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Schneekonservierung Weiße Flocken im Sommerschlaf

Der nächste Winter kommt bestimmt – und der Schnee dafür ist trotz Hitze auch schon da.

Seefeld
In Seefeld wird seit mittlerweile drei Jahren Schnee über den Sommer konserviert - damit im Winter die Touristen in jedem Fall Ski fahren können. Foto: rtr

Der Bergwanderer wundert sich. Zwischen Wald und Wiesen türmen sich im Alpenpanorama Österreichs und der Schweiz immer häufiger mysteriöse Haufen auf. Mancherorts – in Kitzbühel etwa – sind sie mit weißer Isolierfolie abgedeckt und schimmern von Ferne wie Schnee. Der Bergwanderer glaubt, dass das in Höhenlagen unter 2000 Meter nicht sein kann. Ist er in Seefeld in Tirol unterwegs, stößt er am Fuße des Gschwandtkopfes auf ein Monster-Hügelbeet.

Ein Mulchberg, sorgsam mit Bauzäunen abgesichert, etwa so groß wie ein Tennisplatz. Grünes wächst darauf nicht. Hier wie dort ist der Bergwanderer auf eine Schneefarm gestoßen: Tief im Innern, unter Folie oder der 40 bis 60 Zentimeter dicken Holzhäckselschicht, ruht ein kostbarer Rohstoff für den Tourismus. In Seefeld legen 6000 Kubikmeter der weißen Masse eine Sommerpause ein. Wer tief durch einen der Risse der Dämmschicht hinunterlangt, kann die harten kalten Kristalle fühlen. Ihr Platz ist schattig, bettet sich an einen Nordhang, umrahmt von Nadelbäumen. Man glaubt es kaum: Selbst viele heiße Tage können der Schneeernte im Spätherbst wenig anhaben. „Der Verlust beträgt unter 25 Prozent“, sagt Ex-Profi-Langläufer Martin Tauber, der für die Pflege des Feldes in Seefeld zuständig ist.

Er ist nordischer Projektleiter beim Tourismusverband der Olympiaregion Seefeld und hat das Snowfarming, so der Fachbegriff für das Konservieren des Schnees von gestern, zwar nicht erfunden, aber vor drei Jahren nach Seefeld gebracht. Davos war früher dran, in Skandinavien ist die Methode seit Jahren üblich. Für Elias Walser, Geschäftsführer der Olympiaregion Seefeld, lohnt sich die Investition, die pro Jahr auf rund 60.000 Euro beziffert wird: „Das ist Teil unserer Strategie für den Klimawandel“, sagt er. Der Gast will Sicherheit, sonst bucht er nicht. Er will langlaufen, doch immer seltener wird es bis ins Tal hinunter weiß. Und während oben am Berg wenigstens Schneekanonen für das Weihnachtsgeschäft laufen können, droht den Loipen dauerhaftes Grün. Weil in Seefeld der Langlauf-Sport dem Alpinski längst den Rang abgelaufen hat, wiegt das besonders schwer.

Wetterextreme machen Snowfarmern zu schaffen

Naturschützer sind nicht begeistert. Sie kritisieren den Wasser-und Energieverbrauch der Kunstschnee-Industrie. Snowfarming sei umweltschonend, sagt dagegen Projektleiter Tauber. Wasser gebe es in den Bergen genug. Der Schnee werde im Spätwinter, wenn es endlich richtig kalt ist, ohne chemische Zusätze mit effizienten Schneekanonen produziert und eingelagert, nach dem Eiskellerprinzip, das frühere Generationen vor Verbreitung des Kühlschranks anwandten.

Auch einem Snowfarmer machen die Wetterextreme zu schaffen. Nicht die Wärme, die ist sogar nützlich: Das Natur-Kühlsystem funktioniert wie beim Menschen. Wenn der Schneehaufen in der Sonne schwitzt, geben die Holzschnitzel Feuchtigkeit ab, es entsteht Verdunstungskälte. Die größten Feinde des kalten Feldes sind Wind und Regen. Sturzbäche zerfurchen die Dämmung und spülen die Masse weg. Dann fällt bei den regelmäßigen Kontrollgängen sogar Farmarbeit an: Mit dem Rechen müssen die Spalten geschlossen, die Holzschnitzel wieder geglättet werden. Auch Gewitter können gefährlich werden. In Kitzbühel schlug der Blitz Ende Juni in ein Depot am Hahnenkamm ein, die Isolierung brannte, die Verluste waren groß. Doch das kommt selten vor.

Zur Erntezeit spielt die Witterung keine wichtige Rolle mehr. Sie beginnt in Seefeld Ende Oktober. Zunächst werden die Holzhäcksel abgetragen, die später die Häuser heizen. Traktoren schaffen den Schnee, der etwa 600 Lastwagenladungen entspricht, auf die nahegelegene Loipe, auf der hochautomatisierte Pistenwalzen den Rohstoff in optimaler Stärke verteilen. „Wie beim Teigausrollen“, sagt Projektleiter Tauber. Pünktlich zum Saisonstart am 11. November wird die Langlauf-Strecke zweieinhalb Kilometer lang und neun Meter breit sein. Das kann Martin Tauber garantieren. Egal, ob die Sonne scheint und der Bergwanderer noch kurze Ärmel trägt – in Seefeld fängt an diesem Tag der Winter an.

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