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Russland Der russische Mythos

Zwischen Leid und Hoffnung: Weil den Russen für das Unfassbare ihrer Geschichte und Kultur die Worte fehlen, flüchten sie sich in ein Konstrukt. Eine kleine Erkundung der rätselhaften „russischen Seele“.

23.03.2015 14:10
Inna Hartwich
Wo der Asphalt aufhört, fängt das wahre Russland an, sagen die Russen oft. In Orsk, fast schon an der kasachischen Grenze, haben viele Straßen den Asphalt noch nie gesehen. Foto: Inna Hartwich

Europa fängt an einer Straßenlaterne an, in Blau-Weiß. Asien hört hier auf, in einem länglichen Schild, halbherzig an den Betonpfosten montiert, blau-gelb die Farben. Vielleicht beginnt Asien hier aber auch erst, und Europa geht an dieser Flussbrücke zu Ende. Vielleicht ist Asien rechts und Europa links, vielleicht ist Europa im Osten und Asien im Westen. In Orsk, dieser Industriestadt 1700 Kilometer von Moskau weg und fast schon an der kasachischen Grenze, kommt es immer auf den Standpunkt des Betrachters an.

Orsk ist wie Istanbul, wo Asien und Europa aufeinandertreffen. Doch an den Bospurus ist hier schon lange keiner mehr gereist. In Orsk haben sie den Ural, die Trennungs- und Verbindungslinie zugleich. Eine klapprige Trambahn ruckelt über die Brücke in die Altstadt, hier in Asien fing die Stadtgeschichte einst an. Das europäische Orsk entstand erst später, mit Plattenbauten und Hüttenwerken. Ein perfekter Ausgangspunkt, sich auf die Suche nach einem Mythos zu machen. Nach einem Klischee, das Ost und West zugleich gern gebrauchen, um das, was nicht zu erklären ist, doch noch in Worte zu fassen. Was hat es nur auf sich mit Russlands viel besungenem wie nebulösem Gemüt?

„Die russische Seele?“ Iwan lacht laut und blickt belustigt durch den Raum. „Russland ist sehr beseelt und seelenlos zugleich, das ist das Dilemma“, sagt er in seiner Küche, auf dem Tisch vor sich einen Trockenfisch und ein Gläschen Wodka. Iwan heißt nicht Iwan, aber in einer ausländischen Zeitung mit seinem richtigen Namen zu erscheinen, kann in diesen Tagen gefährlich werden, zumal wenn jemand, wie er, für den Staat arbeitet, wenn jemand so in die Sicherheitskreise eingebunden ist, dass er – als vermeintlicher „Geheimnisträger“ – gar nicht mehr ins Ausland reisen darf, Russlands Regierung hat es verboten. Das ärgert Iwan, aber „im Grunde“, sagt er, „ist es dennoch richtig, dass wir es euch“, er meint Europa und vor allem die USA, „einmal zeigen, mal auf die Pauke hauen. Dass wir euch klarmachen, dass wir stark sind.“ Der Provinzpolizist wirkt aufgebracht und ernüchtert zugleich. „Selbst, wenn wir nichts zu zeigen haben und voller Schwäche darniederliegen, wirtschaftlich, moralisch, wohl auch politisch. Das ist das Selbstmörderische an uns Russen. Vielleicht ist das auch die russische Seele: sich selbst zu belügen.“ In Iwans warme Küche kehrt Schwermut ein.

Russland bedient sich gern des Bildes, dass es als Land nicht zu fassen ist. Es verweist auf das Staatswappen, den doppelköpfigen Adler, der nach Westen und nach Osten zugleich schaut und das ganze Staatsgebilde zu überblicken scheint. Warum sich entscheiden zwischen der „asiatischen Wildheit“, wie die Menschen im Land sagen, und der „europäischen Zivilisation“? Der Russe sei eben ein eigener Typus, der sich in keine Kategorie zwingen lasse. Das Völkische gewinnt vor allem seit dem kriegerischen Konflikt mit der Ukraine an Zulauf, man besinnt sich auf krude Theorien einer „eurasianistischen Ideologie“ von einst als „nationalistische Wirrköpfe“ verschrienen Hinterbänklern und träumt von einem heiligen, expansiven, militärischen Imperium mit Russland im Herzen. Denn Russland, darauf waren seine Bewohner schon immer stolz, das sei Europa und Asien zugleich, sei aber auch weder Europa noch Asien. Das sei ein eigenes, ein eigensinniges Etwas, das der russische Dichter Fjodor Tjuttschew bereits 1866 in folgende Sätze fasste: „Verstehen kann man Russland nicht, und auch nicht messen mit Verstand. Es hat sein eigenes Gesicht. Nur glauben kann man an das Land.“

Doch selbst der Glaube ist den Menschen vielfach abhanden gekommen. Im Verborgenen hatte er versucht zu überleben. Hatte sich in den Küchen der Plattenbauwohnungen bei geheimen Gottesdiensten und in Erdlöchern auf dem Dorf gehalten. In veränderter Form ist er zurückgekehrt, viel Geld und viel Gold fließen seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion in den Kirchenbau, viele suchen in Klöstern die Rettung, einen Halt, nachdem der schlecht funktionierende Sozialismus dem schlecht funktionierenden Kapitalismus Platz gemacht hatte und in den Köpfen wie den Geldbeuteln ein großes Loch hinterließ.

Als Ersatz für die tote kommunistische Utopie fing der Kreml gerade nach der Jahrtausendwende an, zusammen mit der Russisch-Orthodoxen Kirche eine neue Idee zu zimmern. Das Volk soll die Erlösung in einer tiefen, der „russischen Seele würdigen“ Geistigkeit suchen. Die Kirche agiert da als Vermittlerin traditioneller Werte und als Garantin für den Zusammenhalt der Gesellschaft. Diese steht vor allem in schlechten Zeiten beisammen, schnallt den Gürtel enger – weil es sein müsse, sagen die Menschen, für den Staat, den Staatschef, die Heimat. Das habe man schließlich auch früher schon gemacht, jahrzehntelang.

Das Leiden beherrschen die Russen ausgezeichnet. Ihre Geschichte ist voller Leidensmomente, von außen über sie hereingebrochen wie von innen gegen sie gerichtet. Sie seien schnell zur Fügsamkeit geneigt, sagen viele Russen und bescheinigen sich eine „Sklavenseele“. Denn Leiden ist immer passiv, das Erdulden aller Widrigkeiten erzeugt so etwas wie einen Sinn und lässt die, die die Qualen klaglos ertragen, sich moralisch überlegen fühlen. Schon Fjodor Dostojewski, der große, der dunkle Sinnsucher der russischen Literatur, schrieb 1873 in seinem „Tagebuch eines Schriftstellers“: „Das wesentlichste geistige Bedürfnis des russischen Volkes ist das Bedürfnis, immer und unaufhörlich, überall und in allem zu leiden.“ Ein wahrer Kult des Leidens ist entstanden, die Macht des Verstandes ist da eher störend.

Die Russen, so beschreibt es der Soziologe Lew Gudkow, Direktor am Moskauer Meinungsforschungsinstitut „Lewada“, habe man vor allem in der Literatur im Gegensatz zum zielgerichteten, willensstarken, verantwortungsbewussten Westler stets als passiv, leidend und emotional wahrgenommen. Die Sowjetideologie habe die Bevölkerung von der Seele „befreit“, ein „neuer Mensch“ sollte entstehen, erst unter Leonid Breschnew in den 1970ern sei die „russische Seele“ wieder aufgetaucht, vermischt mit dem entstehenden Nationalismus. „Die Seele bleibt immer ein Spiegel der Suche nach der eigenen Identität“, führt Lew Gudkow aus. Dem Negativen verleihe man da gern etwas Positives. „Die Formel ist einfach: Man ist zwar arm, lebt schlecht und leidet an der Willkür der Staatsmacht, aber man ist ja so besonders, schätzt die menschliche Wärme, ist gastfreundlich, hilft sich gegenseitig. Daran klammern sich die Menschen, auch wenn sie wissen, dass sie sich etwas vormachen.“

Immer noch in Moskau, bevor es auf die Suche nach Orsk geht, spricht der junge wie kluge Pater Dimitri vom Krutizki-Patriarchenhof von der „Krankheit der russischen Seele“. Der Kommunismus habe sie entstellt, habe ihr den Glanz geraubt, die Menschen nur auf einem Bein stehen lassen. Pater Dimitri, früher hatte er den bürgerlichen Namen Michail, versucht nun seit Jahren, die Menschen mit einem zweiten Bein zu versehen. „Sie sagen, sie seien russisch-orthodox, aber sie kennen den Glauben nicht, wie denn auch, die Religion hatte man ihnen ausgetrieben.“ Er übt Gebete auf Altkirchenslawisch, einer Version der alten russischen Sprache, die bis heute die Messen in den Kirchen prägt, feiert kirchliche Feste mit seiner Gemeinde. Vor allem um die Jugend gehe es ihm. „Sie muss doch einen Sinn im Leben haben.“ Viele sehen ihn schon lange nicht mehr. Auch Ljocha aus der Kleinstadt Sludjanka am Baikalsee, wo Peking näher ist als Moskau, hat ihn verloren.

„Meine Seele ist schon lange tot. Ertrunken in den vielen Flaschen Alkohol. Wodka, Bier, Cognac“, sagt er, grinst schief mit seinem fast zahnlosen Mund und versteht doch, dass er sich der Seele und des Lebens selbst beraubt hat. Er kommt oft an den Baikalsee, diese tiefe „Seele des Landes“, trifft hier seine Saufkumpane. 27 Jahre alt ist er, hat Mechaniker gelernt, dann aber „sich vertrunken“, wie die Russen sagen. Er hat sich sein Leben durch zu viel Hochprozentiges ruiniert. Die Frau, der Chef, die Eltern. Mit irgendwem gab es immer Probleme. „Bei uns ist immer jemand anderes schuld. In erster Linie ist das der Westen, vor allem sind es die USA. Aber wir verehren auch den Westen, vor allem die USA. Das ist wohl dieses ,Doppelhaftige‘ unserer weiten russischen Seele. Ich jedenfalls hätte gern mal New York gesehen. Aber“, er macht eine Handbewegung, als wolle er Mücken wegscheuchen, „ach, zum Teufel...“ Ljocha nimmt einen Schluck aus seiner halbgefüllten Plastikflasche, starrt auf den See, eine zerbrochene Seele, hinter Lässigkeit versteckt.

Es war ein Franzose, der den ominösen Begriff für das unfassbar Russische in die Welt entließ. Vicomte Eugène-Melchior de Vogüé, einst Diplomat im zaristischen Russland, verglich in seinem „Russischen Roman“ von 1886 das Innenleben der Russen mit dem Innenleben ihrer traditionellen „Okroschka“, einer kalten Suppe aus vergorenem Brotgetränk, in die Wurst, Eier, Gemüse hineingebröselt werden. „Alles existiert in dieser Suppe, sowohl die leckeren als auch die abscheulichen Dinge. Sie wissen niemals, was Sie daraus herauslöffeln werden.“ Mit der russischen Seele verhalte es sich ähnlich, vieles ist hier durchmischt, die Mystik und die Vernunft, das Alles und das Nichts.

„Jeder baut sich seine eigene russische Seele zusammen“, sagt der Orsker Provinzpolizist Iwan, als von seinem Trockenfisch nur noch die Gräten übrigbleiben. Einen ähnlichen Satz wird später auch Olga Abrassimowa, die junge Blondine vom Heimatmuseum in Orsk, aussprechen. „Wir Russen hegen einen Hang zu extremen Gegensätzen“, wird sie erzählen, nachdem sie von europäischen und asiatischen Einflussen ihrer Stadt berichtet hat. „Wir wollen immer, dass uns jemand führt, sagt, wo es lang geht. Doch wir verstehen oft zu spät, dass es die falsche Richtung ist, in die wir geführt werden. Wir sagen aber nichts, wir leiden, obwohl wir sehen, wie unheimlich und unvorhersehbar die Zukunft sich gestaltet.“

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