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Revisionsprozess im Fall Jacqueline Völliges Desinteresse

Knapp zwei Jahre nach dem Hungertod der kleinen Jacqueline aus dem hessischen Bromskirchen stehen die Eltern erneut vor Gericht. Vieles war ihnen wichtig - nur nicht ihr Kind. Von Jutta Rippegather

Die Mutter (2.v.l., verdeckt) des verhungerten Kindes Jaqueline aus Bromskirchen mit ihren Anwälten Gudrun Meyer (l) und Werner Momberg, sowie Jaquelines Vater (2.v.r.) mit seinem Anwalt Frank Richtberg (r) im Landgerichts Marburg im Oktober 2007. Foto: dpa, Archivbild

Er hat seiner Tochter kein einziges Mal die Windel gewechselt oder sie gefüttert. Er hat ihr nie beim Baden zugeschaut oder mit ihr gespielt. Jacqueline hat in ihrem kurzen grausamen Leben nie sonntagsfrüh mit ihren Eltern im Bett gekuschelt.

Ihr Erzeuger weiß noch nicht einmal, ob sie "Papa" sagen konnte. Und für die empfohlenen Vorsorgeuntersuchungen hat er sich nie interessiert. "Ich habe viel vergessen, viel verdrängt", sagt der 35 Jahre alte Industriemechaniker, der lieber mit den Hunden am See spazieren ging, als sich um seine Tochter zu kümmern. "Ich war einfach überfordert, das wuchs mir alles über den Kopf."

Fast drei Stunden dauert die Befragung des kräftig gebauten Mannes am ersten Prozesstag vor der Schwurgerichtskammer am Landgericht Gießen. Mehrfach steigen ihm die Tränen in die Augen. Seine neben ihm sitzende mitangeklagte Ehefrau wirkt ungerührt. Sie schweigt zum Prozessauftakt, verbirgt ihr Gesicht hinter den langen braunen Haaren. Fast pausenlos macht sie sich in ihrem DIN-A-4-Spiralblock Notizen. Die 23-Jährige sitzt in Frankfurt in Untersuchungshaft. Ihr Ehemann ist derzeit auf freiem Fuß und arbeitet als Lastwagenfahrer.

Dass er Vater wurde, hatte sie ihm erst mitgeteilt, als seinerzeit die Wehen einsetzen. "Man hat es ihr nicht angesehen", sagt er. Er habe sich trotzdem gefreut, schnell das Obergeschoss für das Kind renoviert, Möbel besorgt. "Die Kleine", sagt er immer. Nur einmal kommt der Name Jacqueline über seine Lippen. Es war eine geteilte Welt, in der die Kleinfamilie in den letzten Lebenswochen des Mädchens gelebt haben muss. Oben separiert und wie ein Gegenstand abgestellt das Kind in einem Umfeld, das zunehmend verlotterte.

Unten standen sieben bis acht gut gepflegte Aquarien, der Fernseher, hier hielten sich die Hunde auf, wurde stark geraucht. Zigaretten, Haschisch, ab und zu Amphetamine - so vergnügte sich das Ehepaar. Blieb neben Arbeit und Hunden noch Zeit, trieb der Industriemechaniker die Renovierung des maroden Fachwerkhauses voran, das er als "Bruchbude" tituliert. Unterdes schritt die Vermüllung des Hauses voran. Im Polizeiprotokoll ist von Essensresten, Bergen schmutziger Wäsche und Abfallsäcken die Rede.

Wann er das letzte Mal das Kind gesehen hat, weiß der Angeklagte nicht mehr so genau. Er kann sich auch nicht mehr daran erinnern, wann er aufhörte, das Obergeschoss zu betreten. "Sie schläft, Du weckst sie nur", habe seine Frau gesagt, wenn er nach seiner Schicht nach "der Kleinen" schauen wollte. Ein großes Bedürfnis war es ihm offenbar nie.

Auch am Todestag seiner kleinen Tochter war er wie so oft mit den beiden Hunden in der Nähe des Sees unterwegs. Der einzige Freund, den er offenbar hat, überbringt ihm die schlimme Nachricht und bringt ihn in die Arztpraxis, wo schon zwei Polizeibeamte warten. Die Nachricht über den Tod Jacquelines habe ihn völlig unvorbereitet getroffen, sagt der Angeklagte: "Ich habe bis heute nicht begriffen, was passiert ist."

Der Prozess wird fortgesetzt.

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