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Reisen Nischen-Anbieter wachsen rasant

Pauschalurlaub in einem großen Hotel am Strand? Für viele Reisende ist das ein Albtraum. Sie haben ganz andere Vorstellungen von ihren Ferien.

Baumhaus
Das Baumhaus La Piantata im italienischen Viterbo eignet sich nur für schwindelfreie Urlauber. Foto: Ecobnb

Wer billig reisen will, der kann im August schon für gut 400 Euro eine Woche auf Mallorca im Drei-Sterne-Hotel verbringen. Die einschlägigen Reiseveranstalter bieten mit ein paar Klicks das Gesamtpaket aus Flug, Essen und Doppelzimmer.

Das ist allerdings nicht für jeden was. Die Zahl derjenigen, die auf der Suche nach einer individuellen Unterkunft sind, wächst stetig. Junge Start-ups decken mittlerweile so ziemlich alle Wünsche ab. Manchmal werden diese Geschäftsideen per Zufall geboren.

Die Erfahrung machte auch Hubert Laurent. An einem Freitagabend, erzählt der Franzose, der mit seiner Familie in einem kleinen Ort in der Bretagne lebt, fragte ihn seine 16-jährige Tochter, ob die ganze Familie nicht für ein Jahr nach London ziehen könne, sie wolle fließend Englisch sprechen lernen. „Das wäre sicher das Beste, um die Sprache wirklich zu lernen“, gab Laurent ihr recht, „aber wir können doch nicht einfach unser ganzes Leben für zwölf Monate hinter uns lassen.“

TalkTalkBnb ging im März 2016 online

Dafür machte er ihr einen anderen Vorschlag: Warum nicht zu Hause Englisch mit Muttersprachlern sprechen? „Ich sagte zu meiner Tochter: ‚Es gibt schließlich genug Engländer, Amerikaner und Kanadier, die in der Umgebung Urlaub machen und in Hotels oder Jugendherbergen wohnen. Die wären bei uns mit Sicherheit besser aufgehoben. Sie könnten kostenlos bei uns wohnen und wir könnten alle unser Englisch verbessern.‘“

Und weil er so ein Netzwerk im Internet nicht finden konnte, gründete Laurent kurzerhand selbst eins: Die Plattform TalkTalkBnb ging im März 2016 online: Wer sich als Gastgeber registriert, stellt Unterkunft und Verpflegung zur Verfügung und bekommt im Gegenzug so was wie einen Sprachkurs. Das ist für beide Seiten kostenlos. Auch Laurent, hauptberuflicher Übersetzer, und sein Team verdienten anfangs kein Geld.

Inzwischen sind mehr als 25.000 Menschen in 120 Ländern über TalkTalkBnb vernetzt. Die meisten der angemeldeten Reisenden und Gastgeber kommen aus Frankreich, Italien und Südamerika. Die schnelle Verbreitung habe TalkTalkBnb vor allem den sozialen Netzwerken zu verdanken, sagt der 50-jährige Laurent. Und außerdem hätten andere erfolgreiche Modelle wie Airbnb oder Blablacar (eine internationale Mitfahrzentrale – Anm. d. Red.) den Weg geebnet.

Plattform für junge Reisende mit schmalem Budget

Vor allem für junge Reisende mit schmalem Budget ist die Plattform eine Chance, sich die Welt anzusehen. Die 27-jährige US-Amerikanerin Amanda Elsner etwa reiste vergangenen Sommer ins französische Lorient. Noch heute schwärmt sie vom herzlichen Empfang. „Meine Gastgeberin Nathalie und ihre Familie haben sich sehr viel Mühe gegeben. Sie waren froh, mit mir Englisch sprechen zu können, haben mir die Gegend gezeigt und mich mit bretonischem Essen verwöhnt“, erzählt sie begeistert.

Laurent bietet mittlerweile auch großen Firmen mit Niederlassungen in mehreren Ländern die Möglichkeit, über seine Plattform geschützte Netzwerke zu bilden. Eine Sekretärin aus Paris kann so für eine Weile ihren Job mit einer Sekretärin aus Berlin tauschen. Auch die Kinder von Mitarbeitern nutzten das Angebot zum Sprachaustausch. Das sei für die Unternehmen günstiger als andere Programme und bringe TalkTalkBnb Einnahmen, erklärt Laurent.

Im Bett liegen und in den Sternenhimmel gucken

In den vergangenen Jahren ist die Zahl von Nischen-Reiseanbietern im Internet rasant gewachsen. Für fast jedes Interesse lässt sich ein Portal finden. Noirbnb etwa will speziell schwarzen Reisenden eine sichere Unterkunft ganz ohne Diskriminierung vermitteln und misterb&b vermittelt weltweit Zimmer für Schwule, Lesben, Bisexuelle und Transgender.

Ein weiterer Anbieter auf dem umkämpften Reisemarkt ist das Portal Ecobnb, das seinen Schwerpunkt auf nachhaltiges Reisen legt. Auch das entstand aus dem persönlichen Interesse seines Gründers Simone Riccardi. Der war zu einer Konferenz in Süditalien eingeladen und fand keine ökologisch zertifizierte Unterkunft. Also rief er im Februar 2015 mit einigen Freunden das erste grüne Reiseportal Italiens ins Leben. Aktuell bietet Ecobnb weltweit mehr als 2500 Übernachtungsmöglichkeiten an, vor allem in Italien, Deutschland, Slowenien, Österreich, Serbien und in der Schweiz.

Ecobnb unterstützt nach eigenen Angaben vor allem kleinere Anbieter, die es schwer haben, sich bekannt zu machen. Darunter sind auch ungewöhnliche Orte, etwa eine mittelalterliche Burg in Umbrien, ein Iglu im Südtiroler Schnalstal oder die Grüne Kugel auf Sizilien. Die steht im Garten eines Bauernhauses und hat den Charme, dass man vom Bett aus den Sternenhimmel sehen kann. Das Portal wächst stetig, im März dieses Jahres waren bereits mehr als 70.000 Nutzer angemeldet.

Ecobnb, das von der Europäischen Union mitfinanziert wird, legt Wert darauf, dass auch die Server der Webseite mit erneuerbaren Energien betrieben werden. Soll heißen, der ökologisch anspruchsvolle Urlauber kann ruhigen Gewissens sein Geld ausgeben.

Webseiten:

www.talktalkbnb.com

www.ecobnb.de

www.noirbnb.com

www.misterbnb.com/de

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