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Religion Modernisierung führt keineswegs zur Säkularisierung

Ein Gespräch mit dem Sozialwissenschaftler Hans Joas über kollektiven Rausch, humanistische Ideale und den Autoritätsverlust der Kirche.

Missionskirche
„Alle Menschen machen Erfahrungen der Selbstüberschreitung“, sagt Joas. Hier Mitglieder einer afrikanischen Missionskirche in Kenia. Foto: afp

Herr Professor Joas, wer angenommen hätte, dass Religion in der modernes Gesellschaft ein aussterbendes Phänomen sei, muss zur Kenntnis nehmen, dass er sich getäuscht hat. Woran liegt das?
Das liegt zunächst einmal daran, dass die Vorstellung, Modernisierung führe quasi automatisch zur Säkularisierung, seit jeher falsch war. Das hat sich durch ein verbessertes Verständnis der Ursachen europäischer Säkularisierung und durch gegenwärtige Entwicklungen in der Welt außerhalb Europas immer deutlicher gezeigt. Spannender noch ist, ob die europäische Geschichte in dieser Hinsicht eine lange Vorgeschichte hat. Der Soziologe Max Weber hat für diese angebliche Vorgeschichte den Schlüsselbegriff der „Entzauberung“ geprägt.

Worum geht es dabei?
Niemand wird ernsthaft behaupten, es habe in Europa vor dem 18. Jahrhundert den Nicht-Glauben als Massenphänomen gegeben. Gewiss gab es seit der Renaissance einzelne nicht-gläubige Intellektuelle, es gab verbreitet Anti-Klerikalismus oder auch religiöse Gleichgültigkeit in Teilen der Bevölkerung. Aber das ist etwas anderes als ein bewusstes Verfechten eines nicht-religiösen Weltbilds. Weber hat nun behauptet, dass schon mit der Magie-Feindschaft der alttestamentlichen Propheten ein Prozess der Entzauberung begonnen habe, der sich dann im europäischen Christentum mit der Reformation fortgesetzt und auch zu wissenschaftlicher Revolution und Aufklärung geführt habe. Diesen Gedankengang zu überprüfen, das war ein Hauptziel meiner Untersuchung.

Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?
Ich behaupte, dass eine begriffliche Mehrdeutigkeit die Voraussetzung für die Geschichte ist, die Weber erzählt. Die Bekämpfung von Magie, die Schwächung von Heiligkeitsvorstellungen und der Verlust von Transzendenz etwa sind drei völlig unterschiedliche Prozesse, die man nicht einfach hintereinander schalten oder unter dem einen Begriff der Entzauberung zusammenwerfen darf. Es ist manchmal genau umgekehrt: Der Kampf gegen die Magie zum Beispiel soll ja die Vorstellung von Gott erhöhen, stärken – und gerade nicht zerstören.

Wird damit auch die Vorstellung hinfällig, dass die Religion in unserer Welt immer schwächer wird?
Ich kann und will weder eine feststehende Entwicklung hin auf das Verlöschen und Verschwinden der Religion noch in Richtung einer neuen „Verzauberung“ behaupten. Ich tue das schon deshalb nicht, weil ich die Begrifflichkeit – wie erwähnt – für allzu schillernd halte. Was ich behaupte, ist die Entstehung immer neuer Sakralisierungen. Die menschliche Vorstellung von etwas Heiligem ist nicht beschränkt auf etwas Vergangenes, von dem wir noch heute zehren. Auch in unserer Zeit kommen neue Formen des Heiligen auf. Das Heilige gibt es auch keineswegs nur innerhalb der Religionen. Das ist mir sehr wichtig. In Umfragen, was den Menschen heilig sei, antworten manche Menschen: „Nichts, da ich keiner Religionsgemeinschaft angehöre“. Diese übersehen, dass die Erfahrung des Heiligen etwas universell Menschliches ist. Das lässt sich an den Werten, an denen Individuen sich orientieren, leicht zeigen. Es gilt aber auch für die großen politischen Bewegungen und Weltbilder. Die Kommunisten haben den einbalsamierten Leichnam Lenins oder die rote Fahne kultisch verehrt. Liberale Humanisten halten die Würde des Menschen für unantastbar und bestehen somit auf der Sakralität jeder Person. Selbst dem übelsten Verbrecher, dem grausamsten Terroristen kommt deshalb im Rechtsstaat eine menschenwürdige Behandlung zu. Daran sieht man: Auch das Weltbild des Grundgesetzes enthält Elemente einer – nicht-religiösen – Sakralität.

Was folgt daraus?
Zunächst einmal der Verzicht auf die vorschnelle historische Untermauerung von Werturteilen im Gefolge von Webers Rede von der Entzauberung. Ich würde nie sagen: „Die fortdauernde Präsenz von Religion als solche ist gut oder schlecht.“

Sondern?
Ich ärgere mich manchmal, dass sogenannte Säkulare so tun, als wäre ihre Position von vornherein identisch mit aufklärerischer Rationalität und demokratisch-menschenrechtlicher Orientierung; als müsste man den Säkularismus nicht auch mit dem Stalinismus, dem Maoismus und Teilen des Nationalsozialismus verbinden. In moralischen und politischen Fragen verläuft die Frontlinie nicht zwischen Säkularen und Religiösen, sondern zwischen Universalisten und Partikularisten. Und ich plädiere dafür, dass sich die Universalisten – ob säkular oder religiös – zusammentun gegen die Partikularisten jeglicher Couleur.

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