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Russland Saufen, egal was

Wodka ist zu teuer, deshalb betrinken sich viele Russen mit allem, was Alkohol enthält. Selbst Nagellackentferner werden in Einzelfällen nicht verschmäht. Die Folgen sind oft tödlich.

A villager produces moonshine vodka in Negnevichi
Viele Russen, vornehmlich auf dem Land, schaffen sich immer wieder Destilliergeräte an, um aus Zucker, Hefe und Wasser ihren eigenen 40- bis 70-prozentigen „Samogon“ zu brennen. Foto: REUTERS

Auf der Straße wird Parfüm verkauft. Eine lange Warteschlange bildet sich. Als ein Mann 20 Flakons verlangt, gibt es Proteste. Aber ein anderer Kunde ruft: „Lasst ihn doch! Vielleicht will er ja eine Hochzeit feiern.“ Den Witz erzählten sich die Russen schon während der Perestroika unter Michail Gorbatschow.

Der Witz bleibt aktuell, ebenso das Übel, das dahintersteckt. Russland, vor allem Provinzrussland, leidet weiter unter dem Drang, sich zu betrinken. Und unter einem Mangel an erschwinglichen und genießbaren Alkoholika. Das führt zum Konsum aller möglichen Wodkaverschnitte, aber auch hochprozentiger Arzneimittel oder Shampoos. Selbst Nagellackentferner werden in Einzelfällen nicht verschmäht. Die Folgen sind oft tödlich. Im ostsibirischen Irkutsk starben seit Mitte Dezember insgesamt 78 Menschen an Alkoholvergiftungen. Die vorläufig letzten zwei Todesopfer meldete die Nachrichtenagentur TASS am Montag.

Ein weiterer Patient schwebt in Lebensgefahr, etliche haben ihr Augenlicht verloren. Nach Angaben der Ärzte hatten die über 100 Erkrankten den Badezusatz „Bojaryschnik“, zu deutsch Weißdorn, getrunken. Er war mit giftigem Methanol versetzt. Die 100- Gramm-Plastikfläschchen kann man für umgerechnet knapp 50 Cent auch an automatischen Münzeinwurfbehältern ziehen, die stark an Getränkeautomaten erinnern.

Laut Werbung enthält „Bojaryschnik“ außer 75 Prozent reinen Alkohols Weißdornextrakt, medizinisches Glyzerin und Wasser. Konsumenten gilt er als preiswerte Alternative zum Wodka, dessen staatlich festgelegter Mindestpreis umgerechnet mindestens 3 Euro pro Halbliterflasche beträgt. „Die Mixtur ist bei uns vor drei Jahren aufgetaucht, als der Wodka zum ersten Mal teurer wurde“, erklärte ein pensionierter Einwohner des Irkutsker Arbeiterbezirks Nowo-Lenino dem Nachrichtenportal lenta.ru. „Ist doch ein normales Getränk, besser als mancher Wodka, der 300 Rubel (knapp 6 Euro) kostet. Glauben Sie mir, ich habe schon alles Mögliche probiert.“ Jetzt hätten Bekannte eine kosmetische Flüssigkeit mit Apfelsinengeschmack aufgetrieben, die nicht schlechter sei als der „Bojaryschnik“.

In Russland herrscht weiter Wirtschaftskrise, 41 Prozent der russischen Familien klagen, es mangele ihnen an Geld, um Lebensmittel einzukaufen. Für viele ein Grund zu trinken, und das möglichst billig. Nach Angaben der Aufsichtsbehörde Rospotrebnadsor sterben jährlich eine halbe Million Russen an den Folgen übermäßigen Schnapskonsums. Alkoholismus sei die Todesursache bei 30 Prozent der russischen Männer und 15 Prozent der Frauen. Zehntausende ruinieren ihre Lebern mit jahrzehntelangem Wodka-Ex-Trinken, Einzelne sterben aber auch, weil sie ihren Kater mit Frostschutzmitteln bekämpfen wollten.

Die Polizei in Irkutsk hat inzwischen 12 Personen festgenommen. Sie werden verdächtigt, in einer Garage den „Bojaryschnik“ mit giftigem Methanolalkohol gepanscht zu haben. Es gilt als offenes Geheimnis, dass Schwarzbetriebe in den Garagen und Lagerkellern russischer Städte nicht nur billige Textilien oder Teigtaschen herstellen, sondern auch synthetische Drogen und getürkten Whiskey.

Und die Aufschrift „Badezusatz“ auf dem „Bojaryschnik“ ist nach Meinung Sultan Chamsajews, des Vorsitzenden der Bürgerinitiative „Nüchternes Russland“, Etikettenschwindel: „Damit umgeht man die Akzisen für alkoholische Getränke, um den Konsumenten Billigschnaps anbieten zu können.“

Zur Zeit werden in Geschäften von Wladiwostok bis Wolgograd Tausende Liter „Bojaryschnik“ beschlagnahmt. Allerdings sind sie zum Großteil nicht mit dem giftigen Methanol gepanscht. Nach Aussagen örtlicher Journalisten sind unter den Vergifteten in Irkutsk auch Einwohner des wohlhabenden Wohnbezirks Akademgorodok, die sich statt mit dem Badezusatz mit Wodka vergiftet hätten. Nach Angaben des Lokalsenders „BajkalTeleinform“ warnt die Polizei die Bevölkerung vor dem Kauf der Wodkamarken „Zarenjagd“, „Weiße Birke“ und „Finnengold“. Offenbar habe jemand in die Irkutsker Garagen, wo schon seit Jahren alle möglichen Getränke mit verdünntem Alkohol gepanscht wurden, diesmal eine Ladung technischen Alkohols besonders übler Qualität geliefert, vermutet Radio Business FM. Vor allem Landrussen aber schaffen sich wieder Destilliergeräte an, um aus Zucker, Hefe und Wasser ihren eigenen 40- bis 70-prozentigen „Samogon“ zu brennen. „Letztes Jahr hat im Nachbardorf jemand eine Flasche Wodka im Laden gekauft. Am nächstes Tag war er tot“, erzählt der Schreiner Oleg Nikolajew aus dem Ort Srednije Kibeschi an der mittleren Wolga. „Ich brenne lieber selbst. Da weiß ich wenigstens, was ich trinke.“

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