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Schriftsteller Edward St. Aubyn „Ich habe großes Glück, dass ich noch am Leben bin“

Edward St. Aubyn hat in fünf Romanen seine Vergangenheit aufgearbeitet. Im FR-Interview spricht er über die Angst vor seinem Vater, die Qual des Schreibens und den Fluch, reich zu sein.

28.09.2011 17:27
"Heroin zählt zu den Dingen, mit denen man Gefühle und Erinnerungen ausschalten kann. Ohne Heroin hätte ich mich umgebracht, denke ich."

Edward St. Aubyn setzt sich an einen Esstisch in einem kleinen verkramten Zimmer und gießt Wasser in Gläser. Im Nachbarzimmer übt jemand Geige. St.?Aubyn geht nach nebenan, die Geige verstummt. Der Schriftsteller bewegt sich durch die Wohnung im Londonder Stadtteil Notting Hill, als sei er hier zu Hause, dabei gehört sie einer Freundin, die ihm nur ein Zimmer für dieses Interview überlassen hat. In sein Zuhause lässt er keine Journalisten, denn das ist der Ort, an dem er schreibt, ein sehr privater Ort, sagt er. Hier sind all die Bücher über den Jungen Patrick entstanden, der in einer britischen Aristokratenfamilie aufwächst, von seinem Vater missbraucht und von seiner Mutter ignoriert wird, der mit 22 heroinabhängig ist, mit Anfang 30 das erste Mal einem Freund von dem Missbrauch erzählt, mit 40 mit seiner Mutter abrechnet und nun, mit 50, hofft, dass ihr Tod ihm endlich Erlösung bringt. „Zu guter Letzt“, der fünfte und letzte Teil der Melrose-Saga, erscheint in diesen Tagen in Deutschland.

Mr St. Aubyn, dieser Junge namens Patrick, sind Sie das?

Ja, Patrick ist mein Alter Ego. Seine Eltern sind meine Eltern. Es ist alles autobiografisch. Wenn ich das abstreiten würde, würde ich lügen. Das heißt nicht, dass ich jede Frage beantworte, die mir gestellt wird. Obwohl, eigentlich macht es mir nicht mehr soviel aus, darüber zu sprechen.

Wann haben Sie angefangen, Dinge aus Ihrem Leben in Literatur zu verwandeln?

Mit zwölf habe ich die ersten 40 Seiten zu einem Roman geschrieben.

Haben Sie die noch?

Nein, ich habe sie verbrannt. Ich habe sie wiederentdeckt, als ich mein Haus in Frankreich aufgeben musste. Zu meinem Entsetzen fand ich diese Seiten, die ich mit zwölf geschrieben habe. Und Sie wissen doch, wie es ist. Wenn man anderen sagt, bitte schmeißt das weg, verbrennt den Mist, dann machen sie es erst recht nicht. Sie heben es liebevoll auf, und irgendwann bekommt es jemand in die Hände und geht damit in die Öffentlichkeit. Deshalb muss man sowas selbst erledigen.

Was war so entsetzlich an dem, was Sie damals geschrieben haben?

Nun, ich war zwölf. Es war nicht besonders gut.

Aber Sie waren erst zwölf. Sie sind ziemlich hart sich selbst gegenüber.

Finde ich nicht. Ich habe es noch mal gelesen. Es war wirklich Müll.

Worum ging es?

Um einen Zwölfjährigen, der im Süden Frankreichs lebte. Irgend sowas. Mit Anfang 20 habe ich Gedichte geschrieben, aber sie sind verloren gegangen, als ich von Oxford nach London gezogen bin. Ich dachte, ich hätte sie eingepackt, sie seien in einer Umzugskiste, es war eine chaotische Zeit in meinem Leben, und eine Weile war ich total verzweifelt, dass sie weg waren. Keine Ahnung, ob die Gedichte was getaugt haben. Ich habe nie wieder welche geschrieben. Ich habe dann noch zwei, drei andere fürchterliche Romane angefangen, spätestens bei Seite 40 habe ich immer gemerkt, das funktioniert nicht. Ich habe es immer wieder versucht, aber ich bin sehr selbstkritisch und erkenne, wenn etwas nichts taugt.

Wann haben Sie die ersten Teile der Melrose-Bücher geschrieben?

Mit 30. Bis 28 habe ich Drogen genommen, zwei Jahre danach habe ich die ersten beiden Bücher über Patrick geschrieben und darin meine Kindheit, den Missbrauch meines Vaters und meine Drogensucht verarbeitet.

„Schlechte Neuigkeiten“, das Buch, indem Sie die Asche Ihres Vaters in New York abholen und 24?Stunden lang praktisch nur auf Drogen sind, fühlt sich beim Lesen an, als sei man selbst high, so präzise beschreiben Sie die Wirkung des Heroins und der anderen Drogen, die Sie alle gleichzeitig nehmen. Wie kann man sowas schreiben, ohne wieder rückfällig zu werden?

Das Schreiben war hart. Wenn ich einen Absatz geschrieben hatte, musste ich erstmal raus gehen und einen langen Spaziergang machen, bevor ich weiterschreiben konnte. Ich konnte auch nur nachts schreiben. Normalerweise schreibe ich von morgens bis mittags, so wie es die meisten machen, aber an „Schlechte Neuigkeiten“ habe ich jede Nacht von 22 Uhr bis sechs Uhr morgens gearbeitet.

Wollten Sie die Stimmung zurückholen? New York in den Achtzigern, Drogendealer, Nachtklubs.

Ich weiß nicht. Ich habe damals alleine gelebt, ich war alleine in diesem großen Haus und konnte nicht schlafen. Also habe ich geschrieben. Aber Drogen habe ich nicht mehr genommen. Alle meine Bücher sind bei Kaffee, Tee und Mineralwasser entstanden. Ich denke, dass es mir geholfen hat, durch das Schreiben an die Dinge heranzukommen, die in meinem Unterbewusstsein existieren. In all meinen Melrose-Büchern geht es um Dinge, die dort versteckt sind, verhüllt in Scham oder vergraben in diesen Drogenerfahrungen. Sie sind schwer zu finden. Ich meine, wenn ich all diese Dinge über mich bereits wüsste, könnte ich sie einfach einem Freund beim Abendessen erzählen, das wäre viel einfacher.

Wie ist es, wenn Sie ein Buch zu Ende geschrieben haben? Fällt dann etwas von Ihnen ab?

Es ist erleichternd, es ist befreiend, schlechte Erfahrungen zu verarbeiten. Es ist die transformative Leistung der Kunst. Aber es ist nicht in erster Linie eine Therapie für mich. In erster Linie möchte ich ein gutes Buch schreiben. Es ist nicht so, dass ich irgendetwas beichte oder mir etwas von der Seele schreibe. Ich tue es auch nicht, um mich besser zu fühlen. In Wirklichkeit fühle ich mich danach noch schlechter. Wenn es einen Effekt gibt, dann den, dass ich einen großen Teil meines Lebens, meine Kindheit, meine Sucht, meine Partyzeit in Büchern verarbeite und mich dadurch noch einmal intensiv damit beschäftige. Trügerisch ist es dennoch. An „Zu guter Letzt“ habe ich fünf Jahre geschrieben. Es war schrecklich, ich bin immer wieder dabei zusammengebrochen und konnte nicht weitermachen. Und als ich fertig war, habe ich mich auch nicht besser gefühlt. Erst, als es veröffentlicht und gelesen wurde, ging es wieder. Es ist interessant, dass das Gefühl der Erleichterung eben nicht mit dem Schreiben zu tun hat, sondern mit dem Gefühl, dass das Buch bei dem Leser angekommen ist.

Geht es Ihnen auch um Anerkennung?

Nein, eher um die Kommunikation darüber zwischen dem Schreiber und dem einzelnen Leser. Es geht mir immer um den Einzelnen, auch wenn das Buch von tausend Leuten gleichzeitig gelesen wird. Dann erst ist für mich ein Buch fertig. Das hat nichts mit Anerkennung zu tun. Ich lese keine Kritiken, ich lese nichts über mich, was in Zeitungen steht.

Sie haben nicht mal die wunderbare Rezension der Schriftstellerin Zadie Smith über „Zu guter Letzt“ gelesen?

Ich habe zwei Ausnahmen gemacht. Ein Freund von mir hat in der New York Times eine Rezension geschrieben, die habe ich gelesen. Und Zadie Smith habe ich neulich mal auf einer Party getroffen, und da hat sie mir erzählt, dass sie eine Rezension geschrieben hat. Sie ist eine tolle Frau, ich mochte sie sehr und ich habe ihren Text gelesen, damit ich ihr sagen kann, dass er mir gefallen hat. Es hat nichts mit Anerkennung zu tun, sondern mit dem Gefühl, dass die Kommunikation mit dem Leser beendet ist. Jetzt wird das Buch auch in Deutschland und Frankreich veröffentlicht, und wenn es dann überall erschienen ist, ist es vorbei. Das ist das letzte der Melrose-Bücher, 22 Jahre Arbeit stecken darin und die sind dann vorbei. Und dann, wer weiß, was ich dann empfinde.

Sie werden nie wieder über die Melrose-Familie schreiben, wirklich nicht?

Ja, der nächste Roman wird definitiv kein Melrose-Roman. Ich bin einfach zu erschöpft. Ich kann nicht mehr. Es ist furchtbar, dieses Schreiben, ohne einen Plan zu haben. Bei dem letzten Buch wusste ich bis zum Schluss nicht, wie es enden wird.

Sie wussten nur, dass Sie Ihre Mutter beerdigen werden.

Nicht mal das wusste ich. Ich dachte, ich schreibe danach noch ein anderes Buch und weiß heute gar nicht mehr, was da eigentlich drin stehen sollte. Ich habe erst gemerkt, dass es vorbei ist, als ich am letzten Kapitel geschrieben habe.

Da ist Patrick Ende 40, seine Mutter und sein Vater sind tot, und aus seiner Kindheit sind nur noch zwei tragische Gestalten übriggeblieben.

Nancy und Nicholas Pratt, eine verarmte medikamentenabhängige Kleptomanin und ein alter Mann, der einen Herzinfarkt bekommt, weil er nicht wahrhaben will, dass er nicht so perfekt ist, wie er es gerne sein will.

Die beiden treffen sich auf der Beerdigung von Patricks Mutter und verachten die anderen Trauergäste, die nicht zu ihrer gesellschaftlichen Schicht gehören. Kennen Sie sowas aus Ihrem eigenen Leben?

Im Gegensatz zu anderen Figuren in meinen Büchern ist Nicholas Pratt ausgedacht, aber er spielt die Figur, die für Patrick alles noch mal zurückbringen soll, seinen toten Vater, der ihn missbraucht hat, die arrogante, verächtliche Haltung der Familie und Freunde. Natürlich kenne ich das aus meinem Leben.

Wann haben Sie gemerkt, dass es falsch ist?

Sofort.

Bereits als Kind?

Natürlich, denn alles, was ich als Kind erlebt habe, beruhte auf Brutalität. Und diese Brutalität wurde dekoriert mit Arroganz und Missachtung gegenüber anderen. Dass Brutalität nicht richtig ist, merkt man schnell. Nicholas Pratt ist ein Monster, aber er ist auch unterhaltsam, während Patricks Vater überhaupt nicht unterhaltsam ist. Er ist einfach nur brutal.

Haben Sie Ihrem Vater jemals verziehen?

Mein Vater war natürlich nicht von Anfang an ein Monster. Er hatte diese kalte, intellektuelle Mutter, die aus ihm einen brillanten Mann machen wollte, und er hat sich alle Mühe gegeben, ihren Erwartungen zu entsprechen, und dabei hat er versagt. Er hatte viele Begabungen, er war ein brillanter Pianist, er hat Medizin studiert, aber er hat das alles weggeworfen. Sein Vater war nie zu Hause, und wenn er mal da war, sprach er nicht mit seinem Sohn. Er ging viel auf die Jagd, es machte ihm Spaß, Tiere zu quälen, Tiere und auch Menschen. Er hat meinem Vater sein Taschengeld gestrichen, weil er dachte, der Beruf des Arztes ist zu sehr Mittelklasse. Das ist alles verrückt. Eine verrückte Welt. Letztlich haben wir es bei meinem Vater mit jemandem zu tun, der so geworden ist, wie er behandelt wurde.

Steckt in dem Charakter von Nicholas Pratt und Patricks Vater auch etwas von Ihnen?

Ja, natürlich. Jeder Schreiber muss sich ja irgendwie mit seinen Figuren identifizieren können. Und dieses Verächtliche, Dunkle, Arrogante war sicher einmal Teil von mir. In „Schlechte Neuigkeiten“ beschreibe ich ja, wie Patrick seinen Vater liebt und gleichzeitig verachtet, wie er hofft, dass er durch seinen Tod von seinen Ängsten und Konflikten befreit wird, aber das geschieht nicht, er wird nicht erlöst. Er kann aber nicht zeigen, was sich in seinem Inneren abspielt, von außen sieht man nur seine Arroganz und seinen Sarkasmus. So war ich mal, aber das ist vorbei. Ich kann nicht mehr so sein, ich will es auch nicht mehr.

Ihre Mutter hat getrunken, sich mit Medikamenten betäubt und Spenden für eine Kinderhilfsorganisation gesammelt, während ihr eigener Sohn zu Hause litt. Waren Sie wütend auf Sie?

Ja, aber erst als Teenager. Deshalb bin ich auch so früh von zu Hause ausgezogen, habe in Oxford studiert, in Hotels gewohnt, bin gereist, nach Paris, nach New York. Ich brauchte Distanz zu meiner Familie.

Hat sich eigentlich jemals jemand aus Ihrer Familie über die schonungslosen Beschreibungen beschwert?

Keine Ahnung. Nicht bei mir.

Hat Ihre Mutter Ihre Bücher gelesen?

Die ersten drei hat sie gelesen. Die beiden letzten nicht. Da war sie schon zu senil.

Und, was hat sie gesagt?

Kann schon sein, dass es furchtbar peinlich für sie war, als Alkoholikerin beschrieben zu werden, die Teil dieser desaströsen Familie war. Aber im Großen und Ganzen kam sie da noch ganz sympathisch rüber. Im ersten Buch wird sie ja auch als Opfer beschrieben. Nicht nur ihr Sohn leidet unter ihrem Mann, sondern sie selbst auch. Dass sie ihren Sohn nicht beschützt hat, wie sie als Mutter versagt hat, und wie sie das Haus in Frankreich und ihr ganzes Eigentum an ein paar esoterische Spinner weggegeben hat, wird ja erst im letzten und vorletzten Teil beschrieben, die sie nicht mehr lesen konnte. Ich weiß nicht, wie sie das gefunden hätte, aber sie hat mich sehr unterstützt, das erste Buch zu schreiben, und ich bin dankbar dafür, weil es sonst umso schwerer für mich gewesen wäre, es zu schreiben. Es war so schon fast unmöglich für mich, das erste Buch zu schreiben. Ich habe dabei so sehr geschwitzt, dass ich mich mit Handtüchern umwickeln musste. Ich hatte Panikattacken und musste mich immer wieder auf den Fußboden legen. Und als ich fertig war, bin ich zweimal ohnmächtig geworden. Ich bin zweimal in einem Restaurant vom Stuhl gefallen. Ich hatte solche Angst davor, dass es veröffentlicht wird. Jeden Tag habe ich den Verlag angerufen und gesagt, bitte zieht das Buch zurück. Es tut mir leid, dass ich es überhaupt angeboten habe.

Was dachten Sie, was passiert, wenn Ihr Buch veröffentlich wird? Wovor hatten Sie Angst?

Mein Vater hat mir gesagt, wenn ich jemals mit jemandem darüber spreche, was er mit mir gemacht hat, werde ich sterben. Das war’s. Ich dachte, dass ich sterben werde. Das war natürlich völlig irrational, aber ich hatte Angst.

Was passierte dann, nachdem das Buch erschienen war? Konnten Sie auf Lesereise gehen?

Nein, um Gottes Willen. Es gab eine ganz kleine Buchpremiere, mehr nicht. Lesungen konnte ich nicht machen, auch nicht beim zweiten Buch. Das erste hat einen Preis bekommen, den habe ich mir abgeholt, das ist mir nicht schwergefallen. Beim dritten Buch habe ich mein erstes Interview gegeben, der Verlag hat mich dazu gedrängt.

Und dann haben Sie das allererste Mal gesagt: Das bin ich. Ich bin Patrick, die Hauptfigur.

Ja, ich denke, so war es, denn vorher hatte ich ja keine Interviews gegeben. Heute gebe ich welche, aber ich lese nie Artikel über mich. Wenn du versuchst, zu kontrollieren, was andere über dich denken, wirst du verrückt. Es ist schwer genug, so eine schwierige Persönlichkeit zu haben wie ich. Und wenn man dann noch einen schlechten Ruf bekommt, fallen die Räder vom Wagen ab, alle auf einmal.

An einer Stelle in „Zu guter Letzt“ schreiben Sie über die psychologische Last von vererbtem Reichtum, den dringenden Wunsch, das Erbe loszuwerden und den ebenso dringenden Wunsch, daran festzuhalten, und wie demoralisierend es ist, schon alles zu haben, wofür andere ihr wertvolles Leben hergeben. Ist es wirklich so schwer, reich zu sein?

Heute ist es kein Problem mehr für mich. Das Geld, von dem ich jetzt lebe, habe ich ja durch meine Bücher verdient und nicht geerbt. Aber als ich 18 war, war das anders. Da habe ich viel Geld von meiner Großmutter mütterlicherseits geerbt, die ich nicht einmal kannte, die mir das Geld nicht aus Liebe vermacht hat, sondern weil ich eben dran war, weil ich zu ihrer Familie gehörte. Ich habe es verprasst, so schnell ich nur konnte. Ich habe gedacht, ich lebe sowieso nicht mehr lange, also kann ich auch alles ausgeben. Ich war sehr unglücklich und habe versucht, mich aufzumuntern, indem ich auf großem Fuß lebte. Es hat leider überhaupt nicht funktioniert.

Ihr Alter Ego ist im letzten Teil der Melrose-Bücher ein erwachsener, verantwortungsbewusster Mann geworden, er trinkt nicht mehr, will sich besser um seine Kinder kümmern. Warum haben Sie sich für dieses Ende entschieden?

Ich weiß nicht, es war keine bewusste Entscheidung. Es ist einfach passiert, als ich das letzte Kapitel geschrieben habe. Es stimmt. Patrick ist sehr vernünftig. Er lässt sich die Nummer der hübschen Kellnerin geben, aber er ruft sie nicht an. Er öffnet die Tür zur Minibar, starrt die Flaschen an, aber trinkt nichts. Es geht darum, was passiert, wenn man nicht nach Ausgleich sucht, und es stellt sich heraus, dass es sehr befreiend ist, wenn man nicht ständig an Drogen oder Frauen oder was auch immer denkt. Menschen knallen sich ständig mit allen möglichen Dingen zu. Patrick hört damit gerade rechtzeitig auf, um zu erkennen, dass es noch etwas anderes im Leben gibt.

Haben Sie jemals so vernünftig gelebt wie Ihr Alter Ego am Ende?

Ja. Habe ich, aber nicht lange.

Sie sehen gut aus für jemanden, der so ein kaputtes Leben hatte. Wie haben Sie das alles überlebt?

Dieses selbstzerstörerische Leben ging los, als ich 16 war und endete mit 28. Das waren insgesamt 12 Jahre, aber es ist ja nun schon eine Weile her. Seitdem habe ich versucht, gute Bücher zu schreiben und Kinder groß zu ziehen, die nicht krank und unglücklich sind. Wie ich das damals überlebt habe? Keine Ahnung. Gerade so. Ich wurde oft im Krankenhaus wach, ständig landete ich auf der Intensivstation. Mein Leben war ein ständiges Überleben. Ich habe um Minuten, Sekunden, Zentimeter überlebt. Ich bin ständig am Tod vorbeigeschrammt. Ich kann mich sehr glücklich schätzen, dass ich noch am Leben bin. Viele Menschen, mit denen ich damals zusammen war, sind gestorben. Auf der anderen Seite bin ich diesen Drogen, die ich damals genommen habe, Heroin zum Beispiel, sehr dankbar.

Sie sind Heroin dankbar?

Heroin zählt zu den Dingen, mit denen man bestimmte Gefühle und Erinnerungen ausschalten kann. Sie sind eine Art Ersatz für Menschen, die weder leben noch sterben können. Man hält damit etwas auf, Taten, Handlungen. Ohne Heroin hätte ich mich umgebracht, denke ich.

So einen Satz hört man auch nicht so oft.

Heroin war damals für mich einfach perfekt. Ich meine, ich hoffe, dass ich es nie wieder nehme. Lange Zeit in meinem Leben habe ich noch die Verführung gespürt, die Versuchung. Aber jetzt brauche ich das nicht mehr. Im Gegenteil. Ich will größtmögliche Klarheit und Transparenz, ich möchte mir über Dinge bewusst sein, wach sein, so lebendig wie möglich sein. Weil ich keine Erinnerungen habe, die schön sind, ohne die ich nicht leben könnte. Sowas gibt es einfach nicht in meinem Leben. Es ist ein Wunder, wie ich das alles hinter mir gelassen habe.

Was hat Sie ins Leben zurückgebracht?

Die Güte und Hilfe vieler Menschen. Und dass ich angefangen habe, Bücher zu schreiben, das durchzustehen, diese Disziplin aufzubringen. Ich will beim Schreiben viele Gefühle auslösen, und das mit möglichst wenigen Worten, ich will Menschen fesseln, und dass ich so schreibe, hat mich verändert. Ich habe auch eine Psychoanalyse gemacht und die Erfahrung gemacht, Kinder zu haben und Einfühlungsvermögen zu empfinden. All diese Dinge haben mich zurückgebracht ins Leben und mich von meinem Leid und Selbstmitleid befreit. Es war ein langer Weg.

Was wissen Ihre Kinder von Ihrem Leben? Hat Ihre 16-jährige Tochter Ihre Bücher gelesen?

Ja, hat sie. Mein Sohn ist acht, er ist zu jung, aber er weiß einiges von dem, über das ich schreibe.

Wie erziehen Sie Ihre Kinder?

Ich habe ihnen nichts zu vererben, das ist schon mal gut. Ich muss ihnen nichts vorspielen oder so tun, als ob ich arbeite, um Geld zu verdienen. Sie sehen, wie hart ich arbeite, dass ich meine Arbeit etwas Schwierigem widme, was mir wichtig ist. Ich habe sowas bei meinen Eltern nie gesehen. Ich bin nicht mit Menschen aufgewachsen, die sinnvollen Tätigkeiten nachgegangen sind.

Der letzte Teil der Melrose-Bücher, die finale Abrechnung mit der Dekadenz dieser reichen Familie, ist in England fast genau zur selben Zeit erschienen, als Leute aus Armenvierteln auf die Straßen gingen und Geschäfte plünderten. Sehen Sie da einen Zusammenhang?

Meine Bücher sind nicht politisch. Natürlich können Sie sie auf diese Art und Weise interpretieren. Aber ich hatte nie die Absicht, Stellungnahmen über die britische Gesellschaft abzugeben. Meine Protagonisten brauchen keine Straßenkrawalle, um zugrunde zu gehen. Sie zerstören sich selbst. Sie zerstören sich, weil sie die Maßstäbe verloren haben. Sie kommen aus einer Welt, in der Liebe und Arbeit, die wichtigsten Dinge, die unser Leben zusammenhalten, keine Rolle mehr spielen.

Interview: Anja Reich

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