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Schuhproduktion Die große Leere

In Santa Maria da Feira herrscht Not. Viele Jahre ließ eine deutsche Firma ihre Schuhe in dem portugiesischen Ort nähen. Dann zog sie weiter nach Asien, weil dort die Löhne noch niedriger sind.

20.10.2010 16:34
Wolfgang Bauer
In Santa Maria da Feira ist die Schuhproduktion eingestellt worden. Foto: dpa

Diese Stille,“ sagt der 66-Jährige, „du wirst am Ende verrückt.“ Er hat am Vorabend zwei Schlaftabletten geschluckt und ein Beruhigungsmittel dazu. Doch die halfen nicht, weshalb er zu einer dritten Tablette griff. Die Fabrik der Deutschen, die der Stadt Arbeit gab, ist verlassen, alles Leben aus ihr gewichen, einzig die Deckenventilatoren drehen sich. Rotieren lautlos über dem Kopf von Fernando Castro.

Die Fabrik nimmt er mit in den Schlaf. Jeden Tag betritt Castro sie zur Sicherheit durch die gleiche Tür. „Ich verliere sonst die Orientierung.“ Entlang weißer Zettel, die er in den Wochen zuvor auf Türen und Maschinen geklebt hat, sucht er auf 50?000 Quadratmetern den Weg durch Hallen und Gänge, einem in Jahrzehnten gewachsenen Labyrinth von Bauten, Anbauten und Erweiterungen. Ein Assistent begleitet ihn, so sind sie zu zweit, sollte ein Unfall passieren.

Die beiden Männer leben davon, das Lebenswerk anderer zu demontieren. Doch diesmal geht der Auftrag über ihre Kräfte. Die Fabrik war bis vor kurzem die größte Schuhfertigung Portugals. Fernando Castro ist ihr Abwickler, der Verwerter.

Wo bei der Firma Rohde früher bis zu 3000 Menschen stanzten, nähten, verpackten, arbeitet jetzt nur noch er. Sein Assistent, mehr ein Freund als ein Angestellter, sagt Castro, streckt den Zeigefinger aus, zählt, hält inne, damit er sich nicht verzählt, schließt kurz die Augen, zählt weiter. „Nach ein paar Stunden kotzt du Maschinen“, stöhnt er. Castro bewertet, die Hand ums Kinn gelegt oder die Arme über der Brust verschränkt, mal hinter dem Nacken, den ganzen Tag. Endlose Reihen von Pfaff-Nähmaschinen, die ehemals ein Vermögen kosteten. „Für die da kriegt man so gut wie nichts. 50 Euro, vielleicht nur 20 Euro“, winkt er ab. Es gibt keinen Markt hierfür. Die Madonnenbilder, mit denen die Näherinnen sie beklebten, vermochten ihre Arbeitsplätze nicht zu schützen.

Verwaist sind die vier großen Kantinen wie nach einer Massenflucht. In der Verwaltung breiten sich dunkle Wasserflecken auf dem Teppich aus, Ringe aus welkem Laub liegen um die abgestorbenen Birkenfeigen. Die letzten Lohnabrechnungen bedecken die Schreibtische der Buchhaltung. Einsam klingelt ab und an irgendwo noch ein Telefon. Krrr-krrr-krrr hallt es zwischen den Wänden. Krr-krrr-krr. Es ist niemand da, der abnimmt.

„Wie konnte das passieren?“, fragen sich die Arbeiter, die in Santa Maria da Feira durchs geschlossene Werkstor schauen. Die Schuhfabrik, die zum deutschen Traditionshersteller Rohde gehörte, war in der nordportugiesischen Region das wichtigste Unternehmen. „Wie konnte es soweit kommen?“, überlegen Einzelhändler, die jetzt ums Überleben kämpfen. „Wie ist das möglich?“, rätseln Menschen überall in Portugal, wo die Fabriken schließen, eine um die andere, und an jedem Tag 243 Arbeitsplätze verschwinden. Die in den vergangenen 30 Jahren aufgebaute Industrie löst sich in Pleiten und Insolvenzen auf, das Land rückt immer mehr ins Zentrum der Euro-Krise. Für die internationale Finanzwelt ist Portugal längst angezählt. Die Ratingagenturen haben die Kreditwürdigkeit im Sommer heruntergestuft. Eine Katastrophe bahnt sich an. Doch Katastrophen, sagen viele Portugiesen, sind sie gewöhnt.

Das Wirtschaftswunder exportierten die Deutschen in einen Pinienwald am Stadtrand von Santa Maria da Feira, südlich von Porto, 150?000 Einwohner. Dort baute 1975 die Firma Rohde aus dem hessischen Schwalmstadt ihre erste Fertigungshalle. Wie viele Unternehmen gelockt von den Billiglöhnen im damaligen Armenhaus Europas. Sie produzierten in Feira für Karstadt und Otto, Kaufhof und Reno. „Made in Portugal“ fand der Käufer in Deutschland von nun an auf den Sohlen. Die Gegend kam zu Wohlstand, Neubaugebiete entstanden, Supermärkte, vornehme Restaurants und asphaltierte Straßen.

Die Fabrik wuchs fast jedes Jahr, und mit jeder Erweiterung wuchs auch die Bedeutung von Sidònio Lamoso, dem Prokuristen. „Ich versuche, diese Sache langsam zu vergessen“, sagt er und streicht mit den Fingerspitzen über die Platte des schweren Eichenschreibtischs, von dem aus er 33 Jahre lang das Werk leitete, das Inventar des wichtigsten Arbeitsplatzes im Ort damals, jetzt fast wertlos.

Er wird das Stück dem Verwerter überlassen, er solle es verhökern, Lamoso steht in seinem früheren Büro und denkt an den 13. März 2007 zurück. An diesem Tag ratterte das Faxgerät, schob sich Zeile für Zeile ein Blatt heraus, das die Pleite des deutschen Mutterkonzerns verkündete. „Das war ein Schlag. Aber da hatten wir immer noch Hoffnung“, sagt Lamoso. Die Firma in Hessen war Opfer ihres eigenen Missmanagements geworden, Bilanzen gefälscht, Kredite erschwindelt, denn das Geschäft lief defizitär. Zu lange hatte Rohde am Standort Portugal festgehalten. Mit seinen Durchschnittslöhnen von 600 Euro pro Monat galt es den Buchhaltern plötzlich als kostspielig.

„Die Chinesen sind bei Schuhen um das Vierfache billiger“, sagt Lamoso. Dorthin zog dann auch die Fertigung, als der Konzern in Deutschland aus der Konkursmasse wieder auferstand. Lamoso kämpfte bis zum Schluss, drei Jahre lang, verhandelte, reiste, warb zuletzt auf der Schuhmesse in Düsseldorf um neue Kunden. Er fand keine. Im November 2009 wurde die Produktion eingestellt, im Mai räumte Lamoso sein Büro. „Wir hatten keine eigene Entwicklung hier, das war unser Fehler, komplett abhängig von den Aufträgen aus Deutschland zu sein“, klagt Lamoso. Den meisten anderen Schuhfabriken in der Gegend erging es gleich. Portugal erwies sich auf dem Zug der Billiglohn-Nomaden nur als Zwischenstation.

Die Macht ist von ihm abgefallen, kraftlos hängen die Schultern, der Blick Lamosos flackert irritiert. Wie ein anderer wirkt der Mann, sagen die, die ihn kennen. Er kommt in die Fabrik, wenn Verwerter Castro nach ihm ruft, hilflos, inmitten von Bergen von Kartons und Maschinenteilen. Dann blitzt in Lamoso noch einmal der alte Chef auf, kurz, einen Augenblick lang, um rasch wieder zu verlöschen. Er geht nun viel spazieren, morgens und abends, erzählt Lamoso, jätet Unkraut im Garten. „So viel Unkraut“, sagt er, lächelt unsicher, bevor er auf dem Betriebsparkplatz in den Wagen steigt. „Der war mal mein Boss“, sagt der Pförtner und schaut zu, wie Lamoso durchs Tor hinaus fährt, „jetzt muss er mich um Erlaubnis fragen, um rein zu kommen.“

„Nur einer von denen, die alles zugrunde gerichtet haben!“, zischt die Wirtin des Casa Lima gegenüber der Werkseinfahrt. Das Ende der Fabrik reißt auch sie in den Strudel. Nur wenige kommen an ihren Tresen, sie kann kaum noch den Strom zahlen. Ihr Mann, der Inhaber eines Altpapier-Unternehmens, hat sich wegen Zahlungsproblemen vor wenigen Monaten erhängt. Sie nimmt Anti-Depressiva, wartet auf Gäste, schaut mit auf den Tresen gestützten Armen auf die Straße, wo frühere Rohde-Beschäftigte ratlos auf und ab flanieren.

Die Krise nimmt das Land in den Zangengriff. Zu lange vertraute die Elite auf die Niedriglohn-Industrie, betäubt von einem rauschhaften Aufstieg. Bis vor zwei Jahren war Portugal eine der größten europäischen Erfolgsgeschichten. Die Weltbank führte die Zehn-Millionen-Einwohner-Nation noch 1989 als Entwicklungshilfeland, dann begannen internationale Konzerne es als Werkbank zu entdecken. Die EU förderte milliardenschwer. Portugal avancierte zum Musterschüler mit geringem Haushaltsdefizit und sinkender Arbeitslosigkeit.

Das Auswandererland wandelte sich zum Einwandererland, zum stolzen Ausrichter von Expo und EM. Aber immer noch blieb das Bildungssystem desolat, konnten 2003 einer Pisa-Studie zufolge fast die Hälfte der Portugiesen die Zeitung zwar lesen, doch nicht ihren Inhalt verstehen. Immer noch schaffte es Portugal nicht, eine eigenständige Industrie aufzubauen. Während seit der EU-Erweiterung 2004 mehr und mehr Billiglöhner nach Osteuropa und China abwanderten, verschuldeten sich Portugals Regierungen mit dem Bau immer neuer Autobahnen, oft dreispurig, die meistens leer sind wie sonst nur in Nordkorea.

Die Arbeitslosigkeit schießt jetzt mit 10,8 Prozent auf ein historisches Hoch, die Banken wanken, weil sie in den letzten Jahren Kredite geradezu verschleuderten. Intellektuelle fordern, sich mit dem ebenfalls angeschlagenen Spanien zu einem iberischen Staat zu vereinen. Hastig präsentiert die Regierung Rettungspakete, beschließt drastische Sparmaßnahmen, die die größten Demonstrationen in der Geschichte des Landes provozieren. „Ich bitte alle meine Mitpatrioten“, wandte sich Ministerpräsident José Socrates an das Volk: „Verteidigt den Euro! Verteidigt unser Land!“

Das Fabriksterben hat das Bankhaus von Santa Maria da Feira erreicht. Mit Schweißperlen auf der Oberlippe verlässt Victor Marques (Name geändert) das Büro. „Ich glaube, es wird noch schlimmer werden als in Griechenland.“ Er trifft sich zum Gespräch in einem neuen Vier-Sterne-Hotel, nicht weit vom Rohde-Werk. Kalte Pracht, 109 Zimmer, fünf Stockwerke, auf denen selten mehr als sechs Gäste logieren. „Die Schuhindustriellen wollten unbedingt ein Luxushotel, um ihre Geschäftspartner unterzubringen“, sagt der Banker und setzt sich in die leere Lounge. „Es war ein Traum – kein Mensch braucht hier dieses Hotel.“ Die Rohde-Fabrik will er gemeinsam mit der Insolvenzverwalterin in kleine, leichter veräußerbare Parzellen aufteilen, ein Unterfangen, das in Portugal drei bis vier Jahre dauert. Denn zuvor muss das Zentralparlament in Lissabon der Änderung des kommunalen Bebauungsplans zustimmen. Die Bürokratie sitzt in der ältesten Nation Europas wie Schimmel in einem feuchten Gemäuer.

Der Bankangestellte mit hellblauer Krawatte verweigert neue Kredite, verrichtet Henkersarbeit, jeden Tag landet eine neue Insolvenz auf seinem Schreibtisch. Jeden Tag erlischt in der Kleinstadt und den benachbarten Dörfern ein Betrieb. Die Schuhindustrie ist nur noch in Spurenelementen vorhanden, nun kollabiert der zweitwichtigste Arbeitgeber, die Korkbranche. Ein Netz aus kleinen und kleinsten Familienunternehmen zerfällt. „Wir sind ein Land ohne Eigenkapital“, sagt der Banker. Dem Kork setzen Plastik- und Schraubverschlüsse zu, obendrein der aggressive Preiskampf des portugiesischen Branchenführers.

Massenhaft käme die Bank jetzt zu Privathäusern, deren Besitzer die Raten nicht mehr zahlen können. Der Banker fürchtet drastisch fallende Immobilienpreise, weil die Banken – die gleichfalls keine Kredite bekommen – die Häuser auf den Markt schleuderten, um wieder flüssig zu werden. „Ich hab kein gutes Gefühl“, sagt er und sieht sich in der leeren Hotelhalle um. „So schön. Aber eben nur ein Traum.“ Die Bank, die das Projekt finanzierte, ist mittlerweile auch pleite.

Die Einbrüche nehmen zu, die Diebe klauen Lebensmittel aus den Kühlschränken, manche Häuser in Feira werden dreimal in vier Monaten geknackt. Die Menschen beginnen erneut, ins Ausland zu emigrieren, erinnern sich ihrer Cousins in der Schweiz, ihres Neffen in Schleswig. Auf den Straßen häufen sich Unfälle, weil Arbeitsnomaden übermüdet weite Strecken fahren. Die Hotels an der Algarve bleiben leer, die Leute machen keinen Urlaub mehr. Sie haben Angst – Bankdirektoren wie Arbeiter. Die Wartelisten von Psychiatern sind lang.

Blaue und rote Pillen hat der Arzt dem Ehepaar mitgegeben. 120 Euro musste Antonio Barros dafür hinlegen. „Ich weiß noch nicht, wie wir das bezahlen sollen“, klagt er. 18 Jahre war er Lagerist bei Rohde. Jetzt ist er arbeitslos. „Ich bin nicht verrückt“, sagt seine Frau Cristina immerzu. „Nein, aber du verhältst dich so“, erwidert er stets. Das Paar hat zwei Kinder, Goncalo, acht Jahre, und Fabiana, 17 Jahre. Ihre Ersparnisse schmelzen. Auf der Eigentumswohnung liegen noch Schulden. „Alle rümpfen die Nase, wenn ich sage, dass ich 42 Jahre alt bin“, empört sich Barros, der sich bisher vergebens als Straßenfeger und Wachmann beworben hat. Seine Frau hat noch eine Anstellung als Näherin in einer kleinen Schuhfabrik.

Während einer Schicht brach sie dort vor anderthalb Monaten zusammen. Weinte, zitterte, sprach davon, sich umbringen zu wollen, wären die Kinder nicht. „Ich muss jetzt stark sein für uns beide“, sagt der arbeitslose Barros. Es ist etwas besser geworden mit Cristina, aber noch immer liegt sie oft lange im abgedunkelten Schlafzimmer. Da sie nun krankgeschrieben ist, zahlt ihr die Fabrik nur 65 Prozent des Lohns von 450 Euro im Monat, was das Problem der Barros vergrößert. Der Garten der Großeltern ist ihre Sozialversicherung, das Kartoffelfeld und die Zwiebelbeete ihr Hartz IV. Die Portugiesen kehren zurück auf ihre Äcker, sie jäten und ernten, füttern Hühner. „Das hält uns über Wasser“, sagt Barros, der 420 Euro Arbeitslosengeld im Monat bezieht. Er hofft auf einen Fortbildungskurs des Arbeitsamts, bei dem er sein neuntes Schuljahr nachmachen will. Wie viele seines Alters hat er den Unterricht nur bis zur sechsten Klasse besucht, mit der damals die Schulpflicht endete. „Ich lerne schnell“, sagt er. „Ich hab in Englisch die Note 18 bekommen.“ Bei einer Höchstpunktzahl von 20. Doch einen Satz auf Englisch kann er noch nicht.

Aus jeder Krise in seiner Geschichte ist Portugal auferstanden. Nach dem Erdbeben 1755 beispielweise bauten die Portugiesen ein neues, strahlendes Lissabon. Die Politiker heute wollen die Bürokratie verschlanken, bessere Universitäten und Schulen schaffen. Innovative Industrien wie Windkraft und Solartechnologie sollen die alten ablösen. Junge Kork-Hersteller entwickeln neue Produkte aus dem alten Material. Schon fliegt der Kork als Isolierschicht im Space Shuttle ins All. Viele Portugiesen aber zweifeln, ob ihr Land dieses Mal wirklich die Kraft aufbringen wird.

„Meine Kinder studieren auswärts“, sagt der Banker in Feira, „sie glauben nicht mehr an Portugal.“

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