Lade Inhalte...

Redoine Faid Majestät will nicht essen

Redoine Faid ist über Frankreich hinaus bekannt für seine Neigung, Gefängnisse vorzeitig zu verlassen. Zurück im Hochsicherheitstrakt ist der „König der Ausbrecher“ nun in den Hungerstreik getreten.

Wohngegend in Creil
Unscheinbare Wohngegend in Creil: Hier wurde Faid in der vergangenen Woche festgenommen. Foto: afp

Das war es dann wohl. Redoine Faid, der bisher noch aus fast jedem französischen Gefängnis ausgebrochen ist, dürfte in diesem an seine Grenzen stoßen. Im 2015 fertiggestellten Hochsicherheitstrakt von Vendin-le-Vieil sitzt der Mitte vergangener Woche festgenommene Schwerverbrecher ein. Sicherheitsnetze hängen über den Gefängnishöfen und verhindern die Landung von Drohnen oder Hubschraubern. Isoliert von Mitgefangenen, darf Faid seine Zelle allenfalls in Handschellen und Begleitung zweier Wärter verlassen. Wie soll Frankreichs Staatsfeind Nummer eins da noch das Weite suchen? Zumal er nicht mehr der alte ist.

Redoine Faid ist außergewöhnlich erfindungsreich

Der von 3000 Polizisten verfolgte Franzose algerischer Herkunft, den ein Kommando schwerbewaffneter Gendarmen in der Pariser Vorstadt Creil um 4.20 Uhr früh aus dem Schaf riss, hatte mit dem von Vorstadtkids angehimmelten Ausbrecherkönig nicht mehr viel gemein. Blass und abgemagert war er. Am Körper schlotterte ein weißes Nachthemd. Nicht weit vom Bett lagen die Burka, unter der sich der 46-Jährige zu verstecken pflegte, wenn er das Haus verließ, sowie ein Revolver und eine Maschinenpistole. Faid machte keine Anstalten, zu einer der Waffen zu greifen. So brutal er bisweilen zu Werke gehen kann, wenn er Geldtransporter überfällt oder Geiseln nimmt: Er versteht sich als Gentleman, der ein Blutvergießen möglichst vermeidet.

Als wäre er nicht schon geschwächt genug, ist Faid Anfang der Woche dann auch noch in Hungerstreik getreten. Das Los seiner ebenfalls festgenommenen Familienangehörigen hofft er damit zu lindern, die ihm nach Erkenntnissen der Polizei bei der letzten Flucht wie auch danach zur Seite standen.

Wenn die Strafverfolgungsbehörden ungeachtet der Gebrechlichkeit des Gefangenen größtmöglichen Sicherheitsaufwand betreiben, dann nicht zuletzt wegen jener Flucht. Filmreif war sie. Drei Komplizen, nach Erkenntnissen der Polizei Faids großer Bruder Rachid und zwei Neffen, hatten für den 1. Juli einen Flug mit einem Helikopter gebucht. Das Trio zwang den Piloten, in einem kleinen Innenhof des in Réau südlich von Paris gelegenen Gefängnisses zu landen. Die Gesichter vermummt, Maschinenpistolen in der Hand, bahnten sich die Befreier mit Kreissägen den Weg zum Besuchertrakt, wo Faid mit einem anderen Bruder zusammengekommen war. Rauchbomben zündend, stürmten der Häftling und seine Befreier zum Hubschrauber zurück, hoben ab. Nach zehn Minuten war alles vorbei. Zurück blieb verwirrtes und eingeschüchtertes Wachpersonal.

Dabei war Faids Neigung, Strafvollzugsanstalten vorzeitig zu verlassen, der Gefängnisleitung bekannt gewesen. Im April 2013 hatte er seiner Haft kaum minder spektakulär ein Ende gemacht. Mit in der Zelle gehortetem Sprengstoff und einer Pistole bahnte er sich in der Strafvollzugsanstalt von Lille den Weg nach draußen, nahm vier Geiseln, ließ sie wieder frei, legte fünf Gefängnistore in Schutt und Asche.

Zur Vorsicht gemahnt die Strafverfolgungsbehörden zudem der außergewöhnliche Erfindungsreichtum des Häftlings. Der Einfall, sich in einer Burka polizeilicher Verfolgung zu entziehen, dürfte in die Kriminalgeschichte eingehen. Wären die zur Wiederergreifung des Flüchtigen aufgebotenen 3000 Polizisten nicht bereits mit Hilfe umfassender Telefonüberwachung Faids Versteck nahegekommen, die Ganzkörperverhüllung hätte sich als perfekte Tarnung erweisen können. So freilich berichteten Beamte ihren Vorgesetzten von „erstaunlich eckigen Bewegungen einer Burkaträgerin“.

Vermutlich wird Faid trotz geschwächten Zustands und verstärkter Sicherheitsvorkehrungen tun, was er bisher immer getan hat: Er wird Fluchtvorbereitungen treffen. Womöglich wird er sich die Zeit bis zum nächsten Ausbruchsversuch wieder als Schriftsteller betätigen. Vor acht Jahren hatte er sich die Langeweile hinter Gittern mit dem Schreiben einer Biographie verkürzt. „Einbrecher“, lautet der Titel. Die Zeiten, da Faid zwischen Gefängnisaufenthalten Talkshows zu beleben pflegte, sich in perfekt sitzendem Anzug mit wortgewandter Rede hervortat, dürften allerdings ein für allemal vorbei sein.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen