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Recycling-Häuser Auf Müll gebaut

Kloschüsseln als Badezimmerkacheln, Zapfhähne als Armaturen, Weinkorken als Fußboden – der US-Amerikaner Dan Phillips baut Häuser aus Schrott. Sein Traum: Den amerikanischen Immobilienmarkt zu revolutionieren.

23.03.2011 16:19
Nina Rehfeld
Dan Phillips. Foto: AFP

Kloschüsseln als Badezimmerkacheln, Zapfhähne als Armaturen, Weinkorken als Fußboden – der US-Amerikaner Dan Phillips baut Häuser aus Schrott. Sein Traum: Den amerikanischen Immobilienmarkt zu revolutionieren.

Dan Phillips hat was übrig für die Wegwerf-Gesellschaft – und die Wegwerfgesellschaft hat etwas übrig für ihn. Alte Bilderrahmen, CDs und Toilettenschüsseln, verbogene Balken und zersprungene Scheiben, kaputte Keramik, abgelaufene Nummernschilder, ja sogar die Gerippe verendeter Tiere sind für den 64-Jährigen Rohstoffe zum Häuserbau. Seit zwölf Jahren konstruiert Phillips in dem texanischen Städtchen Huntsville, knapp eineinhalb Autostunden nördlich von Houston, günstige Wohnungen aus dem, was andere Leute als Schrott aussortiert und weggeworfen haben.

Dabei erinnern die Domizile des Texaners nicht etwa an einen Favela-Verschlag, sondern an Pippi Langstrumpfs Villa Kunterbunt. Viel Holz, viel Ornament – und über und über Phantasievolles: Tischflächen aus Holzscheiben, Böden aus Kronkorken, Dächer aus alten Nummernschildern.

In seiner Stadt, sagt Philipps über die 35?000-Seelen-Gemeinde, werde jede Woche genügend weggeworfen, um ein Haus draus zu bauen. Phillips findet für fast alles eine neue Funktion: Kloschüsseln werden zu bauchigen Badezimmerkacheln, Bilderrahmen zur Deckenverkleidung, Flaschenböden zu Lichtquellen in Türen und Wänden, Zapfhähne zu Armaturen und Rinderknochen zu Deko-Elementen. „Die meisten Leute bauen Häuser nach einer Vorstellung, für die sie dann das entsprechende Material besorgen“, sagt er. „Ich entwerfe meine Häuser um das verfügbare Material herum.“ 14 seiner Häuser stehen mittlerweile in Huntsville. Ästhetische Schützenhilfe inmitten seiner Schrotthaufen bekommt er von seiner Frau Marsha, einer Kunstlehrerin.

Bauen für weniger als 330 Dollar pro Quadratmeter

Schon als Vierzehnjähriger bastelte sich Dan Phillips ein Fahrrad aus dem Krimskrams zusammen, den er auf der Müllkippe seiner Heimatstadt Littleton in Colorado fand. „Ich wollte immer schon Dinge bauen, und auf Müllkippen fühlte ich mich wie im Bonbonladen.“ Über die Jahre begann der Mann, der sich unter anderem als Sicherheits-Offizier in der US-Army, Tanzlehrer und Antiquitätenhändler verdingte, über den Bau eines Hauses nachzudenken, für das man keine neuen Materialien verwenden müsste, eines recycelten Hauses. 1997 nahm er eine Hypothek auf sein eigenes Haus auf, eineinhalb Jahre später war sein erstes Stück fertig.

„Ob es schwierig war?“, Dan Phillips holt kurz Luft. „Nö. Man muss ein paar Grundregeln der Physik und die örtliche Bauverordnung beachten. Aber ansonsten gibt es in jeder Stadtbücherei Anleitungen zum Hausbau, und im Zweifel fragt man halt mal an der nächsten Baustelle nach. Es gilt nicht ein wohlgehütetes Geheimnis zu knacken.“

Er baut für weniger als 330 Dollar pro Quadratmeter und verkauft für rund 440. Das sei etwas mehr als halb soviel wie der ortsübliche Immobilienpreis, sagt er.

Nicht alles in Phillips’ Häusern stammt von der Müllkippe. Manches nimmt er Großhändlern ab, die auf Resten sitzenbleiben, anderes wird ihm gestiftet – wie die Weinkorken, aus denen er einen Fußboden baute. Aber Dan Phillips hat eine größere Mission als das Recyceln an sich: Er ist ein Verfechter architektonischer Imperfektion. „Ich stelle Makel aus!“, sagt Phillips, und das kommt im verbesserungswütigen amerikanischen Denksystem einem anarchischen Anschlag gleich. „Wenn Ihnen Dellen, Beulen und Unregelmässigkeiten das Leben ruinieren, sollten Sie lieber nicht in einem meiner Häuser wohnen.“ In Vorträgen zitiert Phillips Nietzsche, Plato und Satre, um zu erklären, warum es „reine Nervensache“ ist, seinen eigenen Stiefel jenseits standardisierter Klon-Architektur zu machen. Das Eigenheim sei schließlich die Verkörperung des amerikanischen Traums, und es will ihm nicht in den Kopf, warum sich die Leute dessen Maße und Materialien diktieren lassen.

Feind von ausschweifenden Eitelkeiten

Er kann sich in Rage reden, wenn es um gängige Günstig-Behausungen geht – den Wohncontainern, wie man sie in Trailerparks findet. „Hier haben wir eine echte architektonische Schande“, schimpft Phillips, „mit der strukturellen Stabilität einer Maispflanze!“

Phillips’ eigene Häuser sind stabil, aber klein – zwischen 40 und 85 Quadratmeter Wohnfläche – und schlicht: Begehbare Schränke, Spülmaschinen und Esszimmer sind für den 64-Jährigen überflüssiger Luxus.

Überhaupt hat er etwas gegen ausschweifende Eitelkeiten. Gelegentliche Anfragen vermögender Menschen, ihnen für viel Geld eine schicke Recyclingvilla aufs Grundstück zu stellen, schlägt er aus. „Der Zweck von Geld ist doch, damit zu tun, was man gerne macht. Und das tue ich ja bereits: kreativ Bauen.“

Seine kunterbunten Häuschen vermietet und verkauft er an einkommensschwache Menschen und Künstler. „Aber meine kühnste Fantasie ist, dass meine Häuser Eingang in die Sehnsüchte der Mittelklasse finden. Dann könnten wir vielleicht wirklich anfangen, ein paar Probleme unserer Exzess-Gesellschaft zu lösen.“

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