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San Giovanni Rotondo Wallfahrtsort in der Pilgerkrise

Das Gedenken an den Heiligen Padre Pio lockte einst Millionen Besucher nach San Giovanni Rotondo. Heute gleicht das italienische Dorf einer Geisterstadt.

Bröckeliger Beton und verwaiste Glaubensmonumente bestimmen das Bild der süditalienischen Pilgerstadt. Foto: picture-alliance / KNA

Trost. So heißt eines der Hotels. Gleich um die Ecke laden „Die Heiligen“, „Frieden“, „Zum Abt“ und „Großes Paradies“ zur Übernachtung ein. Das Neubaugebiet am Rand der Kleinstadt San Giovanni Rotondo besteht fast nur aus Hotels. Aber es sieht aus wie eine Geisterstadt. Überall sind die Jalousien heruntergelassen, Mauern im Rohzustand verwittern schon wieder. Auf den Balkonen des rosafarbenen Vier-Sterne-Hauses „Savoia“ liegen zerbrochene Stühle. Hundert Meter weiter flattert an einer frisch getünchten Fassade ein Laken, das mit Zimmerpreisen von 25 Euro wirbt.

San Giovanni Rotondo liegt auf der süditalienischen Halbinsel Gargano in Apulien. Auf dem kargen Hochplateau ringsum lebten früher Schafhirten und Olivenbauern, San Giovanni Rotondo war ein Dorf. Früher, das heißt bis in die 20er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Bis der Bauernsohn und Mönch Francesco Forgione, der 1916 ins nahe Kapuzinerkloster einzog, als Wunderheiler Padre Pio zur Legende wurde. Heute ist San Giovanni Rotondo einer der größten Wallfahrtsorte Europas. Noch vor wenigen Jahren kamen mehr Menschen hierher als nach Lourdes. Doch jetzt steckt San Giovanni Rotondo in der Pilger-Krise.

An diesem Sommermittag sind Anthony Hanlon und seine Frau Maureen die einzigen Touristen im staubigen Regionalbus. Von der Provinzhauptstadt Foggia kommend kriecht er die Serpentinen zum Gargano hoch und öffnet durch milchig-trübe Scheiben den Blick auf die Weizen- und Gemüseplantagen der apulischen Ebene. Anthony und die blasshäutige Maureen sind eigens für zwei Tage aus Irland angereist. Der Trip ist anstrengend. Aber für Anthony ist er eine Suche nach seinen religiösen Wurzeln. „Meine Eltern waren tief gläubige Katholiken“, erzählt der 55-Jährige, „unsere Wohnung hing voller Padre-Pio-Bilder, sie verehrten ihn. Er ist sehr populär in Irland…“. Nun wollen er und seine Frau sich endlich den Ort anschauen, an dem dieser Mann Wunder vollbrachte – und ihn selbst sehen. Seit Juni ist der präparierte Leichnam ausgestellt. „Wer weiß – vielleicht wird mein Glaube wiedererweckt“, sagt Anthony, der als Uni-Dozent arbeitet. Er zwinkert dabei.

Padre Pio ist vor allem im Süden Italiens der große Volksheilige, der Superstar. Seine Statue steht auf der Piazza, sein Bild hängt in Restaurants, Lkw-Fahrer kleben es an die Scheibe, in Geldbeuteln wird es als Talisman herumgetragen: Ein Mönch mit grauem Bart, brauner Kutte und fingerlosen Handschuhen, mit großen, dunklen, milden Augen. Nach einer Umfrage der katholischen Zeitschrift Famiglia Cristiana beten mehr italienische Gläubige zu Padre Pio als zu Jesus Christus oder der Mutter Gottes.

Kommerzialisierter Massenkult

Francesco Forgione alias Padre Pio wird 1887 als siebtes von acht Kindern geboren. Schon als Junge hat er Visionen von Jesus und Maria. Später plagen ihn stechende Schmerzen, an Handflächen und Fußrücken tauchen rätselhafte Flecken auf. Mit 15 Jahren wird er Mönch, mit 23 Jahren Priester. Mit knapp 30 schicken die Kapuziner den kränklichen Mitbruder wegen eines Lungenleidens ins 560 Meter hoch gelegene Kloster von San Giovanni Rotondo. Dort beginnen die Flecken 1918 zu bluten – wie die Kreuzigungsmale Jesu. Die Kunde verbreitet sich rasch: Es gibt einen Priester mit Stigmata, einen Wiedergänger Christi, er ströme einen unerklärlichen Duft nach Veilchen aus. Dann tauchen Berichte über wundersame Heilungen auf und darüber, dass man ihn an zwei Orten gleichzeitig gesehen haben will. Scharen von Gläubigen, von Kranken und Verzweifelten machen sich auf zum charismatischen Padre. Da die Wunder und die Krankenbetten nicht ausreichen, lässt er in den 50er Jahren von den Spenden ein Spital errichten. „Sollievo della sofferenza“ heißt es – Linderung des Leidens. Wie ein Schloss überragt es bis heute das Städtchen. Padre Pio stirbt am 23. September 1968.

Der Kult um ihn wird zum Massenkult, der bald kommerzialisiert wird. Pensionen, Restaurants, Souvenirstände entstehen. Aber zum Eldorado wird San Giovanni Rotondo erst kurz vor der Jahrtausendwende. Da wird klar, dass die katholische Kirche Padre Pio offiziell als Heiligen anerkennen will.

Bürgermeister Luigi Pompilio erinnert sich gut. Der Ort wurde von Reisebussen fast überrollt, bis zu acht Millionen Menschen kamen jährlich. Ein Padre-Pio-Wachsfigurenmuseum entsteht, ein Kongresszentrum, ein Altersheim. Die Kapuziner gründen den Fernsehsender Padre-Pio-TV, ein Padre-Pio-Radio, die Zeitschrift „Stimme Padre Pios“.

„Alle im Ort wollten Hoteliers werden“, sagt der Bürgermeister. Rücksichtslos sei alles zubetoniert worden. 2002 hatte die Kleinstadt mit 27 000 Einwohnern zweihundert Hotels. Der Bürgermeister, ein Vertreter der Berlusconi-Partei PdL, ist ein Mittfünfziger im perfekt sitzenden Anzug. Er analysiert die Fehler der Vergangenheit schonungslos – was immer einfach ist, wenn man anderen die Schuld geben kann. Seine Vorgänger, sagt Pompilio, die Sozialdemokraten und Kommunisten, hätten an dem Immobilien-Rausch kräftig mitverdient. Er selbst ist erst seit zwei Jahren im Amt.

Inzwischen kommen nur noch fünf Millionen Pilger, ein Einbruch von fast 40 Prozent. Mehr als fünfzig Hotels, noch mehr Restaurants und Geschäfte mussten schließen. Aus Baustellen wurden Bauruinen. „Völlige Fehlplanung“, sagt Pompilio. 150 Hotels liefern sich nun einen Preiskampf. „Statt Italienern beschäftigen sie billige Rumänen“, sagt der Bürgermeister. Die örtlichen Gewerkschaften schlagen Alarm. Mehr als die Hälfte der Leute im Ort habe keinen Job.

Hat Padre Pio etwa seine Anziehungskraft verloren? „Oh nein“, sagt der Bürgermeister, „es ist die Wirtschaftskrise“. Und vor allem: Es ist die Verknüpfung von Wunderglaube und sozialem Status. „Es sind doch eher die Armen, die Beistand in einer Wallfahrt suchen.“ Die Krise in Italien habe vor allem die einfachen Leute getroffen. Nun halten sie ihr Geld zusammen, beten zuhause zu ihren Padre-Pio-Bildern. Oder sie kommen nur für ein paar Stunden, übernachten nicht und bringen belegte Panini mit.

Anthony Hanlon und seine Frau Maureen gehören zur anderen, seltenen Kategorie von Besuchern. Sie haben von Irland aus eine Unterkunft reserviert, im Vier-Sterne-Haus „Großes Paradies“. Das Superior-Doppelzimmer mit modernem Design, Balkon, Klimaanlage kostet 39 Euro zu zweit inklusive Frühstücksbuffet. Einen Swimmingpool gibt es auch.

2008 exhumiert

Giovanni Fini, 32 Jahre alt, ist Juniorchef des Familienbetriebs. Das Hotel ist eines der wenigen, das noch gut läuft, sagt er stolz, jahrzehntelange Erfahrung stecke dahinter – und Padre Pios Gabe, die Zukunft vorherzusehen. Gleich nach dem Zweiten Weltkrieg habe seine Großmutter eine Pension eröffnet. „Dazu geraten hat ihr Padre Pio, im Beichtstuhl. Mach ein Gästehaus auf, sagte er. Du wirst sehen, es werden noch viel mehr Menschen hierher kommen“, sagt Fini Das Haus ist heute ein Hotel mit 200 Zimmern. Allerdings sind übers Jahr höchstens 80 davon belegt.

Anthony und Maureen haben sich auf den Weg zur Wallfahrtsbasilika gemacht, in deren Krypta Padre Pio liegt. Der Vorplatz aus weißem Kalkstein, der 30.000 Menschen Platz bietet, liegt verlassen unter der gleißenden Sonne. Ein Dutzend Besucher verliert sich auf der fußballfeldgroßen Fläche unter einem 40 Meter hohen Granitkreuz. Die vom Stararchitekten Renzo Piano entworfene und 2004 eingeweihte Basilika San Pio da Pietrelcina mit ihren 6000 Plätzen und der kupferfarbenen Dachkonstruktion ist leer. Das millionenteure Projekt und die kühne, eindrucksvolle Architektur hat der Kapuzinerorden aus Spenden von Pilgern finanziert. In seinen übertriebenen Dimensionen ist es ein Symbol für etwas, das sich nicht nur in San Giovanni Rotondo manifestiert: Wie aus naivem Glauben, frommem Eifer, blinder Verehrung und Lebenskrisen Geld gemacht wird. Das Gewölbe der unterirdischen Krypta ist mit echtem Blattgold überzogen.

Padre Pio im Glasschrein sieht klein aus. Das Gesicht mit der markanten Nase und dem langen Bart wirkt erstaunlich lebendig. Die Figur, die Mumie, was immer es ist, trägt eine braune Kutte, die Füße stecken in schwarzen Plastiksandalen. 2008 war die Leiche exhumiert worden, „kaum verwest“, wie der zuständige Bischof Domenico d’Ambrosio verkündete. Der Körper wurde mit Alkohol, Formalin und Paraffinbinden präpariert, das Gesicht mit einer Silikonmaske bedeckt.

Die Mischung aus Leichnam und geschickter Nachbildung war damals schon einmal öffentlich ausgestellt, einige Monate nur. Die Leute standen zu Tausenden Schlange. Seit Juni wird Padre Pio dauerhaft gezeigt – ein offensichtlicher Versuch des Ordens, das lahmende Geschäft mit den Pilgern anzukurbeln.

An diesem Nachmittag gibt es keine Warteschlange. Eltern mit Kindern, Männer in kurzen Hosen und Badelatschen, Frauen, die sich weinend bekreuzigen, laufen langsam am Schrein vorbei. Man fasst die Scheibe an, drückt sich die Nase platt, zückt die Handys für Erinnerungsfotos mit dem Einbalsamierten. Ein kleiner Junge fragt: „Ist der tot?“ Seine Mutter drückt ihm einen Zehn-Euro-Schein in die Hand. Er soll das Geld in den Behälter unter dem Sarg werfen, in dem sich Zettel, Briefe, Fotos, Münzen, Scheine häufen.

Insgesamt sind die Spendeneinnahmen um etwa 15 Prozent gesunken, heißt es aus dem Orden. Dabei ist das Geldsammeln perfektioniert. Rund um die Basilika sind Boxen aufgestellt, es gibt Kerzenautomaten und am Ausgang der Krypta einen Schalter, an dem bei einer Nonne direkt eingezahlt werden kann, wie in einer Bank. Eine Broschüre macht Vorschläge: „Wähle deine Gabe, wie es dir dein Herz rät“, mit 6 000 Euro etwa lasse sich ein Beichtstuhl finanzieren.

Dem Vatikan war das Treiben des Wundermönchs und seines Ordens lange suspekt. Padre Pio galt als Betrüger, Hysteriker, Fanatiker. Mehrfach überprüften Ärzte seine Wundmale. Zeitweise war ihm verboten, Messen zu feiern. Noch 1960 war Papst Johannes XXIII. überzeugt, hinter dem Phänomen stecke ein „weitreichendes Seelenchaos“ und „immenser Betrug“. Doch dann kam der polnische Papst Karol Wojtyla – der Mann der Volkskirche, der Wunder und des Heiligenkults. Wojtyla sorgte dafür, dass Pio 2002 in Rom heiliggesprochen wurde.

Sieg um das Herz

Umstritten ist er immer noch – als Fundamentalist und Reaktionär, der in den 20er Jahren den Faschismus unterstützte. Der Turiner Historiker Sergio Luzzatto veröffentlichte vor drei Jahren ein Buch, in dem er nachweist, dass Pio sich regelmäßig in der örtlichen Apotheke Säure besorgte. Er könnte sich damit die Handflächen verätzt – oder Geräte desinfiziert haben.

Padre Pios glühende Verehrer würden nicht einmal den Gedanken an Betrug zulassen. Was gibt ihnen der graubärtige Mönch? Diejenigen, die aus der Krypta wieder ins Tageslicht treten, finden schwer Worte. „Es ist der Glaube, der Glaube“, stammelt eine junge Frau. „Man kann ihn um Hilfe bitten“, sagt der 28 Jahre alte Marco. Ein gebrochenes Herz, Familientragödien, Krankheit, Existenzangst – es gibt viele Gründe, Hilfe zu erflehen. Selbst der Bürgermeister wird emotional, wenn es um sein Verhältnis zu Padre Pio geht. Sein älterer Bruder ist als Dreizehnjähriger ins Kloster eingetreten, erzählt er, nach einem Gebet zu dem Heiligen und gegen den Willen der fassungslosen Mutter. „Ich war zwölf und habe gesehen, wie ein fast überirdisches Leuchten auf dem Gesicht meines Bruders lag.“

Und dann spricht er von seinem kürzlich errungenen Triumph: dem Sieg im Kampf um das Herz von Padre Pio. Im Juni hatte der Kapuzinerorden verkündet, man wolle das Herz herausschneiden, um es in Padre Pios 170 Kilometer entfernten Geburtsort Pietrelcina zu beerdigen. „Die Mönche besitzen viel Land dort, sie wollten einen zweiten Wallfahrtsort aufbauen, weil hier alles abgegrast ist.“ In San Giovanni Rotondo formierte sich der Protest. Noch jetzt schüttelt er empört den Kopf. „Man kann doch nicht im 21. Jahrhundert Reliquienkult um Körperteile betreiben. Das hätte uns in den Augen der Welt lächerlich gemacht“. Am Ende beschied der Erzbischof, dass das Herz bleiben müsse, wo es ist.

Anthony und Maureen Hanlon stehen am nächsten Mittag zur Abreise bereit an der Busstation. Und, hat Padre Pio denn nun den Glauben wieder erweckt in Anthony Hanlon? Der Ire lacht. „Es ist durchaus beeindruckend hier“, sagt er, „aber auch skurril.“ Und nein, religiös geworden, das sei er nicht. Er klingt irgendwie enttäuscht.

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