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Roman Der Geruch der Kindheit

Woher komme ich? Was ist Heimat? FR-Redakteur Viktor Funk hat einen Roman über die Identitätssuche junger Zuwanderer in Deutschland geschrieben. Ein Auszug.

Moldawien
Stille, Weite, ein einfacheres Leben: Die Protagonisten der Geschichte reisen nach Trebujeni in Moldawien. Foto: Viktor Funk

In unserem ersten Sommer reisten wir zu Maries Großmutter. Sie lebe tatsächlich in ‚Moldawien‘, erzählte Marie mir lächelnd. In ihrer Kindheit gab es die Grenzen zwischen Rumänien und Moldawien nicht, ihr Vater war Offizier und so hatte die Familie an verschiedenen Orten der rumänischsprachigen Region gelebt. Er hatte die Familie verlassen, als Marie 13 Jahre alt war. Später schrieb er ihr Briefe, Marie antwortete ihm nie. Ihre Mutter fand einen neuen Mann, aber Marie keinen neuen Vater. Ihre Mutter hatte sie ermuntert, ins Ausland zu gehen. Und als Marie weg war, packte auch sie ihre Koffer und ging mit ihrem Lebensgefährten nach Italien. In Rumänien war sie Buchhalterin gewesen, in Italien lebte sie illegal und putzte in privaten Wohnungen.

Als ich moldawischen Boden betrat, merkte ich, dass ich in der ehemaligen Sowjetunion gelandet war. Ein deutscher Tourist bekam die andere Mentalität zu spüren, als er den Flughafen von Kischinau fotografieren wollte. Kaum hatte er seine Kamera aus der Tasche gezogen und auf das Flughafengebäude im Sonnenuntergang gerichtet, schrie ihn ein Uniformierter an. „Stopp!“

Brücken, Flughäfen, Bahnhöfe und vieles andere galten in der Sowjetunion als strategische Ziele, und in manchen Winkeln des ehemaligen Imperiums hielten sich die Menschen immer noch an diese Regel und verboten das Fotografieren.

„Wo hast du mich bloß hingeschleppt?“, flüsterte der Tourist zu seiner Frau.

Marie und ich lachten. „Willkommen im Land der Verbote“, sagte ich.

„Das kann ich von Deutschland genauso sagen“, erwiderte Marie. „Kommentier’ nicht gleich alles.“

In der Ankunftshalle mussten wir Visa beantragen, die umgehend ausgestellt und in unsere Pässe geklebt wurden. Vor dem Flughafen wartete ein Dutzend Taxi-Fahrer. Sie tänzelten um jeden Passagier, den sie für einen Deutschen hielten. Ein kleiner Dicker hatte sich an Marie gehängt und stritt sofort mit anderen Fahrern, wenn sie uns ansprachen.

„Wie weit ist es?“, fragte ich Marie.

„Vielleicht 40 Kilometer, aber wir müssen noch durch Kischinau.“

„Wir müssen nach Trebujeni“, sagte Marie auf Rumänisch zum Taxifahrer, der ihr keinen Schritt von der Seite gewichen war.

Als er merkte, dass sie aus der Gegend ist, sackten seine Schultern ab, er atmete tief aus. „30 Euro für euch“, lautete sein Angebot.

„Mit dem Bus kommen wir für zwei Euro dahin. Ich gebe dir zehn und wir handeln nicht mehr“, sagte Marie.

„Es fährt kein Bus dahin. 30, ich muss ohne Passagiere zurückfahren.“

„Wenn ich ein offizielles Taxi aus der Stadt rufe, kostet es mich weniger als zehn Euro“, sagte Marie.

„Für zehn fahre ich euch in die Innenstadt. Der Weg zum Dorf ist gesperrt, Baustelle. Ich kann euch morgen über einen Umweg hinbringen, heute geht es nicht.“

Maries Oma hatte über die gesperrte Straße berichtet, trotzdem wollten wir nicht eine Nacht in Kischinau verlieren. Wir hatten nur eine Woche Zeit.

„Zehn Euro in die Stadt und zehn morgen zum Dorf“, bot der Fahrer an.

Marie blieb hart: „Zehn zum Dorf, ich kann auch andere Fahrer fragen.“

„Ach, zum Teufel, lass uns fahren“, gab der Fahrer auf.

Es dämmerte, der Fahrtwind drang in die geöffneten Wagenfenster, erfrischte uns und ließ uns frösteln. Wir waren in wenigen Minuten in der Stadt. Graue Wohnblöcke ragten in den hellgrauen Himmel. Die Fenster spiegelten die Scheinwerfer der Autos, nur aus wenigen Fenstern fiel Licht auf die Straßen.

„Dunkel hier“, sagte ich leise.

„Sommer ist Datschen-Zeit. Außerdem sind viele Menschen weggezogen“, sagte sie.

„Wie du.“

„Ich bin ja nicht von hier, aber da, wo ich herkomme, sieht es genauso aus. Du sitzt nicht einfach da und wartest, bis der Wohlstand zu dir kommt. Wer jung ist, lernen oder arbeiten will, der geht.“

Kurz bevor wir aus Kischinau herausfuhren, hielt der Fahrer an einer Telefonzelle und telefonierte. Auf der Landstraße sagte er, er würde uns an einer Baustelle einem Kollegen übergeben, der uns dann ins Dorf fahren würde. Wir schwiegen und verstanden diesen Passagieraustausch erst, als wir an der Baustelle angekommen waren. Die Straße war quer aufgerissen, mindestens fünf Meter breit schien der Graben zu sein und so tief, dass wir im letzten Tageslicht den Grund nicht sehen konnten. Rohre lagen auf beiden Seiten der Baustelle. Mehrere Bretter bildeten einen wackeligen Übergang zur anderen Seite des Grabens. Drüben fuhr ein Wagen heran, unser Fahrer drängte, die zehn Euro zu bezahlen, die er mit seinem Kollegen teilen werde, sagte er. „Gib ihm das Geld, das ist doch jetzt egal“, sagte ich, als Marie zögerte.

Wir nahmen unsere Koffer und balancierten über die Bretter. „Wie in Kasachstan. Jeden Sommer haben sie bei uns im Hof die Warmwasserrohre neu gemacht, jeden Sommer Baustellen, tolle Spielplätze.“

„Marie, bist du das?“ Der Mann auf der anderen Seite kam auf uns zu. „Marie, dass ich dich noch mal sehe, dass du noch zu uns kommst“, rief er. Er nahm ihr den Koffer aus der Hand, drückte sie und hob sie hoch. Es war der Nachbar von Maries Großmutter, Wassilij, wie er sich mir vorstellte.

Unterwegs erzählte er von der harten Zeit für die Großmutter, dass niemand sie besuche, dass sie im Winter Hilfe zum Einheizen brauche und dass er seinen Bruder verfluche, der in Italien lebe, aber keine Hilfe schicke. „Marie, du bist anders, du warst schon immer anders“, sagte er vor dem Haus der Großmutter. Als wir ihm Geld geben wollten, wurde er laut und streng. „Nicht von dir, Marie. Ihr müsst einen Abend zu mir kommen, ich heize die Banja ein, meine Frau macht Pirogi und dann erzählst du mir, wie du in Deutschland lebst. Versprochen? Versprochen!“ Er ging ohne unsere Antwort abzuwarten.

Das Tor öffnete sich und Maries Großmutter trat hinaus. Sie war einen Kopf kleiner als ihre Enkelin, ein weißes Tuch mit gestickten Blumen bedeckte ihr Haar. Um ihr Kleid hatte sie eine Schürze gebunden. Marie bückte sich und umarmte sie.

Sie hielten sich fest. Sie ließen sich Zeit.

[...]

Wir betraten einen kleinen Hof, über dem Wein wuchs. Am Tor stand eine verwaiste Hundehütte. Über der Haustür leuchtete eine kleine Laterne. Holzscheite lagen gestapelt an der Treppe. Wir gingen ins Haus, Glühbirnen ohne Lampenschirm erhellten die Räume, ein Wohnzimmer, das mit einer Küche verbunden war, ein kleines Schlafzimmer und ein größeres Zimmer, in das uns die Großmutter führte.

Ich trat ein und atmete tief ein. Äpfel lagen auf dem dunklen Bretterboden wie ein Teppich, ihr Aroma füllte den Raum, der Duft der Frühlingsblüten, die Hitze des Sommers und die frische Luft nach einem Gewitter. Mit jedem Atemzug erinnerte ich mich an Bilder aus dem Haus meiner Großeltern. In der Wohnung von Maries Oma standen Einmachgläser mit Marmeladen, Gurken, Tomaten und Essigfisch auf den Fensterbänken. Walnüsse lagen auf dem Tisch in der Küche und in verbeulten Aluminiumschalen Tomaten und Zucchini.

Die Großmutter begann, die Äpfel zusammenzuräumen.

„Lassen Sie sie bitte“, bat ich sie. „Wir haben unsere Äpfel auch so ausgebreitet, bevor wir sie eingekocht haben.“

„Wie ihr wollt. Was esst ihr denn? Ich habe frische Würste von einem Nachbarn, der hat grad geschlachtet, ich koche euch Kartoffeln ab und Eier habe ich auch, ich ...“

„Oma“, sagte Marie, „wir haben keinen Hunger. Setz’ dich doch.“

Sie setzte sich auf einen Stuhl und stand gleich wieder auf. Wir folgten ihr in die Küche und halfen, Tee aufzusetzen. Auf einem Schrank stand ein elektrischer Samowar, Staub hat ihn matt werden lassen. Maries Großmutter nahm einen Teekessel, goss Wasser ein und stellte ihn auf den Herd. Als das Wasser kochte, schüttete sie zwei Esslöffel schwarzen Tee hinein. Marie holte Pralinen aus ihrem Koffer und gab sie der Großmutter.

Die Toilette war draußen auf dem Hof; 3500 Kilometer weiter östlich mussten auch meine Großeltern bei jedem Wetter raus, an den Gemüsebeeten und dem Hühnerstall vorbei, um auf Toilette zu gehen. In den Sommernächten leuchteten sie mit einer Taschenlampe den Weg aus, im Winter erhellte Schnee den Hof.

 

So einen Sternenhimmel habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Ich ließ die Frauen allein und saß auf einer Bank draußen.

Ich schloss die Augen, ein Hund kläffte, Grillen zirpten und in meiner Vorstellung saß ich im Hof meiner Großeltern unter dem wilden Wein, der auf der Sommerterrasse Schatten spendete. Am Abend wartete ich oft, bis meine Großmutter mich rief und sagte, ich solle endlich schlafen gehen. „Gleich“, antwortete ich, dann lief ich noch einmal zum Hühnerstall, sah die Hühner auf den Holzstangen sitzen, und hörte, wie sie nervös wurden, weil sie mich nicht sahen, aber merkten, dass jemand neben ihnen stand. Ich lief zur Toilette und zu meinem Hund Malysch. Manchmal versteckte ich mich in seiner Hütte, und meine Großmutter suchte nach mir. Sie konnte nicht böse sein. Selbst wenn sie streng mit mir sprach, hörte ich ihr gern zu. In ihrer Stimme war so viel Wärme und Liebe, dass ihre Belehrungen wie Märchen klangen.

Ich habe meine halbe Kindheit in ihrem Haus verbracht, und als meine Eltern eine eigene Wohnung bekamen, besuchte ich sie jeden Tag. Auch unseren letzten Tag in Kasachstan hatten wir bei den Großeltern verbracht. Es war im Januar 1990. Der Schnee fiel und niemand dachte, dass die Sowjetunion zu bersten begonnen hatte. Unsere Wohnung hatten wir aufgegeben und warteten bei meinen Großeltern auf das Taxi, das uns am späten Abend zum Flughafen bringen sollte. Ich saß im Hof mit Malysch, der so alt war wie ich. Das Taxi hupte. Und als wir uns verabschieden mussten, machte meine Großmutter es mir leicht und lächelte. Sie ließ ihre Tochter, ihren Schwiegersohn und ihre Enkelkinder gehen und trug ihren Schmerz so verborgen, dass der Abschied wie ein Alltagsmoment erschien.

 

„Alles okay?“ Maries Stimme holte mich aus meiner Kindheit zurück.

„Bin nur müde.“

„Ich habe unsere Betten gemacht, leg dich hin. Ich bleib noch bei meiner Oma.“

Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal so tief geschlafen habe. Als ich aufwachte, war ich allein im Raum. Marie saß im Schlafanzug in der Wohnstube, sie trank Kaffee und sah ihrer Großmutter zu, wie sie Teig anrührte. In einer Pfanne brutzelte Fett, auf dem Tisch standen Schmand, Honig, Marmeladen, Butter und Quark, Zutaten für Pfannkuchen.

„Meine Oma sagt, wir sind zu dünn“, begrüßte mich Marie. „Sie will uns aufpäppeln.“

Aus dem Küchenfenster sah ich alte Kaninchenkäfige am Zaun. Ob sie noch welche halte, fragte ich die Großmutter auf Russisch. „Nein, das Futter ist zu teuer“, erklärte sie, „und ich kann keinen Vorrat mehr für den Winter schneiden.“

Sechs bis acht Kaninchen hatten meine Großeltern gehabt, solange ich mich erinnern kann. Die Enkelkinder trugen im Winter Uschankas aus Kaninchenfell – warme Mützen mit breiten Ohrklappen, die wir unter dem Kinn zusammenbanden. Ich war sechs Jahre alt gewesen, als ich meinem Großvater beim Schlachten eines Kaninchens zugesehen habe. Er hatte versucht, mich wegzuschicken, doch ich bin stehengeblieben, er lächelte und begann sein Werk.

Der Tod kam schnell. Ein kleiner Hammer, ein Schlag zwischen die Ohren, zwei-, dreimal noch schlug das Kaninchen in der Hand meines Großvaters mit seinen Läufen aus.

Der weiche Körper hing an zwei Schlaufen, die um die Hinterläufe gelegt waren. Großvater schnitt um den Knöchel an einem Bein, führte die Klinge entlang der Beininnenseite und im Becken am Schwanz entlang bis zum anderen Knöchel. Noch war kein Tropfen Blut geflossen. Dann hob mein Großvater das Fell an einem Gelenk mit dem Messer an, schnitt in das Fett zwischen dem Fell und den Muskeln, lockerte das Fell auch am anderen Gelenk und zog es anschließend von den Beinen über den Rücken bis zum Kopf ab. Als das Kaninchen ausgezogen war, tropfte sein Blut runter und tränkte die Erde. Das Fell lag in einer Schüssel, und als ich mich wieder gefangen hatte, sah ich ein kleines Herz, Nieren und eine kleine Leber in der Hand des Großvaters.

„Das ist das Beste“, sagte er.

Großvater zerlegte das Tier. Das Leben wich als Dampf aus seinem Körper in den endlosen kasachischen Himmel. Die Schenkel, Rückenstücke und die Innereien trug ich in einer Schüssel zu der Großmutter. Auf dem gusseisernen Kohleherd stand ein großer, schwarzer Topf. Zwiebelringe und Möhrenscheiben lagen in einer Tasse. Großmutter spülte das Fleisch ab, legte es in den Topf, gab das Gemüse rein, einige Pfefferkörner und Lorbeerblätter und deckte den Topf zu. Die Innereien schnitt sie klein, hackte eine Zwiebel, rieb eine Möhre und gab alles zusammen in eine tiefe Pfanne, in der das Sonnenblumenöl schon so heiß war, dass Bläschen aufstiegen.

 „Magst du Kaninchenfleisch?“, fragte ich Marie, als wir die Pfannkuchen aßen.

„Nie gegessen. Und will ich auch nicht.“

Am ersten Tag verließen wir den Hof nicht. Marie kochte mit ihrer Großmutter und ich las, aß und schlief. Zeit schien keine Bedeutung zu haben und war doch so kostbar.

Am Abend klopfte der Nachbar und sagte, am nächsten Nachmittag sollen wir zu ihm kommen. Er bat Maries Großmutter, Kompott zu machen, und wir sollten nicht zu spät kommen.

Wir schliefen unter alten, dünnen, wattierten Decken bei weit aufgerissenen Fenstern in einer Stille, die ich seit der Abreise aus dem Land meiner Kindheit nicht mehr erlebt habe. Am nächsten Morgen weckte uns ein Hahn, Maries Großmutter hatte Eier gebraten und Hirsebrei mit frischer Milch gekocht. Nach dem Frühstück packten wir einen kleinen Rucksack und gingen hinaus.

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