Lade Inhalte...

Raul Krauthausen „Freiheitsberaubung bei offener Tür“

Inklusions-Aktivist Raul Krauthausen spricht im FR-Interview über beklagenswerte Zustände in Behinderten-Einrichtungen.

In vielen Werkstätten oder Wohnheimen fehlt es an Empathie und Fürsorge. Foto: Ina Fassbender/rtr

Herr Krauthausen, der jüngste Bericht über Zustände in Behinderten-Einrichtungen in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz ist erschreckend. Sind das Ausnahmen oder die Regel?
Das kommt uns sehr bekannt vor. Und diese Zustände müssen jetzt unbedingt an die Öffentlichkeit. Viele Betroffene erzählen ähnliche Dinge, seien es Bewohner oder Beschäftigte. Dabei geht es in unserer Kritik nicht um den Berufszweig der Pfleger oder um einzelne Mitarbeiter, sondern um Strukturen, die das zulassen und nicht publik werden.

Welche Strukturen sind das?
Die totale Isolation von Menschen mit Behinderung innerhalb der Mehrheitsgesellschaft. Sie befinden sich dort in der Abhängigkeit von anderen Menschen, die sie misshandeln können. Man spricht auch von der sogenannten totalen Institution. Wir sind im Übrigen entsetzt von den Reaktionen der Leitungen der Lebenshilfe und der Werkstätten auf die Berichte. Es fehlt dort an Empathie und Solidarität. Die Verantwortlichen tun so, als ob das alles etwas Neues wäre. Sie wischen Verantwortung weg und zeigen auf andere, so dass am Ende niemand die Verantwortung übernimmt und die Zustände so bleiben, wie sie sind.

Was ist zu tun?
Der einzige Ausweg aus dem Dilemma ist die Abschaffung von Sonderstrukturen und das Reinholen von behinderten Menschen in die Mitte der Gesellschaft. Wir brauchen Regelschulen, kleine Wohngruppen und die Integration in den ersten Arbeitsmarkt. Das heißt: Wir müssen andere Strukturen aufbauen, statt einzelne Maßnahmen in bestehenden Strukturen wie Sonderrichtungen zu verbessern. Wir brauchen ein Umdenken, kein „Weiter so“.

Wer kann und sollte diese Veränderungen anstoßen?
Das Problem ist, dass bei der Lebenshilfe oft Politiker tätig sind. Die Verzahnung mit der Politik ist enorm. Wir müssen deshalb die Verantwortung und auch die Qualitätskontrolle, die Glück und Wohlbefinden misst, den Betroffenen zurückgeben.

Wenn es so eine Verzahnung mit der Politik gibt, wie Sie sagen, wird die Politik diese Veränderung ja kaum leisten können. Wer kann es denn dann tun?
Die Betroffenen oder unabhängige gemeinnützige Vereine. Es muss auf jeden Fall eine Öffnung geben und mehr Transparenz. Angekündigte Kontrollbesuche sind ein Witz. Ich war im vorigen Jahr selbst fünf Tage lang undercover in einem Behindertenheim. Es gibt dort institutionelle Misshandlung. Und es gibt Freiheitsberaubung bei offener Tür. Wenn über 20-Jährige um 20 Uhr ins Bett müssen, dann ist das nicht Freiheit. Überhaupt: Wer keinen Einfluss darauf hat, wer ihn pflegt und wer nicht, der ist nicht frei.

 

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum