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Schauspieler und Sänger Die geliebte Stimme

Manfred Krug hatte viele Karrieren – und blieb eines der markantesten Gesichter der deutschen Popkultur. Ein Nachruf.

In seiner Paraderolle: Manfred Krug während den Dreharbeiten zu "Liebling Kreuzberg". Foto: dpa

Einmal präsentierte Manfred Krug in einer Talk-Show Feuerzeuge, die er sich hatte herstellen lassen und nun großzügig verteilte. „Die Kritiker schreiben, ich hätte keine große Bandbreite als Schauspieler“, erklärte er dazu. „Deshalb habe da drauf drucken lassen: ‚Manfred Krug. Immer derselbe.‘“

Fernsehzuschauer, die ihn 38 Mal als Hamburger Tatort-Kommissar Stoever erleben konnten, hätten ihm da nicht widersprochen. „Auf Achse“ war er gar in 79 von 86 Folgen der Fernfahrerserie, die zwischen 1977 und 1996 produziert wurde.

Manfred Krug wusste, dass er eine Marke war. Wie wohl kein zweiter verkörperte er eine Idee urdeutscher Zuverlässigkeit, die auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs gleichermaßen geschätzt war. Es war die lässige Professionalität des gelernten Stahlschmelzers mit dem Abendschulabitur, der wusste, was er drauf hatte. Die Narbe, die ihm von einem Spritzer heißen Stahls auf der Stirn geblieben war, wurde zu einem Markenzeichen.

Man musste ihm nicht erklären, wie man einen Brummi fährt. Wie neben ihm vielleicht nur Götz George war Krug ein Idol aller Schichten. Geboren am 8. Februar 1937 als Sohn eines Eisenhütten-Ingenieurs in Duisburg, bewahrte er sich eine proletarische Noblesse, die gleichwohl zu allen Schichten sprach.

Diese kultivierte Hemdsärmeligkeit brachte ihm 1996 auch seine wohl bestbezahlte und zugleich umstrittenste Rolle ein – als Werbefigur eines ehemaligen Staatskonzerns beim Börsengang. Mancher brave Bürger, der sich nie für Finanzprodukte interessierte, dürfte sich heute wenig aus einem Manfred-Krug-Nachruf machen: Er oder sie haben ja noch die glücklosen Telekomaktien, um sich an ihn zu erinnern.

Krugs größter Erfolg war auch zugleich sein größter Fehler: Wer in seinen Filmen Menschen verkörpert, die mit den Händen arbeiten, sollte nicht dafür Reklame machen, das Geld für sich arbeiten zu lassen. Erst 2007 entschuldigte er sich in einem „Stern“-Interview „aus tiefstem Herzen bei allen Mitmenschen, die eine von mir empfohlene Aktie gekauft haben und enttäuscht worden sind“, seine eigenen Aktien behalte er als „Selbstbestrafung“. Die Telekom löste daraufhin den Vertrag.

Besser spät als nie zeigte sich Krug da von seiner anderen, der subversiven Seite, die hinter der Verlässlichkeit brodelte. In seiner zweiten Karrierehälfte war davon eher wenig zu spüren, aber in der DDR, wohin er 1949 gezogen war, hatte Krug ein ganz anderes Image. Sein Studium an der Staatlichen Schauspielschule Berlin musste er wegen „disziplinarischer Schwierigkeiten“ beenden, als Eleve kam er bei Brechts Berliner Ensemble unter. Schlagartig bekannt wurde er 1960 an der Seite Erwin Geschonnecks in Frank Beyers Kinofilm „Fünf Patronenhülsen“, einer Heldengeschichte aus dem Spanischen Bürgerkrieg.

In Frank Beyers späterem Film „Spur der Steine“ spielte er dann die Hauptrolle eines Zimmermanns und Brigadeleiters auf einer Großbaustelle. Fast kann man auch in diesem bedeutenden Defa-Drama einen Kriegsfilm sehen – es ist die klassische Geschichte eines nonkonformistischen Überfliegers, der Anweisungen ignoriert und so zum Helden wird. Drei Tage konnten sich DDR-Bürger daran ein Vorbild nehmen, dann wurde der Film verboten. Krug meisterte den Rückschlag, indem er sich vollkommen neu erfand: Als Sänger jazziger Chansons wurde er populärer als je zuvor.

Wann immer behauptet wird, Harald Juhnke sei Deutschlands bester Entertainer gewesen, muss man nur eine der bei Amiga erschienen Krug-LPs hervorziehen. Er hatte das Geheimnis von Frank Sinatra und Mel Tormé wirklich verstanden, das eben nicht in der schmalzigen Übertreibung, sondern der völligen Zurücknahme und subtil zurückgenommenen Phrasierung liegt. Da war sie wieder, diese Lässigkeit, die Krug in seinen Filmrollen meisterlich ausspielte, hier aber wurde eine eigene Kunst daraus. Wer Manfred Krug kennenlernen will, sollte sich eine Nummer wie „Du bist heute wie neu“ anhören.

Es gehört für mich zu den bleibenden Merkwürdigkeiten der Wiedervereinigung, dass man 1990 urplötzlich die in der DDR so begehrten Krug-LPs für eine D-Mark auf Wühltischen finden konnte. Es war Krug zu gönnen, dass er in seinen späten Jahren die Anerkennung für seine Bedeutung als einer großen deutschen Jazz-Sänger bekam, die er verdiente.

In der DDR hatte ihm sein früher Ruhm wenig genutzt. Im Gegenteil: Sein öffentlicher Protest gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns brachte ihm 1976 ein Teil-Berufsverbot ein, etwa vier Monate später stellte der von der Stasi Beschattete einen Ausreiseantrag. Der Rest ist, wie man so sagt, Geschichte: Ein bruchloser Neuanfang, erst in der Sesamstraße, gleich darauf als Fernfahrer Franz Meersdonk in „Auf Achse“.

Als Rechtsanwalt in „Liebling Kreuzberg“ war Krug endgültig der westdeutsche Fernsehliebling. Auch auf Schallplatte konnte man ihn wieder hören, allerdings taten es nur wenige Eingeweihte. Die aber hielten es mit dem Titel des 1979er Albums, auf dem sie eine der schönsten deutschen Stimmen entdecken konnten: „Da bist du ja.“

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