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Schnellzug Vindobona Ende einer Legende auf Schienen

Beinahe sechs Jahrzehnte lang verbindet der Schnellzug "Vindobona" die Hauptstädte Berlin, Prag und Wien miteinander, kein politischer Umsturz kann ihn aufhalten. Die Eröffnung des neuen Wiener Hauptbahnhofes bringt nun das Aus für die rollende Legende. Ein Nachruf.

10.12.2014 07:43
Daniel Kortschak
Der "Vindobona" im Jahr 2009 im Dresdner Hauptbahnhof. Hinter der tschechischen Lok, die zwischen Prag und Dresden am Zug ist, hängen Wagen der deutschen und der tschechischen Bahn. Foto: Imago

1476 Kilometer - so lang ist die Bahnstrecke von Hamburg über Berlin, Dresden, Prag und Wien bis ins südösterreichische Villach. Und genau diese Strecke legen pro Tag zwei Züge zurück: Der Eurocity 172 startet frühmorgens in Villach und erreicht Hamburg spät am Abend, der EC 173 unternimmt die lange Reise quer durch Europa in der entgegengesetzten Richtung. Über sechzehneinhalb Stunden dauert die Fahrt von Südösterreich nach Norddeutschland, ein einsamer Rekord: Kein anderer durchgehender Tagzug ist in Europa auch nur annähernd so lange unterwegs. Doch mit dem ab Mitte Dezember geltenden neuen Fahrplan ist damit Schluss. "Das Zugpaar EC 173-172 Hamburg - Dresden - Prag - Wien - Villach wird ab Fahrplanwechsel neu über Prag nach und ab Budapest geführt. In Prag besteht Anschluss Richtung Wien", sagt eine Sprecherin der Deutschen Bahn gegenüber der Frankfurter Rundschau.

Eine unbedeutende Fahrplanänderung, könnte man meinen. Doch mit dem Schnellzug "Vindobona" verschwindet eine rollende Legende von den Schienen Europas: Seit mehr als 57 Jahren verbindet der Zug, der den lateinischen Namen der Stadt Wien trägt, die österreichische, die tschechische und die deutsche Hauptstadt miteinander. Selbst politische Umstürze konnten ihn nicht stoppen: 1961, nach dem Bau der Berliner Mauer, fuhr er ebenso weiter wie nach der blutigen Niederschlagung des Prager Frühlings sieben Jahre später.

Als einer der ganz wenigen Züge überquerte er auch zu Zeiten des Kalten Krieges tagtäglich die hermetisch abgeriegelte Grenze zwischen Österreich und der Tschechoslowakei und leistete damit einen wichtigen Beitrag dazu, dass die Verbindungen zwischen den drei Hauptstädten Wien, Prag und Berlin nicht ganz abbrachen. Über alle politischen und ideologischen Grenzen hinweg wurde der "Vindobona" stets gemeinschaftlich von den drei beteiligten Staatsbahnen betrieben.

Als Paradezug genoss er außerdem das Privileg, immer die neuesten Fahrzeuge zu bekommen: Während Ende der Fünfzigerjahre noch die meisten Schnellzüge in Europa von qualmenden Dampflokomotiven gezogen wurden, fuhr der "Vindobona" mit modernen Dieseltriebwagen. Das bedeutete nicht nur mehr Komfort für Fahrgäste und Personal, sondern sparte auch den aufwändigen Lokwechsel in den Grenzbahnhöfen. Alle paar Jahre wechselten einander die drei Bahnen bei der Bereitstellung der Fahrzeuge ab und boten damit auch der Bahnindustrie eine willkommene Gelegenheit, ihre neuesten Entwicklungen zu präsentieren.

Den Anfang machte aber die DDR-Reichsbahn mit ihren Vorkriegs-Triebwagen "Hamburg" und "Leipzig", dann folgten die Tschechoslowakischen Staatsbahnen (?SD) mit neuen, aus Ungarn gelieferten Triebwagen und schließlich die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) mit ihren eleganten Ferntriebwagen "Blauer Blitz".

Ab 1966 setzte die DDR-Reichsbahn ihre neuen Dieseltriebwagen VT 18.16 ein, die später zum Symbol für den "Vindobona" werden sollten. Zwei Jahr später führten wieder die ?SD den Zug; diesmal mit fabrikneuen Triebwagen aus heimischer Produktion, die bis heute im tschechischen Schnellzugverkehr anzutreffen sind.

Einträgliches Geschäft für die DDR

Dann wären eigentlich wieder die ÖBB an der Reihe gewesen, doch wegen der fortschreitenden Elektrifizierung der Bahnstrecken in Österreich gab es keine geeigneten Dieselfahrzeuge mehr für den Paradeschnellzug. Die DDR-Reichsbahn sprang ein und führte bis 1979 den "Vindobona" mit ihren Schnelltriebwagen VT 18.16. Sehr zur Freude der Fahrgäste, die die eleganten und bequemen Fahrzeuge zu schätzen wussten. Und zur noch größeren Freude der DDR-Führung, deren Reichsbahn von den ÖBB für den Einsatz der Züge eine satte Miete kassierte und sich damit eine wertvolle Devisenquelle erschließen konnte.

Anschließend verlor der "Vindobona" seinen Sonderstatus und wird seither als klassischer Schnellzug mit einer wechselnden Anzahl von Wagen geführt. Trotzdem blieb er ein buntes und lebendiges Zeichen der Völkerverständigung: Am Zug hingen immer Waggons aller drei Bahnverwaltungen, an den Grenzen wurden außerdem die Lokomotiven gewechselt.

Auch der weitere politische Umsturz im Herbst 1989 konnte dem "Vindobona" zunächst nichts anhaben: Er fuhr unbeirrt jeden Tag von Wien über Prag und Dresden nach Berlin und wieder zurück. 1992 gab es dann aber doch eine einschneidende Veränderung: Statt der direkten Strecke über die historische Franz-Josefs-Bahn und Gmünd nimmt der Zug seither den Umweg über B?eclav (Lundenburg) und Brünn. So konnte er vom Ausbau der Eisenbahn-Transitkorridore in Tschechien profitieren, die Fahrzeit Wien - Berlin sank von über zwölf auf rund neun Stunden. Auch der Wagenpark wurde schrittweise erneuert. Trotzdem blieb der Mythos des Besonderen am "Vindobona" haften. Dazu trugen die bunte Mischung von Waggons aus drei verschiedenen Ländern ebenso bei wie der Speisewagen, der alle paar Jahre wechselte: So gab es mal böhmisches Gulasch, dann wieder Nürnberger Bratwürste und schließlich Wiener Schnitzel zu essen.

Zunächst 2001 von Berlin nach Hamburg verlängert, fährt der "Vindobona" seit Ende 2009 von Wien weiter bis Villach. Eine Folge der Bauarbeiten für den neuen Wiener Hauptbahnhof, die zahlreiche Fahrplanänderungen notwendig machten. Damit war nicht nur der längste Eurocity-Zuglauf geboren, sondern es kehrte auch eine gewisse Monotonie ein. Seither besteht der Zug nämlich nur mehr aus Wagen der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) und die Lokomotive fährt von Villach bis Prag durch.

Neuer Wiener Hauptbahnhof bringt das Aus

Der im Oktober eröffnete Wiener Hauptbahnhof ist es auch, der nun das Aus für die Schienen-Legende bringt: Ab Mitte Dezember bieten die Tschechischen Bahnen (?eské dráhy, ?D) gemeinsam mit den ÖBB einen Zweistundentakt auf der Strecke Prag - Wien - Graz an. Eingesetzt werden neue Railjet-Züge der beiden Bahnunternehmen. Für eine Exoten wie den "Vindobona" ist da kein Platz mehr.

„Um die neue komfortable Direktverbindung mit Railjets von Graz über Wien und Brünn nach Prag mit wesentlichen kürzeren Fahrzeiten etablieren zu können, muss der direkte Tagzug von Villach über Wien, Prag und Berlin nach Hamburg Altona eingestellt werden. Es gibt jedoch täglich ideale Umsteigverbindungen von Wien nach Berlin", sagte ÖBB-Sprecher Michael Braun der Frankfurter Rundschau. Neben dem Umstieg am Prager Hauptbahnhof, bei dem man allerdings eine Stunde warten muss, ergibt sich einmal am Tag auch eine Umsteigemöglichkeit mit direkten Anchluss im tschechisch-österreichischen Grenzbahnhof B?eclav (Lundenburg), bei der die Gesamtfahrzeit sogar um fast 40 Minuten kürzer ist, als mit dem direkten "Vindobona". "Und mit dem Nachtreisezug kann man auch weiterhin täglich direkt zwischen Wien und Berlin reisen", ergänzt Braun.

Immerhin lebt ein klein wenig des "Vindobona"-Geistes im neuen Angebot weiter: Die Railjet-Züge sind zwar weitgehend baugleich, aber unterschiedlich lackiert: in verschiedenen Rottönen die ÖBB-Einheiten, blau-weiß die tschechischen Waggons. Und auch im Speisewagen werden die kulinarischen Traditionen der Heimatländer weiter hochgehalten: Altwiener Paprikahuhn und Flaschenbier aus Wien-Ottakring im österreichischen Bordrestaurant, Böhmischer Sauerbraten und Pilsner vom Fass in den Zügen der tschechischen Bahn.

Noch aber fährt er, der legendäre "Vindobona". Und wenige Monate vor seiner Einstellung bekam auch er wieder ein klein wenig von seinem internationalen Flair zurück: Ende August dieses Jahres wurde die farblich zu den Wagen passende österreichische Lok gegen eine blau-silberfarbene tschechische Maschine getauscht, die seither bis nach Villach kommt und den Zug schon von Weitem sichtbar als etwas Besonderes kennzeichnet.

An seinem nahen Ende kann das freilich nichts mehr ändern: Am 13. Dezember startet der Eurocity 172 zum letzten Mal von Villach nach Hamburg, nicht einmal eine Stunde später begibt sich in Hamburg-Altona der EC 173 zum letzten Mal auf die fast 1500 Kilometer lange Reise quer durch Mitteleuropa. Danach geht der "Vindobona" im 58. Jahr seines Bestehens in die Eisenbahngeschichte ein. Und mit ihm auch die direkte Tagzugverbindung Wien - Berlin.

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