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Schirmmacher Der Herr der tausend Knäufe

Ausgerechnet im sonnenverwöhnten Neapel arbeitet einer der letzten Schirmmacher ganz Europas. FR-Korrespondentin Regina Kerner hat sich das Handwerk angeschaut.

Mario Talarico
Aufhören? Auch mit bald neunzig Jahren ist das für Mario Talarico keine Option. Foto: regina kerner

Um zum Meister einer fast ausgestorbenen Kunst zu gelangen, muss man in eine Gasse des verrufenen neapolitanischen Altstadtviertels Quartieri Spagnoli einbiegen. Selbst am Tag ist es hier düster, Wäsche hängt unter den Fenstern, Elektrokabel und Lichterketten baumeln zwischen den Fassaden. Vor dem Eingang zum Lädchen von Mario Talarico steht ein fast mannshohes rotes Horn aus Plastik – ein „Corno“, das nach neapolitanischem Volksglauben den „malocchio“, den bösen Blick abwenden soll.

Talarico ist einer der letzten und besten Schirmmacher Europas. Ausgerechnet im sonnenverwöhnten Neapel? Dieser Spätherbsttag beweist, dass es auch am Vesuv in Strömen regnen kann. Der 87 Jahre alte Meister sitzt mit Mütze und Schal bekleidet im Laden, in einer Ecke gleich neben dem Eingang, an der Werkbank. Mit der Zange klemmt er Metallkappen auf die Speichen eines gelb-schwarzen Stockschirms. Hinter dem Verkaufstresen steht Mario Talarico Junior, der Neffe, ebenfalls mit Mütze und Schal. Es ist kalt im Laden.

Das bunte Durcheinander von Schirmen, Knäufen und Stoffen auf wenigen neonbeleuchteten Quadratmetern wirkt wie ein orientalischer Basar. Wer sich zufällig zu den Talaricos verirrt, wird kaum auf die Idee kommen, dass er sich in der Produktionsstätte gefragter Luxusprodukte befindet. Davon zeugen nur Fotos prominenter Kunden an den Wänden.

Der Senior unterbricht seine Arbeit gerne, um zu plaudern. Er führt verschiedene Modelle handgefertigter Schirme vor, erzählt von der Geschichte des Familienbetriebs, der bereits in vierter Generation besteht, und über die Geschichte des Schirms im Allgemeinen. 1860 eröffnete sein Großvater Achille die erste Manufaktur. Anfangs fertigte er zierliche Sonnenschirme und Fächer. Auch in Neapel legten die adligen Damen damals Wert auf einen blassen Teint. Das italienische Wort für Schirm, ombrello, leitet sich nicht von ungefähr vom lateinischen umbra ab – Schatten.

Die Manufaktur Talarico wurde offizieller Lieferant des bourbonischen Königshauses auf Sizilien, dessen Herrschaft in Neapel bald durch Giuseppe Garibaldi beendet wurde, den Helden der italienischen Befreiungsbewegung. Es dauerte nicht lange, bis Talarico auch Regenschirme ins Sortiment nahm, die im 18. Jahrhundert in England in Mode gekommen waren. Zusammenschiebbare Taschenschirme wurden erst später erfunden: 1930 ließ der Deutsche Hans Haupt das Teleskop-Gestell patentieren. Seine Schöpfung nannte er „Knirps“.

Mario Talaricos hölzerne Werkbank ist eingekerbt und zerfressen. Zwei Jahrhunderte sei sie alt, sagt er. Schon sein Vater und Großvater haben daran gearbeitet. 76 Jahre ist es her, dass er sich neben den Vater setzte und begann, das Handwerk zu lernen. Da war er elf Jahre alt, eines von sieben Kindern. So lange Talarico denken kann, war er von Schirmen umgeben. „Mein Bettchen hatte mir meine Mutter in der Schublade eines großen Werkstattschranks eingerichtet“, sagt er. Wie viele Schirme er in den vergangenen 76 Jahren gefertigt hat, weiß er nicht. Etliche tausend werden es gewesen sein.

Mindestens vier Stunden dauert es, bis ein neues Modell fertig ist, drei produzieren die Talaricos im Schnitt pro Tag. An Ruhestand denkt der Senior auch mit bald neunzig Jahren noch lange nicht. Nach wie vor kommt er jeden Morgen um 6.30 Uhr in die Ladenwerkstatt und bleibt bis spät abends. „Wenn ich nicht arbeite, fühle ich mich müde“, sagt er. Der 37 Jahre alte Neffe führt die Familientradition fort. „Jemand muss ja weitermachen. Man kann 160 Jahre Geschichte nicht einfach wegwerfen“, sagt er.

In Italien gibt es nur noch eine Handvoll Schirm-Manufakturen. Talarico ist die älteste. Auch in Großbritannien wird das Handwerk noch vereinzelt gepflegt. Im Rest Europas stirbt es aus. In Deutschland wurde Schirmmacher als Ausbildungsberuf 1998 abgeschafft

Es sei ein Beruf, für den man Bescheidenheit und Kreativität braucht, sagt Talarico Senior. Kreativ sind er und sein Neffe. Ihre Palette reicht von Eleganz bis Exzentrik. Ein Modell etwa wird aufgespannt zur neapolitanischen Pizza, es ist mit Tomaten, Mozzarella und Basilikum aus buntem Stoff bestickt. Ein filigraner Damenschirm mit schwarzer und weißer Spitze und Elfenbein-Griff sieht aus wie ein edles Dessous. Die klassischen Herrenschirme haben Stöcke aus Ulmenholz, Kastanie, Zitronenbaum, Kirsch, Ginster, Bambus oder Hickory.

Die Holzstücke sind nicht geglättet, man sieht Astlöcher und Unebenheiten – eine von Talaricos Besonderheiten, die von Kennern und Sammlern geschätzt werden. Um das obere Ende für den Griff zu biegen, wird das Holz in Wasserdampf erhitzt.

Es stehen auch Griffe und Knäufe aus Knochen, Silber, ziseliertem Gold oder Leder zur Auswahl, in Form von Pferdeköpfen oder bunten Papageien. Wer will, kann seinen Schirm gar am Miniaturkopf der Fußball-Legende Diego Maradona halten. Der frühere Spieler des SSC Neapel wird in der Stadt wie ein Heiliger verehrt. Mit Maradonas Konterfei oder dem von Sophia Loren bemalt Talarico Junior auf Wunsch auch den Schirmstoff.

„Alle Schirme sind absolute Einzelstücke“, sagt Talarico Senior. Diese Exklusivität schätzten seine Kunden. Sie stammen aus ganz Europa, aus dem Nahen Osten, aus Asien und den USA. „Die ganze Welt kommt in dieses Loch in der Altstadt von Neapel“, sagt der Senior und lacht herzlich. Stolz kramt er einen britischen Bildband hervor, „Craftsmanship of Luxury“ – luxuriöse Handwerkskunst. Ein großes Kapitel darin ist den Talarico-Schirmen gewidmet. Inzwischen gibt es sie auch im eigenen Internetshop zu kaufen und über einige Portale für Stilbewusste und Luxusliebhaber.

Dabei ist ein handgefertigter Schirm durchaus erschwinglich. Talarico-Modelle gibt es schon ab 80 Euro, die teureren kosten um die 600. Der 2012 verstorbene italienische Liedermacher Lucio Dalla wollte allerdings einen arabischen Vollsilber-Stock aus dem 19. Jahrhundert. Es war die mit 20.000 Euro bisher teuerste Kreation. Benedikt XVI. dagegen bekam einen Schirm geschenkt, als er 2007 in Neapel eine Messe feierte. Die Talaricos überreichten dem deutschen Papst ein eigens für ihn gefertigtes Exemplar ganz in päpstlichem Weiß, der Griff aus Malacca-Holz, mit 48 roten Swarovski-Steinen besetzt.

So gar nicht zum Image passt, dass der Traditionsbetrieb auch die Produkte der schärfsten Konkurrenz im Angebot hat: Billigware aus Fernost, woher inzwischen 98 Prozent aller Schirme weltweit stammen. „Nur fünf Euro“ steht auf dem Schild des Ständers mit pinkfarbenen Taschenschirmen. Es sind die gleichen „Made in China“-Modelle, die pakistanische Straßenhändler an diesem Regentag auch überall in Neapels düsteren Gassen verkaufen.

„Wir müssen halt auch die Gelegenheitskundschaft zufriedenstellen“, erklärt Talarico Senior entschuldigend. Sein Neffe schüttelt energisch den Kopf – er hält das für die falsche Geschäftsstrategie. „Aber die Leute sollen bloß nicht glauben, dass sie damit sparen“, sagt der Ältere dann mit verächtlichem Seitenblick auf die Fünf-Euro-Schirme. „Die Dinger können Sie nach zwei Tagen wegwerfen.“

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Italien

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