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Sahara-Geiseln "Es gab keine Befreiung"

Der mitentführte Chef Rahin des Aegyptus- Reiseunternehmens kritisiert im FR-Gespräch die Krisenstäbe scharf. Das Verhalten des ägyptischen Militärs nennt er "verantwortungslos".

Freigelassene Wüstenurlauber in Ägypten gelandet
Freigelassene Wüstenurlauber in Ägypten gelandet (29.09.2008). Foto: dpa

Kairo. Nach elf Tagen in der Hand von Kidnappern sind die fünf deutschen Touristen wohlbehalten wieder in Deutschland eingetroffen. Ein Airbus der Lufthansa mit den Freigelassenen landete gegen 8.20 Uhr auf dem militärischen Teil des Berliner Flughafens Tegel.

Unter den Passagieren war auch die entführte Rumänin. Bereits in der Nacht waren die fünf italienischen Touristen mit einer Militärmaschine in ihre Heimatstadt Turin zurückgekehrt. Auch am Dienstag gab es den ganzen Tag über widersprüchliche Spekulationen, was sich in den letzten Stunden des Geiseldrama wirklich abgespielt hat.

"Es gab keine Befreiung" erklärte am Abend der mitentführte Chef des Aegyptus-Reiseunternehmens, Ibrahim Abdel Rahim, in einem Telefonat mit der Frankfurter Rundschau und kritisierte scharf die Krisenstäbe. Das Verhalten des ägyptischen Militärs nannte er "verantwortungslos", das Vorgehen der Deutschen Botschaft und des Bundeskriminalamtes "bürokratisch und umständlich".

Besonders verbittert zeigte er sich über die Behauptung des ägyptischen Verteidigungsminister, Hussein Tantawi, 30 Männer einer Spezialtruppe hätten das Versteck der Kidnapper am frühen Montagmorgen angegriffen, die Hälfte von ihnen erschossen und die Geiseln befreit.

In Wirklichkeit habe das Militär mehr als 300 Kilometer von dem letzten Rastort der Gruppe entfernt "gezeltet und gewartet", obwohl er den Sicherheitsbehörden mehrmals die genauen GPS-Koordinaten durchgegeben habe. Und in den dramatischsten Stunden der Geiselnahme am Sonntagabend sei niemand zur Stelle gewesen.

Gegen 21 Uhr hätten die Entführer die Gefangenen geweckt, Ägypter und westliche Touristen aufgefordert, sich in einer Reihe aufzustellen. Dann entsicherten sie die Waffen und sagten zu den Ägyptern: "Ihr habt unsere Leute getötet." Rahim, der in Deutschland studiert und mit einer Deutschen verheiratet ist, sagte: "Wir waren hundertprozentig sicher, dass wir jetzt erschossen werden." Dann sagten die Entführer: "Wir werden Euch nicht töten". Sie gaben den Geiseln einen der Geländewagen und schrieen: "Haut ab."

"Die ganze Sache ist verantwortungslos"

"Wir sind sofort los, alle in einem Jeep, die Europäer im Inneren, die Ägypter auf dem Dach", sagte Rahim - das letzte Nachtlager im Grenzgebiet von Tschad und Sudan war etwa 200 Kilometer von der ägyptischen Grenze entfernt. Bis morgens um drei Uhr seien sie gefahren, "dann waren die Dünen so schlimm, dass man nichts mehr sehen konnte".

Nach zwei Stunden Schlaf ging es weiter. 70 Kilometer innerhalb Ägyptens hätten sie von weitem Zelte entdeckt - mit Soldaten. Erst dort erfuhren die Geiseln, dass es am Vorabend ein Gefecht zwischen acht Kidnappern und der sudanesischen Armee gegeben hatte. "Die ganze Sache ist verantwortungslos", kritisiert Abdel Rahim.

Nachdem die ägyptische Armeeführung davon informiert war, "dass die Sudanesen geschossen haben, hätte sofort etwas geschehen müssen. In einer halben Stunde hätte jemand bei uns sein müssen. Es ist aber nicht passiert".

Kritik übte Ibrahim auch an der deutschen Seite: "Es gab viel Bürokratie, auch von der deutschen Botschaft in Kairo." Bei dem Verhandler vom Bundeskriminalamt "hatte ich das Gefühl, das er vor sich ein Buch aufgeschlagen hat - ,wie gehe ich mit einem Terroristen um".

Und dann habe er alles genau nach den Schritten gemacht, die dort aufgeschrieben sind. Man könne in einer solche Situation aber nicht einfach nach Schablone vorgehen: "Ich frage mich, was die machen, wenn wirklich mal Deutsche von El-Kaida-Leuten entführt werden."

Warum die Entführer alle am Leben ließen? Abdel Rahim ist sich sicher, dass die Gruppe dies vor allem den ägyptischen Fahrern und Reiseleitern verdankt. "Sie waren immer freundlich zu den Kidnappern, haben ihnen Tee gekocht, Essen gegeben und mit ihnen geplaudert. Sie haben sie eingeseift."

Auch habe sich seine Mannschaft vorbildlich um die westlichen Touristen gekümmert. "Keiner hatte einen Nervenzusammenbruch, keiner hat gedurstet und gehungert, keiner war krank. Zum Schluss hatte die Gruppe noch 100 Liter Wasser und Essen für zwei Tage."

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