Lade Inhalte...

Schweizer Fernsehen Schlechte Ausstrahlung

Aus Angst vor dem medialen Super-Gau prüft das Schweizer Fernsehen die Verträglichkeit der Simpsons. Im Angesicht der Katastrophe erscheint Homer Simpson als personifiziertes Restrisiko.

25.03.2011 18:13
Thomas Wolff
Das personifizierte Restrisko: Homer Simpson bei der Arbeit im Atomkraftwerk. Foto: ullstein bild

Gar nicht hinsehen möchte man da. Im Atomkraftwerk ist Besuchertag. Mit freudiger Neugierde stromern die Mädchen und Jungen einer Schulklasse durch den Hochsicherheitstrakt. Ein Fachmann in weißem Kittel weist sie auf den blauen Teich vorm Fenster hin: „Hier könnt Ihr sehen, wie unser Kühlwasser in die freie, unberührte Natur zurückfließt“, und als just in dem Moment ein dreiäugiger Fisch aus diesem Wasser springt, ahnt der Zuschauer nichts Gutes.
Kurz darauf kachelt der technische Überwacher Homer Simpson, einen Donut in der Rechten, die Linke zum Gruß an die Kinder erhoben, mit seinem Elektroauto gegen ein zentrales Kühlwasserrohr, es dampft, es zischt. Der Alarm plärrt los, Einsatzkräfte in Schutzanzügen rücken an, Nothebel werden gezogen, die Katastrophe wird gerade noch mal abgewendet. Und Störfaktor Homer gefeuert – vorerst. Nichts für schwache Nerven. So sehen das zumindest die Programm-Verantwortlichen des Schweizer Fernsehens, die sich derzeit so ihre Gedanken machen, ob die „Simpsons“ noch zumutbar sind für ihre Kundschaft. In diesen Tagen der realen Reaktor-Katastrophe von Fukushima.


Rettender Abzählreim

Offiziell liest sich das so: „Im Rahmen der Katastrophe in Japan hat das Schweizer Radio und Fernsehen alle Programminhalte geprüft, so auch die Trickfilmserie 'Die Simpsons'.“ Eventuell hätte man „angesichts der aktuellen Situation eine Folge ausgetauscht“. Das erklärte die Pressestelle des SRF gestern auf Anfrage. Der Reaktor der Cartoonstadt Springfield kommt ja nicht nur in der oben geschilderten Folge „Der Versager“ dem Super-GAU gefährlich nahe. Mit den Folgen menschlicher Schusseligkeit im AKW spielen auch viele andere Teile der Satire-Serie. Ein „Austausch“ sei aber „bis zum jetzigen Zeitpunkt nicht geschehen“. Überdies wird versichert: „Die Serie aus dem Programm zu streichen war nie geplant.“


Ein Dementi, das einen beruhigen könnte, würde es nicht wie jedes Dementi den Schluss nahelegen, dass genau das, eine Streichung, offenbar zumindest erwogen wurde. Bleibt die Frage nach den Gründen: Warum das alles, woher diese Überlegungen in den Köpfen eventuell nicht ganz weltfremder Medienmacher? Und was sollte eine solche pietätvolle Selbstzensur bewirken, wen sollte sie schützen und wovor?

Wahrscheinliche Antwort: Die Fernsehverantwortlichen wollen ihre Zuschauer vor der schauderlichen Fiktion schützen – dieweil die Realität Tag für Tag viel drastischere Bilder liefert. Dunkler Rauch über den Kraftwerksblöcken, zerfetzte Betonhüllen, neuerliche Explosionen: All das, was die Nachrichtensender aus Japan auf die Bildschirme schicken, ist um ein Vielfaches furchterregender als alle Beinahe-Unfälle in der fiktiven Heimat der Simpsons, wie sarkastisch das Szenario dort auch geschildert wird.

Was passiert schon groß in der Schaltzentrale im AKW Springfield? Gut, nach letzter Zählung verstößt das Kraftwerk gegen 342 Sicherheitsbestimmungen, und der verschlagene Chef Montgomery Burns käme nie auf die Idee, 56 Millionen Dollar für die Reparaturen auszugeben. Okay, Sicherheitschef Homer überlässt den harten Dienst am Bildschirm gern Anderen: Mal vertritt ihn eine Henne, mal ein Walross, mal eine Vogelscheuche. Zur Not tut’s auch ein Ziegelstein an einer Schnur, der einen Hebel permanent nach unten drückt. Was soll man machen, wenn man als Vater das Töchterchen zum Ausflug begleiten muss? Oder einfach mal seinen Donut genießen will?

Droht tatsächlich mal eine Kernschmelze (in der dramatischsten aller Folgen, „Der Ernstfall“), weiß Homer klug zu improvisieren: Da es einfach zu viele Tasten sind auf seinem Schaltpult, benutzt er einen Abzählreim, um halt irgendeine Taste auszuwählen. Klar, dass er damit zum Helden wird. In Springfield ist es jedenfalls noch immer gut gegangen – so gut es eben geht.

So muten die Überlegungen der Schweizer gerade vor dem Hintergrund der echten Kernschmelze absurd an. Es sei denn, der Simpsons-Macher Matt Groening hat Recht, wenn er sagt: „Ich wollte, dass die Simpsons realistischer sind.“ Realistischer als die Heile-Welt-Serien der 50er Jahre, mit denen der Cartoon-Schöpfer aufwuchs. Er wollte „Väter, die wütend ihre Söhne würgen“ und „ein vernachlässigtes Kind, das talentiert ist, aber übersehen wird“, wie er 2007 sagte. Realismus bei den Simpsons? Vielleicht doch.


Brüderle nach Springfield

Der notorische Wortbrecher Burns ist ja inzwischen wirklich leicht zu verwechseln mit den Abwieglern dieser Tage. Umgekehrt lässt sich der Eiertanz des Ministers Brüderle gut in einer „Simpsons“-Folge vorstellen. Und sind die Mängel am AKW Springfield etwa schlimmer als die in deutschen Pannen-Reaktoren? Jürgen Trittin fragte sich schon 2007 im FR-Interview: „Warum liegt Biblis seit Monaten still? Weil die Betreiber zu dusselig waren, die richtigen Dübel zu nehmen. Vielleicht war Homer längst da, wer weiß?“

In der Tat: Homer selbst kommt der Realität inzwischen ziemlich nahe. Vielleicht gefährlich nahe. Seine Bequemlichkeit, seine Fehlbarkeit, all seine sympathischen Schwächen sind so lebensnah, wie es im Cartoon nur geht. Er führt uns damit aber genau vor Augen, wie es um die Sicherheit der Atomkraft steht: Der Mensch ist das größte Restrisiko. Und das bleibt, egal, wie hoch die Schutzwälle gegen den nächsten Tsunami nun betoniert werden.
Vielleicht haben die Schweizer TV-Leute doch einen Sinn für Realitäten.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen