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Schnarchen Ein Scheidungsgrund wird museumsreif

Es ist die vielleicht größte Plage der Menschheit: Sechs von zehn Männern, vier von zehn Frauen, jedes zehnte Kind, alle schnarchen. Joseph Wirth aus Alfeld hat dem nächtlichen Horror ein Museum gewidmet.

Schnarchen
Wenn’s hilft … Neben Kugeln, Bällen, Rohren und Metallsternen im Rücken hat sich der Erfindergeist vor allem mit Masken angefreundet. Foto: Bernhard Honnigfort

April 2018, eine durchzechte Nacht in Coburg, es wird schon Morgen. Ein Pärchen, er 45 Jahre alt, sie 39, zankt sich heftig. Dann geht sie zu Bett, schläft sofort ein. Und schnarcht nicht zu knapp. Er kann nicht einschlafen, ist sauer, stupst sie nicht an oder schläft woanders. Sondern: Er dreht durch und schlägt ihr heftig ins Gesicht. Geschrei, Platzwunde, Blut, Polizei. Ob das Pärchen noch ein Pärchen ist, weiß man nicht.

Noch eine Geschichte, noch ein Pärchen. Sie spielt vor zehn Jahren in Hannover. Ein Ehepaar, ein Ehebett, er hat es zur Hochzeit gebaut. Sie holen sich einen jungen Hund, der Welpe heißt Moritz, ist süß und schläft am Fußende. Alle drei sind glücklich. Welpe Moritz wächst aber zu einem echten Kaventsmann heran, schläft immer noch am Fußende und schnarcht. Dem abgedrängten und von Schlaflosigkeit entnervten Mann reicht es irgendwann: „Der Hund oder ich“, fordert er von seiner Frau. „Der Hund“, antworte sie. Man lässt sich scheiden.

Die Geschichte vom schnarchenden Moritz ging damals durch die Zeitungen. Und nun hängt sie eingerahmt bei Herrn Josef Wirth in Langenholzen, einem hübschen alten Ortsteil von Alfeld an der Leine, an der Wand. Josef Wirth ist 67 Jahre alt, er beobachtet Vögel und Insekten, kennt sich aus mit Pilzen und Kräutern, vor allem aber weiß er Bescheid über eine der ewigen und furchtbaren Plagen der gesamten Menschheit: das Schnarchen. Wobei, so stimmt es nicht, es ist nicht die gesamte Menschheit, sondern nur der wache Teil, der geplagt ist: „Wer schnarcht, hört sich in der Regel nicht“, erzählt Josef Wirth vor dem gerahmten Zeitungsartikel über Moritz, den Scheidungshund.

Wirth ist Arzt. Internist, Studium in Hannover und Marburg, Aufenthalte in London und Boston. Und dann Alfeld. Er übernahm eine Praxis, ihm gefiel das hügelige Leinebergland, er blieb, eröffnete vor 25 Jahren im Krankenhaus als einer der ersten in Deutschland ein Schlaflabor mit sechs Betten. Sein Thema war und ist: Schlafen, Schnarchen, Schlafstörungen. Er betreibt das kleine Schlaflabor heute immer noch, außerdem das weltweit einzige Museum, das sich mit Schlafstörungen und dem Ärger drum herum befasst, das Schnarchmuseum in Langenholzen.

Nun steht er da, zur kleinen Führung bereit. Wirth ist ein überaus informierter und unterhaltsamer Mann, der selbst natürlich blendend schläft, und vergnügt im hellen Sommeranzug durch sein kleines Museum schreitet, dabei Vitrinen öffnet, dieses und jenes herausholt und lachend erzählt, dass das auch nichts nützt. „Der Sandmann kommt nicht“, sagt er immer wieder. Das heißt, es gibt keinen Retter. Das Museum besteht aus vier Zimmern im Erdgeschoss eines Hauses entlang der Hauptstraße, 1500 Besucher jedes Jahr, Asiaten, Australier, Amerikaner , alle kommen. Die Zimmer enthalten alle Schätzchen, die sich der Arzt und Sammler in den vergangenen Jahrzehnten zusammengekauft hat. Oder geschenkt bekam. 300 Stücke, mindestens, eins verrückter und eigenartiger als das andere.

„Schauen Sie mal hier.“ Wirth öffnet eine Vitrine, holt einen angeblichen Smaragd heraus. Gegen Schnarchen. Hat er im Internet entdeckt. „Soll man sich auf die Brust legen. Oder in den Rücken. Ich kaufe dieses ganze Zeug. Hilft natürlich alles nicht.“ Vitrine zu, er lacht, nächste Vitrine. „Ohrkerzen. Was für ein Quatsch.“ Er zeigt ein Plakat an der Wand. Es lädt ein zum Didgeridoospielen in Schortens in Ostfriesland. Es verspricht: „Schnarchgeräusche verschwinden, Entspannung pur, Schlafapnoetherapie wird positiv beeinflusst.“ Wirth hat das natürlich alles ausprobiert. „Quatsch“, sagt er wieder und wieder. „Wir haben hier Alphornbläser in Alfeld. Die schlafen auch nicht besser, weil sie mächtig in ihre Instrumente blasen und ihre Mundmuskeln stärken.“

Was für ein Museum. Bislang nur untauglicher Kram. Ein Ort der Hoffnungslosigkeit. Dann nimmt er etwas Seltsames in den Mund, wie ein langer Schuhlöffel, erfunden in Asien. Er sieht jetzt sehr, sehr albern aus, wie ein menschlicher Hammerhai. Er wippt mit dem Kopf von oben nach unten, das Teil quer im Mund schwingt an beiden Wangenseiten kräftig aus. So geht das eine halbe Minute lang, dann reicht es dem Arzt. Als das Ding ausgeschwungen hat, sagt Wirth nur: „Soll angeblich kräftigen und erschlafftes Gewebe straffen. Völliger Blödsinn.“

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