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Russische Kampfkunst Systema Einstecken statt Austeilen

Im Selbstversuch erfährt unser Autor, warum Gelassenheit und Ruhe in der Kampfkunst Systema alles sind, wie sich verschiedene Männerbäuche anfühlen und man aus einem Berg von Russen herauskriecht.

So geht’s: Ein Trainer zeigt, wie man den perfekten Schlag ausführt - und wie man ihn entgegennimmt. Foto: Andrey Rudakov

Und jetzt spannen wir alle Dingens an“, sagt Sascha, „na, wie heißt’s noch mal … dass ich aber auch immer das Wort vergesse!“ Er schaut zu Boden. Wir anderen bleiben in der Hocke und atmen tief, wie uns befohlen wurde. „Den Anus?“, schlägt Saschas Nachbar höflich vor. Sascha schüttelt unwirsch den Kopf. Dann fällt es ihm ein. „Die Prostata!“, ruft er in die Runde. „Die Mädels können den Anus anspannen.“

Es ist Mittwochabend, Atemübungen in einem kargen Trainingssaal hinter dem Weißrussischen Bahnhof. Hier hat der Verein „Systema – Kampfkünste der Alten Rus“ sein Moskauer Hauptquartier, so steht es auf dem Schild an der Tür. Wer sie öffnet, stößt zuerst auf einen Wandteppich mit dem Wappen des Innenministeriums und den Geruch von Weihrauch. Im Flur hängen Gemälde mit altrussischen Recken, ein Foto des Patriarchen der russisch-orthodoxen Kirche, verschiedene Danksagungen. Sogar eine vom Sondereinsatzkommando Düsseldorf. Rechts hängt eine Weltkarte mit vielen Fähnchen, jedes markiert eine Systema-Filiale. Sie stecken an allen möglichen Orten, von Deutschland bis Japan, von Afrika bis Spitzbergen.

Ich habe im Frühjahr angefangen, hier zu trainieren. Damals erschien in der „Bild“-Zeitung ein Artikel über Systema: „Putin steuert Geheim-Truppe in Deutschland“, war die Schlagzeile in Großbuchstaben. Der Text behauptete, der Kreml nutze die vielen Systema-Clubs im Ausland dazu, ein „Elite-Kämpfer-Netzwerk“ von potenziellen Saboteuren aufzubauen und Spione zu werben. Der Artikel bezog sich auf ein Buch des Russland-Experten Boris Reitschuster, der wiederum Geheimdienst-Recherchen zitierte.

Der „Bild“-Artikel war aber nur der Anlass für meinen Besuch im Systema-Hauptquartier. Es gab einen tieferen Grund. Ich bin ein unsportlicher Brillenträger, aufgewachsen in einer Welt, in der Gewalt tabu ist. Zweikämpfe kenne ich bloß aus dem Kino. Wenn jeden August am „Tag der Luftlandetruppen“ grölende Fallschirmspringer durch Moskau ziehen und Krawall suchen, widert mich das an. Aber wenn ich ehrlich bin, beneide ich die Russen hin und wieder um ihr, nun ja, pragmatisches Verhältnis zu Gewalt. Ich wollte im Systema-Hauptquartier ein wenig den russischen Mann in mir hervorkitzeln.

Zum russischen Mann, das war der erste Eindruck, fehlt mir die Figur. Der Systema-Gründer Michail Wassiljewitsch Rjabko stellte sich als nahezu kugelförmig heraus, ein schwerer Mann mit freundlichem breiten Gesicht und einer Knubbelnase. Sportlich sah er nicht aus – „aber das ist hier auch kein Sport“, sagte er, als ich ihn vorsichtig darauf ansprach. Ich traf ihn gleich beim ersten Besuch in seinem Kabinett. Er spielte Backgammon mit Sascha, meinem künftigen Trainer. An der Wand hingen allerlei Kosaken-Utensilien – geflochtene Lederpeitschen, Säbel sowie Rjabkos blauer Uniformrock. Rjabko ist Mitarbeiter der Generalstaatsanwaltschaft im Ruhestand, mit dem Dienstgrad „Oberst der Justiz“. Er geht immer noch regelmäßig in die Generalstaatsanwaltschaft – als Messdiener in die behördeneigene Kapelle.

Systema kennt nur Prinzipien, keine festen Griffe

Für seine Anhänger ist dieser Mann eine Legende. Es heißt, er sei als kleiner Junge in die Geheimnisse des altrussischen Faustkampfs eingeweiht worden, sein Großonkel habe als Leibwächter Stalins gedient. Außerdem hat Rjabko mit einer Sondereinheit der Polizei in Tschetschenien gekämpft. Im Internet wimmelt es nur von Filmen, in denen er mit nachlässig wirkenden Schlägen robust gebaute Männer niederstreckt.

Auch ich kaufte mir bei Rjabko ein paar DVDs mit Titeln wie „Angst erkennen, verstehen, überwinden“. Aber die Filme halfen mir nicht, zu begreifen, was Systema eigentlich ist. Sie zeigten mir eher, dass es weder feste Griffe noch Schrittfolgen gab. Es gibt in Systema nur Prinzipien: nicht angreifen, nicht Widerstand leisten, sondern den Angriff des Gegners ins Leere laufen lassen. Sich nicht anspannen, sondern weich und locker blieben wie ein Kleinkind (ein junger Rjabko führte das in einem Film mit liebevollen Knüffen an seinem Patenkind vor). Für mich klingt das eher nach japanischem Aikido als nach altem Russland, aber mir gefielen die Prinzipien.

Auch mein Trainer Sascha stellte sich als massiger Mann heraus. Wenn er mit nacktem Oberkörper Unterricht gibt, sieht er aus wie Obelix: Die abgewetzten Trainingshosen weit über den Bauch hochgezogen, mit langen roten Haaren und einem jungenhaften Lächeln, das charmant und boshaft zugleich sein kann. So lächelt der stärkste Junge auf dem Schulhof. Sascha sei so etwas wie Rjabkos Meisterschüler, raunte mir jemand bewundernd bei meinem ersten Besuch zu.

Sascha nahm mich als Erstes in einen Zangengriff und quetschte mich gegen die Wand des Trainingssaals – „damit du nicht denkst, dass das hier ein Tanz ist“. Seine Sorge war verständlich. Weil es ja keine festen Griffe zu lernen gab und alles spontan erfolgen sollte, bestand das Training darin, Angriff und Verteidigung in Zeitlupe durchzuspielen, in weichen runden Bewegungen. Das wirkte erst einmal wie Tanztheater und nicht wie etwas, das man nach Mitternacht auf dem Nachhauseweg anwendet.

Meine Mitschüler waren bunt zusammengewürfelt – ein ehemaliger Karate-Weltmeister war dabei, Rentner, Büro-Existenzen mit Rückenproblemen, auch zwei Frauen. Regelmäßig kamen ausländische Besucher – Systema-Trainer aus Polen, ein Osteopath aus Paris, Kanadier, Asiaten. Als Deutscher, der gut Russisch spricht, war ich Ziel von allerlei gutmütigen Scherzen. „Das ist die Krim“, sagte Sascha einmal und versenkte seine Faust in meinem Bauch, „und die Krim geben wir nie wieder her!“ Damit stieß er die Faust noch tiefer in mein Inneres, anstatt sie zurückzuziehen. Er wollte so die Schlagtechnik illustrieren, auf die die Systema-Leute besonders stolz sind: Es gibt flache und tiefe Schläge, und die werden so locker ausgeführt, als wäre die eigene Faust getrennt vom Körper unterwegs. „Für so einen Schlag reisen sie um die halbe Welt!“, rief Sascha.

Wenn es wehtut, gibt es Tadel

Im Schlagen war ich ungeschickt, aber immerhin hatte ich bald Übung im Geschlagen-Werden. Sascha konnte einen ohne sichtbare Anstrengung mit einem Knuff von den Beinen holen. Er schaute dann stolz, als wolle er gelobt werden. Wenn es wehtat, gab es Tadel von ihm. Schließlich sollte man die Schläge angstfrei und locker entgegennehmen.

„Tut ein Schlag weh? Nein, ein Schlag ist bloß unangenehm“, philosophierte er. „Den Schmerz schaffen wir uns selbst.“ Manchmal spazierte Rjabko in den Saal. Auch er ließ einmal locker seine Faust auf meine Brust fallen und strahlte mich dabei mit seinem Geburtstagskind-Lächeln an. Rjabkos Schläge galten als Privileg. Er bot auch an, mit der Peitsche meine Muskelverspannungen zu lösen. Ich setzte danach für ein paar Wochen mit dem Training aus.

Je länger ich Sascha kannte, desto sympathischer wurde er mir. Er ist ausgebildeter Physiker, von Beruf jedoch Unternehmer, aber von seinem ganzen Wesen her Philosoph. Seit einem schweren Stromschlag fehlt ihm eine Achillesferse. Er war schon als Kind von Asien fasziniert gewesen, hatte sich mit Karate beschäftigt (das in der späten Sowjetunion wie in der DDR als verboten galt), mit Wushu, mit russischen Stilen. Mitte der 1980er war er auf Rjabko gestoßen. Einen besseren als Mischa, sagte er, hab ich nie gesehen. Unter Rjabkos Einfluss ließ er sich zehn Jahre später auch taufen. Sascha fand, dass die Asiaten in den Kampfkünsten überschätzt wurden. Außerdem passe der alte russische Stil besser zur Psychologie der Russen: „Wir sind einfach zu faul, um 1000 Mal denselben Griff zu üben.“

Ich fand es allerdings seltsam, dass man im 21. Jahrhundert wissen wollte, wie die Helden des russischen Mittelalters gekämpft oder geatmet hatten. Rjabko murmelte auf meine Frage etwas von König David und seinen Kriegern, deren Kampftechniken aus dem biblischen Israel ins rechtgläubige Russland gelangt seien. Dort seien sie in Klöstern gelehrt worden.

Tatsache ist, dass es eine ganze Reihe russischer Kampfstile gibt, die in der Sowjetzeit entstanden sind und sich „Systema“ nennen. Da ist das „Kadotschnikow-System“, entwickelt von einem Offizier der Raketentruppen, der nicht mit Gott argumentiert, sondern ingenieurhaft mit Kraftvektoren und Schmerzpunkten. Er ist mit mehr als 80 Jahren ein sportlicher Greis und in Russland deutlich bekannter als Rjabko. Es gibt Systema-Varianten mit Namen wie „Bö“, „Braunbär“ oder „Krieger“, „Sibirischer Kosak“ oder „Zeder“. Im Ausland allerdings hat Rjabkos Stil allen anderen russischen Kampfkunst-Exporten den Rang abgelaufen. Er hält dort regelmäßig teure Seminare. Insofern treffen ihn die Vorwürfe von „Bild“ und „Focus“ tatsächlich: Sie sind geschäftsschädigend. „Lass’ uns den deutschen Journalisten gemeinsam verklagen!“, schlug er mir vor.

Der bisherige Erfolg im Ausland hat damit zu tun, dass schon früh ein Rjabko-Schüler in Toronto eine Schule eröffnete. Vielleicht wirkt auch das Versprechen eines ganzheitlichen, spirituell aufgeladenen, Aikido-ähnlichen Stils im Ausland besonders. Mir fiel auf, wie freundlich es in Saschas Trainingsstunden zuging. Zur Begrüßung legte man die Köpfe aneinander, und am Ende jeder Stunde wurde ein Kreis gebildet und jeder sollte sagen, was er gelernt hatte. Das hätte auch in einen Geburtsvorbereitungskurs im Berliner Biobezirk Prenzlauer Berg gepasst.

Aber ich verzweifelte schier am Fehlen jedweder Didaktik. Sascha konnte Dinge, die ich auch gern gekonnt hätte – er konnte mühelos den Gegner zu Boden bringen oder ihm das Messer aus der Hand nehmen – aber er konnte sie nicht erklären. Und Rjabko erklärte ohnehin nicht, er sprach in Andeutungen, und dazu wurde ehrerbietig-wissend gelacht. Ich besuchte eines seiner Wochenendseminare, es kostete 3000 Rubel (45 Euro) für die ersten drei Stunden und war der Atemtechnik gewidmet. Atmen gilt in Rjabkos Systema als das A und O. Man muss durch die Nase ein- und durch den Mund ausatmen. Wir gingen also unendlich viele Runden durch den Saal, schwangen rhythmisch Kosakenpeitschen und atmeten. Ich hatte schnell genug. Ich fürchte, der russische Mann in mir ist zu faul und der deutsche zu ungeduldig.

Aber dafür habe ich in dieser Zeit ja anderes gelernt und erfahren: Schläge einzustecken, von deren Wucht ich früher nichts geahnt hatte. Ich durfte Hunderte Male in Männerbäuche verschiedener Konsistenz schlagen. Ich weiß mittlerweile, wie es sich anfühlt, unter einem Berg von Russen zu liegen – es war nämlich eine der Übungen, unter drei Mitschülern hervorzurobben. Ich fühlte mich dabei wie ein Hamster, auf den eine Schrankwand gefallen ist. Das sind alles wertvolle Erfahrungen. Manchmal ist das Leben ja wie eine Schrankwand. Schade nur, dass der russische Geheimdienst mich nicht angesprochen hat, da hätte ich sicher noch was fürs Leben lernen können. Vielleicht habe ich auch einfach zu früh aufgegeben.

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