Lade Inhalte...

Scientology-Enthüllung Ein Aussteiger greift an

Der US-amerikanische Regisseur Paul Haggis hat Scientology verlassen – und berichtet nun als erster Hollywood-Star über das Innenleben der Psycho-Sekte.

Scientology-Aussteiger Paul Haggis. Foto: dapd

Der US-amerikanische Regisseur Paul Haggis hat Scientology verlassen – und berichtet nun als erster Hollywood-Star über das Innenleben der Psycho-Sekte.

Mir gefiel das Versprechen, dass Scientology die Fähigen fähiger macht.“ So begründet der Hollywood-Regisseur Paul Haggis, warum er der berüchtigten Psycho-Sekte fast 35 Jahre lang treu blieb. Es schmeichelte ihm, zur Elite des Planeten zu gehören, sagt Haggis , „zu den Besten der Besten“.

So nämlich hätschelt Scientology jene Celebritys, die ihr als Werbeträger dienen. Zu ihnen gehören auch Tom Cruise, Katie Holmes, John Travolta und Chick Corea; allesamt Stars, der Werdegang suggeriert: „Wer auch so erfolgreich sein will, der muss zu Scientology kommen – und zwar sofort.“

Deshalb dürfte es ein PR-Desaster für Scientology gewesen sein, als Paul Haggis als erster Aussteiger der Top-Prominenten-Garde die Sekte vor anderthalb Jahren verließ. Jetzt ist der zweite Schlag erfolgt. Denn jüngst enthüllte Haggis der US-amerikanischen Öffentlichkeit den Zynismus, die Gewalt und die Gehirnwäschemethoden der Organisation – in der aktuellen Ausgabe des Magazins New Yorker. Er ist die Hauptperson einer 26-Seiten-Recherche des angesehenen US-Journalisten und Buchautors Lawrence Wright.

Der 57-jährige Haggis ist ein sehr erfolgreicher Hollywood-Regisseur und Drehbuchautor. Er hat Oscars gewonnen für „Million Dollar Baby“ (2004) und „L.A.Crash“ (2006), hat Bücher für TV-Serien und James-Bond-Filme geschrieben. Wohl auch deswegen hat die ausführliche Darstellung seines Bruchs mit Scientology in den USA so großes Aufsehen erregt. Die Zeitschrift New Yorker hat sich zudem extrem gut abgesichert, hat mit äußerster Akribie recherchiert und für jede Behauptung eine Stellungnahme von Scientology eingeholt – die fast immer lautet: „Scientology bestreitet diese Darstellung.“

Die Zeit der Samthandschuhe ist vorbei

Damit wurde der klagefreudigen Sekte von vornherein der juristische Wind aus den Segeln genommen. Was das Magazin gegebenenfalls zu befürchten hatte, machte der Scientology-Sprecher Tommy Davies klar, als er zum Interview gleich vier Anwälte mitbrachte. Und jeder Chefredakteur in den USA weiß, dass Scientology die New York Times 1991 für ihre Enthüllungsgeschichte „Kult der Gier“ auf 416 Millionen Dollar Schadenersatz verklagte. Die Zeitung gewann den Prozess zwar nach Jahren. Aber die Gefahr existenzgefährdender Verfahren schwebt seither über jedem, der Ähnliches wagt. Bis vor kurzem war Scientology in den USA ein Thema, das die Medien nur mit Samthandschuhen anfassten.

Das hat sich geändert. Der New-Yorker-Artikel steht in einer Reihe neuerer Veröffentlichungen, die Scientology in einer in den USA bisher ungekannten Weise vorführen. Viele Top-Scientologen haben den Sektenkonzern in den vergangenen zwei Jahren verlassen und Bücher über ihre teils schockierenden Erlebnisse geschrieben. Mutige Zeitungen wie die St. Petersburg Times aus Florida, wo Scientologys „spirituelles Zentrum“ ist, haben gewagt, sie zu interviewen. Paul Haggis gehörte nicht zu diesen Spitzenkadern, die viel internes Wissen haben, sondern zum Kreis ihrer umhegten Hollywood-Stars, die von der dunklen Seite der Organisation nur durch Zufall erfahren oder wenn sie, wie der gebürtige Kanadier, beginnen, Fragen zu stellen.

Paul Haggis geriet in einen inneren Konflikt, als Scientology 2008 das Referendum gegen die damals legale Homo-Ehe in Kalifornien unterstützte und alle Mitglieder ebenfalls dazu aufforderte. Seine beiden Töchter sind lesbisch. „Das ist ein Makel in der Integrität unserer Organisation“, schrieb Haggis damals in einem Brief an die Scientology-Leitung. Erst zu der Zeit fiel ihm auf, dass der Scientology-Gründer L. Ron Hubbard Homosexualität bereits in den 50er Jahren als „gefährlich“ einstufte und die Sekte Kurse zur Heilung der „Krankheit“ anbot.

Widersprüchliche Scientology-Ethik

Einmal irritiert, begann Haggis zu recherchieren und stieß auf viele weitere Widersprüche in der Scientology-„Ethik“: den „Trennungsbefehl“ von Scientology-kritischen Angehörigen, die Kinderarbeit in der Elitetruppe „Sea Org“, die Umerziehungs- und Straflager, die extreme Kontrolle. Er erfuhr, dass Mitglieder der Sea Org, die sich für eine Milliarde Jahre dienstverpflichten, nur 50 Dollar Wochenlohn bekommen, während der Scientology-Boss David Miscavige und sein Freund Tom Cruise einen „luxuriösen Lebensstil“ pflegen. Scientology bestreitet all dies.

Der Bericht des New Yorker schildert zeitversetzt, was in Europa und im Internet seit Mitte der 90er Jahre bekannt ist, und was jeder Interessierte etwa in den Broschüren der deutschen Verfassungsschutzämter nachlesen kann, die die als verfassungsfeindlich eingestufte Organisation seit 1997 beobachten. Ein Jahr zuvor enthüllte die Berliner Zeitung Interna aus den Straflagern des Psychokonzerns. Im selben Jahr publizierte die Arbeitsgruppe Scientology des Hamburger Senats die erste wissenschaftliche Studie darüber.

Gleichwohl galt und gilt Scientology in den USA als „Religion“. Heute sagt Paul Haggis: „35 Jahre lang war ich in einer Sekte“, aber er habe das nicht wahrgenommen. Immerhin sehen heute nicht mehr alle US-Behörden über die Scientology-Aktivitäten hinweg. Seit einigen Jahren ermittelt das FBI, unter anderem wegen des Vorwurfs der Kinderarbeit und des Menschenhandels. Bisher allerdings ohne sichtbares Ergebnis.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen