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Russland Russland geht gegen Teenagerband und Rapper vor

Russlands Behörden verbieten reihenweise Auftritte von Teenagerbands und jungen Rappern. Auch, weil die Erwachsenen enorme Probleme haben, die Sprache ihrer Kinder zu verstehen.

Frendzona
Wollen sich den Mund nicht verbieten lassen: Bands wie Frendzona provozieren das russische Establishment. Foto: Frendzona/vk.com

Die Girls tragen weiße, himmelblaue und rosa Unterwäsche, ihre langen Haare sind entsprechend gefärbt, „Pajama-Party“ im Himmelbett, sie spielen Flaschendrehen mit einer den Eltern geklauten Sektflasche. Und als Maybe-Baby das Mädchen mit den rosa Haaren küsst, fängt es unter ihrem Hemdchen heftig an zu klopfen. „Liebe hängt nicht vom Geschlecht ab. Das Schicksal schreit dich an: Kleines probier was aus!“ 

Der Videoclip zu dem Lied „Flaschendrehen“ ist so kindlich-ironisch wie sein Text und die ganze Gruppe Frendzona, benannt nach dem englischen friendzone, dem traurigen Zustand eines Liebenden, der von seiner Angebeteten nur als guter Freund betrachtet wird.

Auf der Frendzona-Seite im russischen Sozialnetz VKontakte haben sich schon mehr als 300 000 Follower versammelt. Dort stellen sich die fünf Teenager aus Sankt Petersburg als „Pop-Punk-Schülerkollektiv“ vor, „getränkt mit jugendlichen Tagträumen und dem Geruch billiger L&Ms. Aus dieser Frendzona kommst du nicht raus, wir lieben dich, aber als Freund“.

Aber bei aller Ironie hat die erst seit Mai existierende Schülergruppe wohl zu viel experimentiert. Nach neun völlig harmlos verlaufenen Auftritten droht ihre erste allrussische Konzerttour in Sibirien zu platzen. Erst verboten die Behörden in Krasnojarsk ihr Gastspiel, dann in Kemerowo. 

Laut der Krasnojarsker Staatsanwaltschaft „enthalten die meisten musikalischen Kompositionen der Gruppe Schimpfwörter, propagieren nicht traditionelle sexuelle Beziehungen, Suizid, Alkohol und andere verbotene Stoffe“. Auch die Gebietsbevollmächtigten für Kinderrechte hatten Front gegen Frendzona gemacht. Die Zeitung „Kommersant“ schreibt, alle Offiziellen verwiesen zähneknirschend auf den Song „Flaschendrehen“. „Er ruft nach ihrer Ansicht zu gleichgeschlechtlichem Sex auf.“

Schon im März waren Auftritte der Gruppe Poschlaja Molli in Belgorod abgesagt worden, laut dem Portal „lenta.ru“ hatten die örtlichen Behörden das den betroffenen Klubbesitzern aus „ethischen und ideologischen Gründen“ geraten. Diesen Herbst strich die Staatsanwaltschaft in Nischni Nowgorod Konzerte der Sängerin Monetotschka sowie der Rapper Eldschej, Ganwest, Jah Khalib und Matrang. Wegen Schimpfwörtern und Informationen in ihren Texten, die „fähig sind, bei Kindern den Wunsch zu erwecken, Alkohol oder verbotene Stoffe zu konsumieren sowie Handlungen zu vollziehen, die eine Gefahr für ihr Leben und ihre Gesundheit darstellen.“ 

Und das russische Ermittlungskomitee prüft „Childfree“, ein gemeinsames Lied der Sängerin Monetotschka und des Rappers Noize MZ. Ein Moskauer Anwalt hatte Anzeige erstattet, weil manche Verse darin zum Selbstmord aufriefen. Tatsächlich schlagen sie einem fiktiven Jüngling vor, zu sterben, solange er noch nicht alt geworden sei. Er landet beim Teufel in der Hölle, der nach ein paar Wodka seine Seele verzehren will. Die Autoren versichern, es handle sich um Satire.

Aber ganz offenbar traut Russlands offizielle Erwachsenenwelt den eigenen Kindern keinen Humor zu. Und sie hat enorme Probleme ihre mit russifiziertem Englisch gespickte Sprache zu verstehen. So erregte die Vokabel „Wpiska“ im Konzertprogramm von Frendzona bei vielen Sibirjaken heftigen Anstoß. Sie halten Wpiska offenbar für ein transsexuelles Geschlechtsorgan, obwohl es im Jugendslang schlicht „Einladung zur Fete“ bedeutet.

Frendzona und andere Teenager-Bands sind keine Protestgruppen wie die Punk-Girls von Pussy Riot, die 2012 für einen Anti-Putin-Auftritt in der Moskauer Erlöserkathedrale im Gefängnis landeten. Sie singen nicht über Politik, sondern über die Probleme ihrer Altersklasse: Liebe, die an den eigenen Komplexen scheitert, Konkurrenz zwischen Klassenkameradinnen, die in den gleichen „Boytschik“ verliebt sind, oder Stress mit den Eltern. Und sie pochen an den Tabus, die die Erwachsenen vor ihnen aufbauen, ob Schnaps, Sex oder Tod. 

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