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Schauspieler mit Down-Syndrom Lass uns lieber Freunde sein

Der Spanier Pablo Pineda ist Schauspieler, Student und Liebender – mit Down-Syndrom. Für seine Rolle im spanischen Film „Yo también“ wurde er mit der Goldenen Muschel ausgezeichnet.

„Ordentlich vögeln wie jedermann“, möchte Pablo Pineda im wahren Leben – genau wie in dieser Filmszene aus „Yo también“. Foto: Movienet Film

Ich bin reifer geworden“, sagt Pablo Pineda. Das ist überraschend, weil er seit Jahren Vorträge hält und Interviews gibt und dabei auch bisher keine Anzeichen von Unreife erkennen ließ. Aber der Film, sein Film, hat ihm noch einmal einen Schub gegeben. Jetzt ist Pablo Pineda nicht mehr nur der erste Junge mit Down-Syndrom, der Abitur gemacht hat, und dann der erste junge Mann mit Down-Syndrom und Universitätsabschluss, jetzt ist Pablo Pineda: Der Schauspieler. „Schon vor dem Film haben mich die Leute auf der Straße erkannt und angehalten“, erzählt Pineda. Aber jetzt sagen sie: „Du bist der Schauspieler! Und ja, stimmt: Ich bin der Schauspieler.“

Auf dem Filmfestival von San Sebastián im Herbst wurde Pineda für seine Rolle als Daniel in dem spanischen Film „Yo también“ („Ich auch“) mit der Goldenen Muschel als bester männlicher Hauptdarsteller ausgezeichnet, den Preis für die beste weibliche Hauptrolle bekam seine Filmpartnerin, die geniale Lola Dueñas (bekannt aus „Das Meer in mir“ und „Volver“). „Yo también“ erzählt die Geschichte von einem Mann mit Down-Syndrom und seiner Liebe zu einer Kollegin ohne Down-Syndrom. Die Regisseure und Autoren, Antonio Naharro und Álvaro Pastor ließen sich für die Figur des Daniel von Pinedas Leben inspirieren: Pineda spielte aber nicht sich selbst, er schlüpfte in die Rolle eines anderen, der ihm ähnlich ist.

Sieht er sich selbst als Schauspieler? „Ich war Schauspieler, als ich den Film gemacht habe. Aber ich will in Zukunft keiner sein.“ Stattdessen bereitet sich Pineda für eine Aufnahmeprüfung in den Staatsdienst vor, „ich möchte etwas Soziales tun, etwas, was den Leuten hilft“. Seine außergewöhnlichen Erfolge an der Schule und an der Universität haben Pineda in eine Position gebracht, die er sich nicht ausgesucht hat, aber mit Selbstverständlichkeit ausfüllt: die des Vorkämpfers für ein „Kollektiv“, wie er selbst die Gruppe der Menschen mit Down-Syndrom nennt. „Ich glaube, dass man weiter kämpfen muss für die gesellschaftlichen Werte“, sagt er.

Kein hoffnungsloser Fall

Seinem Kollektiv steht eine Gesellschaft gegenüber, zu der Pineda ein gespaltenes Verhältnis hat. Wenn er sagt, dass er reifer geworden sei, dann meint er damit auch eine neue Haltung zu den anderen: „Ich laufe nicht mehr mit der Idee rum: Ui, wie schlimm ist die Gesellschaft, wie feindselig. Ich habe mich geändert. Die Schuld für meine Probleme ist nicht nur die der anderen, sie kann auch meine sein.“ Pablo Pineda ist, wer er ist, auch weil ihn Eltern, Lehrer, Mentoren unterstützten, die ihn mit der Diagnose Down nicht als hoffnungslosen Fall abstempelten. So wie es sonst eine Gesellschaft tut, der Pineda dann doch die Leviten liest: „Die Gesellschaft hat immer einen Teil der Schuld. Sie ist es, die uns vorverurteilt hat, die gesagt hat, dass wir nicht lernen könnten, dass wir behindert seien oder zurückgeblieben oder geistesgestört. Sie klebt die Etiketten auf. Sie baut dir alle Hürden auf. Wenn der Arzt den Eltern mit bedenklicher Stimme sagt: “Hm, Ihr Sohn, Ihr Sohn... hat das Down-Syndrom.“

Das ist Pinedas wichtigste Botschaft: dass Eltern nicht alle Hoffnung fahren lassen, wenn ihr Kind das Down-Syndrom hat, sondern ihm alle Förderung angedeihen lassen, die ihnen möglich ist. Das Down-Syndrom ist eine genetische Anomalie, bei der das 21. Chromosom dreifach vorhanden ist. In seltenen Fällen besitzen die Betroffenen auch normal entwickelte Zellen mit dem üblichen Chromosomensatz, dann spricht man von einer Mosaik-Trisomie. „Man sagt, dass die Mosaik-Leute mehr Fähigkeiten haben als die anderen“, erklärt Pineda. „Aber ich bin kein Mosaik-Fall. Ich bin pur, ich bin normal.“

Ein normaler Fall von Down-Syndrom. Er wird immer wieder gefragt, ob also alle Down-Kinder Abitur machen und studieren könnten. Dann lacht er und sagt, dass es auch andere Berufe gäbe, für die man kein Akademiker sein müsse. Pineda lacht viel. Er hat eine kräftige Stimme, seine Worte unterstreicht er mit ausholenden Gesten. Seine Aussprache ist verwaschen, Folge des Down-Syndroms. Und ja: Man sieht ihm das Down-Syndrom an, er hat das typische runde Gesicht und die mandelförmigen Augen, und zu dick ist er auch, findet er.

Die angebotene Rolle in „Yo también“ hat Pineda angenommen, weil er ahnte, dass der Film helfen würde, die übliche Wahrnehmung der Leute ohne Down-Syndrom von Leuten mit Down-Syndrom zu verändern. Jetzt kommt die Liebesgeschichte unter dem Titel „Me too – wer will schon normal sein?“ in die deutschen Kinos. „Und warum willst du normal sein?“, fragt die begehrte Arbeitskollegin Laura den von Pineda gespielten Daniel. Im richtigen Leben hat Pineda eine Antwort: „Ich will normal sein, um im öffentlichen Dienst zu arbeiten wie jedermann. Um ordentlich zu vögeln wie jedermann. Es gibt so viele Dinge!“

Schön ist anders

Mit der Liebe hat es noch nicht geklappt. Er verliebt sich immer in die Schönsten, die Unerreichbaren. „Und die schauen mich an und sagen: Lass uns lieber Freunde sein.“ Ein Satz, den kein Mann hören möchte. Vielleicht macht er etwas falsch. „Kann sein. Die Down-Syndrom-Leute... sehr schön sind wir nicht, ehrlich gesagt.“ Aber den Traum von der Liebe gibt er nicht auf. „Ich wollte immer eine Partnerin haben, und jetzt noch mehr. Es kommt der Moment, wo du dieses Bedürfnis hast, von jemandem begleitet zu sein, der dich liebt. Ich hoffe, das zu erleben. Ich werde nicht stillstehen, bis ich es geschafft habe.“

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