Lade Inhalte...

„Sauberkästen“ Für jeden Dreck zu haben

Putzmittel zum Selbermischen: Zwei Erfinderinnen aus Leipzig präsentieren ein simples Reinigungsset wie zu Omas Zeiten. Mehr braucht es nicht, damit die Bude glänzt.

Aus sechs Grundzutaten lässt sich alles mixen.

Am Anfang standen Verärgerung und Rätselraten: Himmel, was ist das alles? Natriumsulfat? Phosphate? Methylisothiazolinone? Sodium Lauryl Sulfate?

Drei Jahre ist es her, als sich Studentin Jeanette Schmidt beim Blick in ihren Putzschrank das fragte. Fensterreiniger, Fliesenreiniger, Bodenreiniger, Toilettenreiniger, Spülmittel – braucht man das alles? Und taugt es, was es verspricht? Gibt es nichts Einfacheres? „Ich habe festgestellt, dass ich bei allem, was an meinen Körper kommt oder was ich esse, schon sehr darauf achte, was es ist und was es enthält“, erzählt Jeanette Schmidt. Aber über all die verwendeten Putz- und Waschmittel, die im Abfluss verschwinden, hatte sie sich noch nie richtig Gedanken gemacht. Ein Gespräch mit der Oma sorgte für Klarheit. Es geht auch anders, es geht auch mit deutlich weniger, weil es früher, als das Alltagsleben auch nicht sauberer war, auch ging. So wurde aus dem Unbehagen der 27-Jährigen Designstudentin an der Hochschule Anhalt in Dessau eine Bachelorarbeit, ein Projekt über mehr Nachhaltigkeit im eigenen Haushalt.

Weniger ist mehr

Sie solle mal ihren Alltag überprüfen, riet ihr eine Professoren. Das tat Schmidt und kam zu dem Schluss: Es geht auch anders. Weniger ist mehr. Familie, Freunde, Studenten und Professoren fanden ihre Alltagsforschung gut. Henriette Grewling, 28 Jahre alt, eine Freundin aus Mannsfelder-Land-Kindertagen und Lehramtsstudentin, machte mit.

Aus dem Unbehagen beim Blick in den heimischen Putzschrank war Ende Februar 2016 tatsächlich etwas Vorzeigbares geworden, ein handliches Holzkästchen mit Tragegriff, darin Kernseife, Soda, Zitronensäure, Essig, Natron, ätherische Öle. Der Sauberkasten mit sechs Grundzutaten, aus denen sich alles mixen lässt, was ein Haushalt braucht, wenn er sauber bleiben will.

Mehr muss es nicht sein“, erzählt Jeanette Schmidt im kleinen Büro ihrer kleinen Firma, untergebracht in einem alten Fabrikgebäude in Leipzig, wo sich gerade etliche Jungunternehmer und Jungunternehmerinnen an der eigenen Zukunft versuchen.

Reiniger selber machen? Das klingt komplizierter, als es ist. „Man muss kein Chemiker sein“, erzählt ihre Freundin Grewling. „Was man braucht, lässt sich ruckzuck und einfach zusammenmixen.“ Alles ist möglich: Vielzweckreiniger, Spülmaschinenpulver, Scheuerpaste oder Glasreiniger, alles lässt sich aus den wenigen Grundsubstanzen herstellen. „Die Herstellung des Waschmittels dauert zehn Minuten, mehr nicht“, erzählen die Jungunternehmerinnen.

Seit Sommer 2017 gibt es ihre kleine Firma. Mit Crowdfunding ging es los, 10 000 Euro brauchten die beiden für den Start, schnell waren 42 000 Euro und unzählige Bestellungen beisammen. „Schon nach einer Woche hatten wir Bestellungen für 300 Kisten“, erzählt Schmidt. Interessiert am Kästchen seien ökologisch orientierte Menschen, meist jüngere, aber auch ältere Herrschaften, die so etwas Einfaches noch von früher kennen würden.

Bestellt wird übers Internet. Oder jemand klopft ans Bürofenster und ordert mal schnell zwei Kisten, wie an diesem Frühlingstag. Die nötigen Substanzen kaufen die beiden Unternehmerinnen überall zusammen: Natron und Zitronensäure beim Großhändler, die Kernseife, hergestellt aus Olivenöl, von einer Firma aus dem Sauerland mit Verbindungen nach Griechenland. Essig liefert eine Firma aus Klingenberg bei Dresden. Eingetütet und zusammengepackt wird von zwei Behindertenwerkstätten in Leipzig.

Etwa 1500 Sauberkästen haben die beiden schon verkauft. Es gibt sie in drei Ausführungen, einer Basisversion ohne Holzkiste für 35 Euro, einer Klassikversion für 50 Euro und der Premiumkiste für 65 Euro, in der dann auch Trichter, ein Naturschwamm, Sprühaufsätze für Flaschen und Gummihandschuhe dazugehören. Auf Plastikverpackung wird ausdrücklich verzichtet.

„Ein schönes Kistchen“, findet Schmidt. „Wenn jemand nachhaltig handeln, über Inhaltsstoffe Bescheid wissen und gleichzeitig bequem sein will, genau das Richtige.“ Sie schätzt, dass ein Haushalt aus zwei bis drei Personen und mit einem Badezimmer bei normalem Putztrieb gut sechs Wochen mit einem Sauberkasten auskommt.

Vom Social Impact Lab, einem Leipziger Gründerzentrum, bekamen die beiden Frauen ein Stipendium, außerdem guten Rat und Hilfestellung beim Start ins Geschäftsleben. Leben können die beiden Freundinnen trotzdem noch nicht vom Erlös aus ihrem Kistenverkauf. Auch wenn das junge Start-up-Unternehmen gut angelaufen ist und die Nachfrage steigt. „Mal sehen“, sagen die beiden, im Hinterkopf grübeln sie bereits über ein neues Projekt: Körperpflegeprodukte. Über deren Inhaltsstoffe sollte man eigentlich auch einmal nachdenken. Und man könnte sicherlich auch die Oma dazu befragen.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen