der Scientology-Gründer L. Ron Hubbard einst geschrieben hat. „Wir haben dich lieber tot als unfähig.“

Biggi war außerordentlich fähig. „Sie war überall beliebt, fröhlich und total überzeugt von ihrem Beruf. Die Biggi hat immer gewusst, was sie will“, sagt Herbert M., ihr 56-jähriger Schwager. Mit Scientology kommt sie 1989 in Berührung, als sie in München Tiermedizin studiert. „Ich habe etwas gefunden, das mich weiter bringt“, erklärt sie bei ihren seltenen Besuchen zu Hause. „Man hat mehr Erfolg im Beruf. Man wird nie krank.“ Es ist die Zeit, als Scientologys menschenverachtende Methoden gerade in der Öffentlichkeit bekannt werden, doch Biggi schwärmt vom Auditing, einem hypnoseähnlichen Verfahren, das Kritiker als Kern der scientologischen Gehirnwäsche bezeichnen. „Wenn das Thema auf Scientology kam, ist es immer im Streit geendet“, sagt ihre ältere Schwester Cornelia. „Wir haben dann lieber nicht mehr darüber gesprochen.“

Biggi kauft sich in eine florierende Tierarztpraxis ein und spezialisiert sich auf Pferde. Die Eltern schenken ihr eine Wohnung. Doch mit der Zeit nimmt Scientology mehr und mehr Raum ein in ihrem Leben. Stolz verkündet sie in einem Brief, sie sei die einzige scientologische Tierärztin in Deutschland. Sie träumt davon, ein operierender Thetan der Stufe acht, Herrscherin über Raum, Zeit, Materie und Energie zu werden. 1996, mit dreißig Jahren, reist sie das erste Mal nach Flag in Florida. Im Mekka der Scientologen kostet eine Stunde Auditing bis zu 1000 Dollar. Das übersteigt ihre Möglichkeiten, immer wieder bittet sie die Eltern um Geld. Ihre Mutter sagt: „Ich hab immer zu ihr gesagt, das ist eine geldgierige Sekte, und das war ja das Schlimmste für sie.“

Damals bekommt Biggi auch selbst zum ersten Mal Zweifel – so erinnert sich der Amerikaner Michael Laws, ihr scientologischer „Fallüberwacher“ in Florida. 1996 bittet ihn Biggi plötzlich um Hilfe. Die Scientologin Rosie F. aus München habe sich in den Besitz ihrer Kreditkartennummer gebracht, und habe ohne ihr Wissen für rund 15?000 Dollar Kurse auf dem Scientology-Kreuzfahrer „Freewinds“ gekauft und das Konto heillos überzogen. Biggi ist hilflos, denn Scientologen dürfen sich untereinander nicht vor Gerichten verklagen. „Rosie hatte einflussreiche Freunde“, sagt der ehemalige Scientologe Michael Laws.

„Praxis futsch, Erbe futsch“

Vergeblich setzt er sich für Biggi ein. Sie schreibt auch an den zuständigen „Inspections Officer“ in Florida: „All das geschah ohne mein Wissen und ohne meine Einwilligung, und ich bin sehr wütend darüber!!!“ Vergeblich. Trotzdem verschwinden ihre Zweifel wieder. „Wenn man bei Scientology ist, glaubt man mit absoluter Sicherheit, dass es das einzige ist, das die Welt verbessern kann“, sagt Laws. „Deshalb hat sie alles Geld, was sie hatte, immer der Church gegeben.“

Ein Jahr später stellt Biggi ihren Eltern plötzlich einen Ehemann vor: „Er ist die Liebe meines Lebens.“ Hans-Jürgen Reichert, 17 Jahre älter, Vater von vier Kindern, Immobilienmakler aus Hamburg und schon operierender Thetan, den sie in Clearwater geheiratet hat. „Der war völlig anders als die Leute bei uns“, sagt Biggis Schwager Herbert M. „Immer Anzug, Krawatte, Weste, was kostet die Welt?“ Er hat auch eine Yacht, ein Haus in Florida, einen Mercedes. Ihm zuliebe zieht Biggi nach Hamburg, verkauft ihren Anteil an der Tierarztpraxis und die Eigentumswohnung. „Praxis futsch, Erbe futsch, alles Geld bei Scientology“, fasst der Schwager zusammen. „Wenn man zusammenrechnet, was sie an die Scientologen verschossen hat, kommt man wohl auf 1,5 Millionen Euro.“

Biggis Energie gilt der Sekte. Im September 2000 eröffnet sie ihre eigene Scientology-Mission in Augsburg, um die Stadt zu „klären“. Es geht schief. Kaum jemand interessiert sich dafür. Mietrückstände laufen auf. Bis Ende 2003 pendelt Biggi Reichert rastlos zwischen Bayern und Hamburg hin und her. Um ihre weitere Karriere auf der scientologischen „Brücke zur totalen geistigen Freiheit“ zu finanzieren, ist sie gezwungen, anderweitig Geld zu verdienen. In Hamburg fängt sie als Assistentin in einer Tierklinik an. Schon seit Jahren arbeitet sie nebenher in der Immobilienfirma ihres Mannes.

Als die Scientologen wollen, dass sie mehr für die neue Sektenzentrale in der Hamburger City tut, unterzeichnet sie im Frühjahr 2005 einen Arbeitsvertrag für zweieinhalb Jahre mit lächerlich geringem Entgelt. Sie ist verantwortlich für die Missionierung von Neumitgliedern.

Es ist der Zeitpunkt, als sie den Gipfel ihrer scientologischen Karriere erreicht. Im April 2005 absolviert sie den Kurs zum Operierenden Thetan der Stufe acht. Begeistert mailt sie einer anderen Scientologin: „Ja, ich bin seit dem 10. April OT VIII! Ein echter Hammer.“ Doch inzwischen ist Hans-Jürgen, der sein Geld mit der Umwandlung von Altbauwohnungen verdient hat, pleite. Biggi gesteht in einem ihrer Reports nach Florida, dass er auf einem Schuldenberg sitze.

„Er verdient im Moment überhaupt kein Geld. Wenn er es nicht hinkriegt, werden sich die Leute wegen des Geldes an mich halten“, schreibt sie nach Florida. Diese E-Mail und Hunderte andere stammen von Biggi Reicherts Computer, den die Polizei der Familie zurückgegeben hatte. Zwei pfiffigen Neffen ist es gelungen, die Dateien wieder sichtbar zu machen. Bis zum Herbst 2005, so zeigt es sich, ist ihre Tante eine 150-prozentige Scientologin. Dann plötzlich drängt die Realität in die Sektenwelt, in der sie lebt.

Der Scientology-Direktorin in Hamburg schildert sie ihren brutalen 80-Stunden-Alltag zwischen Scientology-Org, Tierklinik und Immobilienbüro: „Liebe Pia, ich stehe morgens um sieben Uhr auf, rase dann nach Bergedorf, dann nach Hause, kurz duschen, was essen, dann Büroarbeit und dann in die Org. Am Donnerstag war es auch wieder 0.00 Uhr als ich zu Hause war. Weil ich morgens früh aufstehe, ist das mördermäßig. Am Freitagabend war ich da, obwohl ich frei gehabt hätte. Am Samstag fuhr ich von der Arbeit nur noch schnell was Essen und düste dann gleich in die Org. Am Sonntag war ich da, obwohl das eigentlich mein freier Tag ist.“ Der Hamburger Tierklinikchef Hans-Dieter Gerber erinnert sich: „Sie hatte Augenringe. Zum Schluss wurde sie immer dünner.“

Ihr Tod spricht sich in der Sekte herum

Wenn sie ihre Eltern in Bayern besuchen darf, schläft sie vor Erschöpfung den halben Tag lang. Ihre Mutter erinnert sich, dass sie am Tag vor Heiligabend 2005 kam und am ersten Weihnachtsfeiertag schon wieder nach Hamburg musste. Aber ihren Schwager Herbert M. zieht Biggi kurz beiseite: „Du, wir müssen reden. Ich will zurück nach Bayern.“ Zu dem Gespräch kommt es nicht mehr.

Im neuen Jahr informiert Biggi die Scientology-Verantwortlichen immer wieder über ihre desolate Lage. Am 24. Januar 2006 schreibt sie ihren „Fallüberwachern“ nach Amerika, dass sie sich dem Punkt nähere, wo sie kein Geld mehr abheben könne. Inzwischen seien ihre Mutter und ihr Schwager „Antagonisten“ – Feinde von Scientology – und würden ihr keinen Cent mehr geben. Sie bittet um drei Monate Urlaub. Der wird nicht gewährt. „Ich schlug vor, die Zahl der Wochenstunden auf 30 zu verkürzen – und erntete entsetzte Blicke“, hält sie fest. Der Druck lässt nie nach. „Hans Jürgen unterstützt mich nicht mehr“, klagt Biggi. „Ich komme aus der Sache nicht mehr raus.“

Im Februar 2006 beschließt Biggi Reichert, sich Hilfe in Flag zu holen, wo es laut Scientologen-Werbung „Lösungen für alle Probleme des Lebens“ gibt. Am 23. Februar fliegt sie nach Florida. Doch irgendetwas geht schief. Schon am 1.?März, früher als geplant, kehrt sie zurück und wird nach Aussage eines ehemaligen hochrangigen Sektenmitglieds von zwei jungen deutschen Scientologen bis nach Europa eskortiert. Die vier letzten Tage ihres Lebens verbringt Biggi Reichert im Wesentlichen bei ihrer scientologischen Freundin Gloria S. auf einem Pferdehof bei Hamburg. Hat sie ihr nichts erzählt von den furchtbaren Wunden am Kopf? Den Schmerzen? Warum will Gloria S. dazu nichts sagen?

Da Biggi Reichert eine prominente Scientologin ist, spricht sich ihr Tod in der Sekte herum. Von Suizid ist nie die Rede. „Wenn ein hochrangiger Scientologe Selbstmord begeht, dann wird Scientology alles tun, um das zu vertuschen“, sagt Biggis amerikanischer Freund Michael Laws. Werde jemand in Flag psychotisch oder äußere Selbstmordgedanken, werde er sofort ausgeflogen.

Es gibt auch Scientologen, die behaupten, dass Scientology Mitgliedern, die als „Psychos“ galten, den Befehl erteilt habe, Suizid zu verüben. Ist Biggi Reichert mit Gehirnwäschemethoden in den Tod getrieben worden? Weil sie nicht mehr „fähig“ war? Was hat man in Flag mit ihr gemacht?

Scientology dementiert jegliche Vorwürfe. Der Scientology-Sprecher Frank Busch aus Hamburg erklärt schriftlich, man habe mit dem Tod von Biggi Reichert nichts zu tun: „Über Probleme mit Schulden bezüglich der Verstorbenen ist uns nichts bekannt.“ Auch habe sie stets nur im Rahmen ihrer Möglichkeiten in der Org gearbeitet. „Eine vertragliche Verpflichtung gab es nicht.“

Versagen der Ermittlungsbehörden

Die Hamburger Kripo ermittelt zwei Jahre lang. Die Beamten beantragen Durchsuchungsbeschlüsse für ihren Arbeitsplatz, die Wohnung, den Reiterhof. Doch die Staatsanwaltschaft lehnt diese stets ab. Warum? Wieso wurden die amerikanische Polizei und das FBI wegen der Kopfwunden nicht um Amtshilfe gebeten? Warum wurde Biggi Reicherts Computer nicht ordentlich durchleuchtet?

„Man könnte die Theorie aufstellen, dass Frau Reichert durch die Scientologen mental in ihren Selbstmord hineingetrieben worden ist“, antwortet der Hamburger Oberstaatsanwalt Wilhelm-Antonius Möllers. „Aber Selbstmord ist nach deutschem Recht nicht strafbar. Beihilfe und Anstiftung ebenso wenig.“ Und die Kopfverletzungen seien schließlich auch als Hautkrankheit interpretierbar gewesen. Der Leipziger Gerichtsmediziner Carsten Hädrich ist anderer Meinung. Im Obduktionsbericht würden eindeutig „Merkmale von Strommarken“ beschrieben, sagt er. „Also Hautveränderungen, die durch Einwirkung von Hitze von elektrischem Strom entstehen.“

„Ein völliges Versagen der Ermittlungsbehörden“, konstatiert die Hamburger Scientology-Expertin Ursula Caberta. „Hier wird offenbar gefoltert – und man zuckt mit den Achseln?“

Was mit Biggi Reichert geschah, könnten jene Scientologen enthüllen, die sie in den letzten Tagen ihres Lebens begleiteten. Aber sie reden nicht. Biggis Mutter und der Schwager haben inzwischen die Ermittlungsakte der Polizei erhalten. Darin liegt auch der handschriftliche Abschiedsbrief an die Mutter. „Leider gibt es für mich keinen anderen Ausweg mehr. Sage ihnen allen, dass ich sie sehr liebe und dass sie nichts falsch gemacht haben. Mit lieben Grüßen Biggi.“

Zur Startseite

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum