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San Francisco Unter der goldenen Brücke

In San Francisco sind die Mietpreise außer Kontrolle geraten. Selbst ein sechsstelliges Jahresgehalt reicht kaum für ein Leben in der Mittelschicht.

Golden Gate Bridge
Die Golden Gate Bridge, und San Francisco: Einst Sehnsuchtsort der Hippies, sehnen sich hier heute selbst gut bezahlte IT-Leute nach einem Dach über dem Kopf. Foto: afp

Die Eingangstür des Hauses ist durch zwei Schlösser und ein Gitter gesichert. Nach einem Druck auf den Klingelknopf steht man im schmucklosen Flur. „Wohnungsbesichtigung?“, fragt ein ungepflegter Mann ebenso mürrisch wie desinteressiert: „Fünfter Stock, den Gang lang, rechte Seite.“

Der Teppich im Treppenhaus ist abgewetzt. Es stinkt nach Urin. Ein junger Mann inspiziert gerade das Einzimmerappartement. Rund zwanzig Quadratmeter dürfte es groß sein, immerhin hell, aber verwohnt mit Laminatboden und billiger Küche. Aus dem Fenster blickt man auf die Hyde Street, deren Bürgersteige von fliegenden Händlern, Obdachlosen und Drogenabhängigen belagert werden. Der Problembezirk Tenderloin gleich hinter dem prächtigen Beaux-Arts-Rathaus gehört sicher nicht zu den Postkartenansichten von San Francisco. Dafür ist die Miete wirklich günstig – jedenfalls für hiesige Verhältnisse: 1725 Dollar im Monat soll die Miniwohnung kosten. Nebenkosten natürlich extra.

Allzu lange nachdenken sollten Interessenten besser nicht. Die Nachfrage ist groß, und ein zweiter Versuch ein paar Straßen weiter nur vermeintlich erfolgreicher. „Open House“ lädt dort ein Schild zur Besichtigung einer Zweizimmerwohnung, frisch renoviert und mit Stellplatz fürs Auto. Das klingt verlockend. Tatsächlich empfängt der Makler die potenziellen Kunden mit ausgesuchter Freundlichkeit. „Sie wissen wahrscheinlich, dass der Wohnungsmarkt sehr angespannt ist“, sagt der Mittdreißiger im schicken Anzug: „Das hier ist eine echte Chance.“ Wie hoch die Miete denn sein soll? „5000 Dollar können Sie verlangen“, schwärmt er. Verlangen? Plötzlich klärt sich das Missverständnis auf: Die 50 Quadratmeter kleine Immobilie wird zum Kauf angeboten. Schlappe 670.000 Dollar müsste man dafür hinlegen.

Berauschende Stadt

San Francisco ist mit dem Pazifik im Westen, der Golden Gate Bridge im Norden und der berühmten Bucht im Osten eine berauschende Stadt. Wenn gegen Mittag der Nebel verschwunden ist und der klare, blaue Himmel über der hügeligen Metropole mit ihren farbenprächtigen viktorianischen Häusern strahlt, kann man sich kaum einen schöneren Ort vorstellen. Auch auf digitale Hipster und Start-up-Unternehmer übt die „Belle of the Bay“ eine magische Anziehungskraft aus: Von Apple über Facebook, Google und Twitter bis zu Uber haben alle Tech-Firmen in der Region ihre Hauptquartiere.

Doch die gewaltige Attraktivität der Traumstadt schafft enorme Probleme. Auf einer Landzunge im Wasser kann sich San Francisco gerade einmal 121 Quadratkilometer ausbreiten – deutlich weniger als Potsdam oder Bonn. Entsprechend knapp ist der Wohnraum. Längst genügt es nicht mehr, ein paar Blumen ins Haar zu stecken, um hier glücklich zu sein wie 1967, als Scott McKenzie dem damaligen Mekka der Hippiebewegung ein musikalisches Denkmal setzte. Ein anständiges Vermögen muss heute schon dazukommen. „San Francisco ist in vielerlei Hinsicht unbezahlbar geworden“, hat die neue, schwarze Bürgermeisterin London Breed bei ihrer Amtseinführung vor wenigen Wochen beklagt. Die 43-Jährige verdiente bereits vor ihrer Wahl mehr als 100.000 Dollar im Jahr. Woanders in den USA reicht das locker, um sich mittelstandsgemäß ein Häuschen zu kaufen. Nicht in San Francisco: „Ich bin mein ganzes Leben Mieterin gewesen“, berichtete Breed.

Ein Spaziergang durch den hügeligen Stadtteil Cole Valley westlich der Innenstadt führt in der Belmont Avenue an einem schindelgedeckten Häuschen vorbei, in dem zwei Jahrzehnte lang der schwule Erfolgsautor Armistead Maupin lebte. Mit seiner Romanserie „Tales of the City“ wurde er zum gefeierten Chronisten des liberalen Lebensgefühls der 70er und 80er Jahre in San Francisco. 1993 erwarb Maupin das 150-Quadratmeter-Haus für 615.000 Dollar. Als er 2012 nach Santa Fe zog (zwei Jahre später kehrte er reumütig an die Westküste zurück), verkaufte er es für 1,6 Millionen Dollar. Inzwischen ist es nach Schätzung der Maklerfirma Zillow mindestens 2,3 Millionen Dollar wert. Der Immobilienmarkt der Bay-Metropole sei „sehr gesund“, schwärmen die Profis von Zillow: Im vorigen Jahr kletterte der durchschnittliche Quadratmeterpreis um 9,8 Prozent auf 11.370 Dollar. In diesem Jahr soll er um weitere acht Prozent zulegen.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier USA

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